Gebannter Blick nach oben: ein Richtfest an der Luitpoldstraße 2 in Söcking im Jahr 1983.
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Gebannter Blick nach oben: ein Richtfest an der Luitpoldstraße 2 in Söcking im Jahr 1983.

Gründung am 21. April 1921

Ställe statt Garagen, kuriose Hausordnungen und viele Heimaten: Wohnungsgenossenschaft feiert 100-Jähriges

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Wie sich die Zeiten geändert haben, sieht man gut an der langen Geschichte der Wohnungsgenossenschaft Starnberger See. Die wird an diesem Mittwoch 100 Jahre alt. Ein Rückblick.

Starnberg/Landkreis – Der Grundriss des ersten Wohnhauses der Starnberger Baugenossenschaft aus dem Jahr 1921 sagt viel über die damalige Zeit aus: Es gab kaum Autos, viele Familien waren Selbstversorger und lebten auf engem Raum. In den Plänen waren Kleintierställe für Kaninchen, Hühner oder Ziegen eingezeichnet – dort, wo heute Garagen oder Carports Platz finden.

Die Wohnfläche: 54 Quadratmeter. Mit den Bauten am Riedener Weg in Starnberg, die 1971 abgebrochen wurden, begann die Geschichte einer Organisation, die an diesem Mittwoch 100 Jahre alt wird. „Am 21. April 1921 gründeten 131 Starnbergerinnen und Starnberger im Gasthof Pellet-Mayer die Allgemeine Baugenossenschaft Starnberger See eGmbH.“ So steht es in der Jubiläumsfestschrift der Wohnungsgenossenschaft Starnberger See, wie sie seit 1940 heißt. In jenem Jahr verschmolz der Bauverein Starnberg mit der Baugenossenschaft.

Erstes Projekt: Die Geschichte der Genossenschaft beginnt mit diesen Häusern am Riedener Weg in Starnberg, erbaut 1921, abgerissen 1971.

Aus dem Projekt der 131 Starnberger ist im vergangenen Jahrhundert eine Vereinigung mit 1700 Mitgliedern geworden. 570 Wohneinheiten in 55 Gebäuden betreibt die Genossenschaft derzeit, die allermeisten davon in Starnberg, drei Häuser stehen in Tutzing, eines in Feldafing. Das größte bestehende, zusammenhängende Ensemble (die Häuser Am Sonnenhof 1 bis 5 mal ausgenommen) wurde 2020 an der Himbselstraße fertiggestellt. 14 Millionen Euro investierte die Genossenschaft in 41 Wohneinheiten, in denen es sich bequem leben lässt.

Gründungsort der „Allgemeinen Baugenossenschaft Starnberger See: der Gasthof Pellet-Mayer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es dagegen noch um das Nötigste, wie die Festschrift erahnen lässt: „Bei der Errichtung der ersten Häuser auf der Angerwiese wurde auf einen Balkon als Luxus verzichtet. (...) Im Vordergrund stand, den Menschen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen und sie mit einem Gemeinschaftsbad im Keller und einer Ofenheizung zu versorgen.“ Schließlich wuchs die Einwohnerzahl Starnbergs im und nach dem Krieg um rund 3000. Gerade zwischen Kriegsende und 1970 war die Genossenschaft ein enorm wichtiger Faktor, in dieser Zeit entstand jede fünfte Wohnung in Starnberg durch sie. Ein prominentes Beispiel sind die 105 Wohnungen an der Angerweide, die bis 1965 gebaut werden.

Ab Anfang der 1970er-Jahre machten der Genossenschaft dann politische Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt zu schaffen. Der Baugrund wurde so teuer, dass sie keine Grundstücke mehr erwerben konnte. Aber: Die Stadt kam ihr teilweise mit eigenen Flächen gegen Erbpacht entgegen.

Jüngstes Projekt: Die Wohnanlage an der Himbselstraße mit 41 Einheiten wurde im Jahr 2020 fertiggestellt.

Wieder weiter zurück in die Vergangenheit: Aufschlussreich ist die Erwähnung einer Hausordnung der 1920er-Jahre in der Festschrift: Sie verbietet etwa das Zerkleinern von Holz und Kohle für die Heizöfen innerhalb der Wohnräume. Und auch die Hausruhe war genau vorgeschrieben: Musik durfte nur „betrieben“ werden von Oktober bis April ab 8 Uhr und von April bis Oktober ab 7 Uhr. Und: „Im Falle einer schweren Erkrankung“ eines Hausbewohners konnte der Vermieter eine „zeitliche Beschränkung des Musizierens“ verordnen. Sätze, die man in heutigen Hausordnungen eher selten findet.

Die Zeit brachte viele Veränderungen. Aber die Wohnungsbauer zeichneten sich schon immer durch personelle Kontinuität im Vorstand aus. August Mehr, seit 2007 im Amt, ist erst der siebte Vorsitzende in der 100-jährigen Historie. Der erste Chef, Rudolf Jahn, brachte es auf 22 Amtsjahre, Hans Gleixner ab 1965 sogar auf 23. Anlässlich des Jubiläums stellt der aktuelle Vorstand heute an der Wohnanlage an der Himbselstraße einen Gedenkstein auf.  

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