„Die Lage ist viel heftiger, als sie die Öffentlichkeit wahrnimmt“: In einer Pressekonferenz stellten Katharina Baur, Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV, Mitte) ihre Stellvertreterin Nicole Bannert und der ehemalige Leiter der BLLV-Rechtsabteilung, Hans-Peter Etter, am Freitag die aktuellen Herausforderungen für die Lehrer vor.
+
„Die Lage ist viel heftiger, als sie die Öffentlichkeit wahrnimmt“: In einer Pressekonferenz stellten Katharina Baur, Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV, Mitte) ihre Stellvertreterin Nicole Bannert und der ehemalige Leiter der BLLV-Rechtsabteilung, Hans-Peter Etter, am Freitag die aktuellen Herausforderungen für die Lehrer vor.

Pandemie, Personalmangel und verärgerte Eltern: Lehrer unter Dauerbelastung

Schule in der Krise

  • Laura Forster
    VonLaura Forster
    schließen

Die Schulsituation im Landkreis ist angespannt. Personalmangel, die Corona-Krise und die immer schwieriger werdende Kommunikation mit den Eltern erschweren den Alltag der Lehrkräfte. In einer Pressekonferenz hat am Freitag der Kreisverband Starnberg des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), der 570 Lehrkräfte vertritt, über die aktuellen Herausforderungen berichtet.

Landkreis - „Die Lage ist viel heftiger, als sie die Öffentlichkeit wahrnimmt“, betonte dabei Hans-Peter Etter, ehemaliger Leiter der BLLV-Rechtsabteilung. „Seit der Corona-Krise sind wir nicht mehr nur Lehrer, sondern Krankenschwestern, ITler und Verwaltungsangestellte“, sagte Nicole Bannert, stellvertretende Kreisvorsitzende des BLLV und Leiterin der Grundschule Starnberg. Die Arbeitszeit und der Stressfaktor hätten stark zugenommen. „Wir müssen auf die Abstands- und Maskenpflicht achten, uns digitale Kompetenzen aneignen, flexibel auf Vorschriftsänderungen reagieren, Testungen durchführen und natürlich unterrichten“, sagte Katharina Baur, Kreisvorsitzende des BLLV und Lehrerin an der Mittelschule Starnberg.

Vor allem die regelmäßigen Tests machten den Lehrkräften oft zu schaffen. „Ich finde es unglaublich, dass wir als nicht ausgebildetes medizinisches Personal die Testungen machen müssen, die Verantwortung tragen sollen und dabei bis auf die Maske noch ungeschützt sind“, sagte Etter. An Grundschulen dauere der Vorgang oft bis zu 20 Minuten. „Zeit, in der wir keine Bildung lehren können“, sagte Bannert.

Ein weiteres Problem sei die Kommunikation zwischen Kultusministerium und Schulleitern. „Meistens wird etwas von oben beschlossen und soll dann schnell umgesetzt werden, wir bekommen die neuen Regel oft erst durch die Presse mit“, sagte Baur. „Diese Art des Umgangs geht einfach nicht.“ Denn sie bedeute schnelles Handeln und Überstunden – auch am Wochenende. „Wenn wir Rektoren die neuen Vorgaben des Ministeriums erst am Freitagabend geschickt bekommen und sie am Montagmorgen schon umgesetzt werden sollen, ist das anders nicht möglich“, sagte Bannert. Die Schulleiterin kritisierte außerdem, dass die Regeln fernab der Praxis getroffen würden und deshalb oft schwer umsetzbar seien. „Kultusminister Michael Piazolo bekommt von mir die Note 5 – für seinen Umgang mit der Corona-Krise und dem Lehrermangel“, so Etter.

Steigender Lehrermangel

Letzteres belastet die Schulen in der Region schon seit Jahren. „Die Pandemie hat die fehlenden Lehrkräfte noch einmal schmerzlich aufgezeigt“, sagte Baur. In allen 25 Schulen des Landkreises fehle mindestens ein Lehrer. Arbeitsgruppen könnten aufgrund der angespannten Lage oft nicht stattfinden, Klassen hätten meist eine Größe von 29 Schülern. „Das ist eine Bankrotterklärung“, sagte Etter. Laut einer Umfrage des BLLV geben 96 Prozent der Lehrkräfte im Landkreis an, den Lehrkräftemangel zu spüren – der laut Kultusministerium gar nicht vorhanden sei.

Trotzdem sollen Schulen immer wieder Quereinsteiger einstellen, stundenweise und gegen günstige Bezahlung, um den Lehrern zu helfen. „Das ist nur leider nicht durchdacht und purer Wahnsinn“, sagte Etter. Die meisten Ungelernten seien zwar sehr engagiert, doch zum Teil pädagogisch unfähig.

Laut Baur müsse sich vor allem etwas an der Besoldung ändern. „Lehrer ist Lehrer, egal ob am Gymnasium oder an der Förderschule, deshalb sollten auch alle das gleiche Gehalt bekommen“, sagte die Vorsitzende. Auch ein flexibleres Arbeitszeitenmodell und die Wertschätzung von außen würden den Beruf attraktiver machen.

Schwierige Situation mit Eltern

Anerkennung für ihren Beruf erfahren Lehrkräfte besonders von Eltern nur selten. Seit der Coronakrise würden sie von einigen nur als verlängerter Arm der Politik gesehen. „Obwohl wir die Regeln ja nicht machen“, sagte Baur. „Seit der Pandemie wird oft gar nicht mehr das Gespräch mit uns gesucht, sondern gleich das Schulamt informiert“, ergänzte Bannert. Vor allem wegen der großen Kluft zwischen verängstigten und verärgerten Eltern sei es oft nicht einfach, im Sinne aller zu handeln. Aber auch schon vor der Pandemie sei manches Eltern-Lehrer-Verhältnis angespannt gewesen. „Es gab welche, die bei Übertrittsproblemen Druck auf die Lehrer gemacht haben – auch mithilfe eines Anwalts“, sagte Etter.

Sollte sich an der aktuellen Lage der Lehrkräfte nichts ändern, kann sich der BLLV vorstellen, eine Demonstration zu veranstalten. „Ein Streik ist als Beamter nicht möglich, außerdem würden immer die Kinder darunter leiden“, sagte Baur. Trotz der angespannten Situation könnten sich die BLLV-Vertreter keinen besseren Job vorstellen. „Lehrer sein ist für viele eine Berufung“, betonte Bannert.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare