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Tragaudion im Schlossgarten: Schöne Ideen und brillantes Spiel

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Unterhaltsames Sittengemälde, gekonnt inszeniert: Lena Hedemann als Mademoiselle Danceny, Ali Akbaba als Vicomte de Valmont und Smaranda Dancu als Cécile (v.l.) von Tragaudion bei der Premiere im Schlossgarten.
Unterhaltsames Sittengemälde, gekonnt inszeniert: Lena Hedemann als Mademoiselle Danceny, Ali Akbaba als Vicomte de Valmont und Smaranda Dancu als Cécile (v.l.) von Tragaudion bei der Premiere im Schlossgarten. © Andrea Jaksch

Die für ihre Spielfreude bekannte Theatergruppe Tragaudion hat sich für diesen Sommer einen Klassiker vorgenommen: „Gefährlich Liebschaften“. Auch das Ambiente stimmt im Starnberger Schlossgarten.

Starnberg – „Ich wollte ein Buch schreiben, das ganz anders ist als das Übliche, das einen Skandal machen wird und das noch bestehen wird, wenn ich längst von der Erde abgetreten bin.“ Das ist Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos gelungen. Sein Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von 1782 wurde ein Aufreger und ein Klassiker der Weltliteratur. Er sei „literarisch und psychologisch glänzend“, fand Hermann Hesse, und die Académie Goncourt wählte den Roman zum bedeutendsten französischen Buch aller Zeiten. Theaterregisseur Manfred Wekwerth, von 1977 bis 1991 Leiter des Berliner Ensembles, bearbeitete den Roman für die Bühne. Diese Version ist nun im Schlossgarten Starnberg zu sehen, gespielt von der Theatergruppe Tragaudion, eine spielfreudige Truppe auf hohem Niveau.

Diesmal führt Regine Ritter Regie, Jan Björn Potthast unterstützt im Hintergrund und sorgt für die Musik. Er steht mit der Klampfe am Bühnenrand, gibt aber auch in einer Nebenrolle den Pater Anselm. Sehr gottesfürchtig! Die Premiere am Donnerstagabend war so heiß wie der ganze Tag, die Schauspieler zum Dahinschmelzen, zu später Stunde funkelten Sterne und Vollmond – das Publikum war verzaubert. Nicht nur wegen der traumhaften Kulisse. Den fürstlichen Lustgarten mit seinem unübertrefflichen Ambiente nimmt der Starnberger so mit. Es waren die Darsteller, die mal wieder über sich selbst hinauswuchsen und begeisterten. Die Wahl des Stückes? „Coronakonform“, wegen der kommentierenden Szenen, so Jan Björn Potthast.

Die Premiere begann pünktlich mit dem 20-Uhr- Geläut nebenan. Auf der Bühne eine rotsamtene Ottomane, es wird gepudert und gefächert, die Schauspieler in schönsten Rokoko-Kostümen, die sich im Park besonders gut machen – und dann der Satz: „Wenn der Kopf schon gefallen ist, so stand sein Schwanz doch immer noch.“ Deftig geht es zu in dem Stück, das von den Intrigen der Marquise de Merteuil und ihres ehemaligen Geliebten Valmont erzählt, von Rache und Verführung. Der ursprüngliche Briefroman gerät dabei nicht in Vergessenheit, immer wieder werden Liebesbriefe aus den Obstbäumen gepflückt wie verführerische Äpfel im Paradies – eine schöne Idee der Regisseurin, die verschiedene Erzählebenen virtuos durchmischt und starke Charaktere aus den Schauspielern rauskitzelt.

Wunderbare Darsteller

Da ist der schmeichlerische Schwätzer Vicomte del Valmonte, ein selbstgefälliger Zeitgenosse, wunderbar dargestellt von Ali Akbaba, der sich anwanzt, was nur hergeht. Die Überheblichkeit in Person ist Marquise de Meteuil, schön hochnäsig dargestellt von Melanie Scheytt. Amara Palacios gibt die kühl Unnahbare als Präsidentin, Smaranda Dancu ein hinreißend schüchtern-naives Mädchen als Cécile, deren Mutter, dargestellt von Asa Agren, gnadenlos scharfzüngig alles kommentiert und überwacht. In weiteren Rollen Lena Heidemann als Mademoiselle Danceny, Elke Ebert als Aristide, Regine Ritter als Kammerzofe und mit kleinen Gesten, die alles sagen, sowie Thomas Blasig als Spielmacher und Erzähler.

Übrigens: Tragaudion sucht Nachwuchs. Theatererfahrung wäre wünschenswert, ist aber nicht erforderlich. Wer mitmachen will, kann sich einfach melden. Als nächstes wird „Mutter Courage“ von Brecht einstudiert.

„Gefährliche Liebschaften“ ist dieses Wochenende am Samstag und Sonntag sowie am 21., 22. und 23. Juli ab 20 Uhr im Schlossgarten zu sehen. Karten: info@tragaudion.de.

ASTRID AMELUNGSE-KURTH

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