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Teilen ist selbstverständlich , findet Sandra Till. Ihre „Isarcard 9 Uhr“ hat sie anderen angeboten, weil sie selbst nicht täglich mit dem Zug nach München fahren muss. 

Facebook-Post kommt gut an

Selbstlose Aktion: Diese Starnbergerin macht andere mobil

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Sie ermöglicht Alleinerziehenden oder Rentnern, die auf jeden Euro schauen müssen, eine Fahrt nach München. Sandra Till bietet ihre MVV-Monatskarte zum Verleih an. Ihre selbstlose Aktion löst im Internet große Begeisterung aus.

Starnberg – Das ältere Ehepaar kommt mit der knappen Rente gerade so über die Runden. Der Mann wird krank. Die Frau kann es sich nicht leisten, ihn in der Münchner Klinik zu besuchen. „Solche Szenarien will ich mir einfach nicht ausmalen“, sagt Sandra Till. Aber genau derart tragische Fälle spukten ihr schon länger durch den Kopf – gerade wenn sie auf die Rückseite ihres Smartphones schaute. Dort steckt in der Schutzhülle die „Isarcard 9 Uhr“ für das MVV-Gesamtnetz. Die Starnbergerin braucht sie beruflich nur zehn Mal im Monat. Doch das übertragbare Ticket berechtigt täglich zum S-Bahn-Fahren, und in München auch für U-Bahn, Tram und Busse.

Was sie schon immer naheliegend fand, setzte Sandra Till nun im Internet in die Tat um. Die 47-Jährige bot ihre Monatskarte in der öffentlichen Facebook-Gruppe „Think Positive Starnberg“ zum Verleih an. „Du würdest gern mal wieder nach München fahren? Bummeln, Vorstellungsgespräch, Freunde treffen oder mit den Kindern in den Zoo? Aber das MVV-Ticket ist schon eine Hürde?“, schrieb Till und erntete schnell mehr als 70 positive Reaktionen: „Wow, dicken Respekt“, „Tiptop“, „Welch Geschenk“ oder „think positive auf höchstem Niveau“, kommentierten die Gruppenmitglieder.

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Es dauerte nicht lang, bis sich eine Rentnerin meldete, sagt Till: „Sie hat einen Nebenjob in München und muss deshalb ab und an mit der S-Bahn fahren.“ Die Starnbergerin hofft, dass sich ein kleiner Kreis etabliert, der die Karte regelmäßig nutzt. Große Bedenken, dass ihr Vertrauensvorschuss und das Angebot missbraucht werden, hat sie nicht: „Meine größte Angst ist eigentlich nur, dass ich selbst vergesse, das Ticket wieder in die Handyhülle zu stecken.“ Ein Pfand will Till nicht verlangen – sondern andere mobil machen, ohne Kompromisse.

Auch ihre Freundin Ina Kozlowski ist so schon in den Genuss einer Freifahrt gekommen: „Es ist ja eigentlich bemerkenswert, dass nicht viele Menschen auf diese Idee kommen“, findet sie. Sandra Till wundert sich über die Reaktionen: „Ich muss gestehen, dass ich überrascht war, dass viele das Angebot als so außergewöhnlich betrachten. Jeder Feuerwehrler, der nachts um 3 Uhr aufsteht und einen Keller auspumpt, leistet mehr.“

„Wenn es im Rathaus zehn Tickets für Bedürftige gäbe...“

Sie selbst habe die Atmo-sphäre in der „Think-Positive“-Gruppe motiviert. Das Facebook-Projekt will ein Gegengewicht zu den negativen Debatten über Starnberg im Netz sein. Till hatte in der Gruppe davon gelesen, dass andere eine Buchtauschbörse im öffentlichen Raum organisieren wollen. „Da habe ich mir gedacht: Ich wollte doch auch mal meine Hilfe anbieten.“ Andere mobil machen könnten auf diese Art auch wohltätige Organisationen oder die Stadt, findet Till. „Wenn es im Rathaus zehn Tickets für Bedürftige gäbe, wäre das doch sinnvoll.“

Die Starnbergerin handelt übrigens in keiner Grauzone. „Solange die Karte nur verliehen wird, ist das völlig legitim“, sagt MVV-Sprecherin Franziska Hartmann. Laut den Beförderungsbestimmungen des Unternehmens ist nur der entgeltliche Verleih nicht gestattet.

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