Idyll mit Risikopotenzial: Hellmut Pittinger auf der Brücke, die auf seinem Grundstück in Percha über den Lüßbach führt. Diese sollte hoch genug sein, um einem Hochwasser standzuhalten und den Abfluss zu gewährleisten, hofft er.
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Idyll mit Risikopotenzial: Hellmut Pittinger auf der Brücke, die auf seinem Grundstück in Percha über den Lüßbach führt. Diese sollte hoch genug sein, um einem Hochwasser standzuhalten und den Abfluss zu gewährleisten, hofft er.

Überschwemmungsgebiete

Amt: Lüßbach ist Risikogewässer

  • VonSandra Sedlmaier
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  • Peter Schiebel
    Peter Schiebel
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Das Wasserwirtschaftsamt Weilheim muss auf rechtlicher Basis Gebiete entlang des Lüßbachs, vor allem in Percha, als Überschwemmungsgebiete sichern, was Folgen für die Anlieger haben kann. Das Landratsamt hat die Antragsunterlagen bereits bekommen. Nach den Sommerferien soll es einen Behördentermin geben, auch mit den Anrainergemeinden.

Percha – Wie schnell es gehen kann, dass aus vermeintlich harmlosen Gewässern reißende Fluten werden, haben die Überschwemmungen in Westdeutschland und im Berchtesgadener Land vor einigen Wochen gezeigt. Auch im Landkreis Starnberg gibt es Gewässer, die das Potenzial dazu haben, Schäden zu verursachen. Dazu gehört der Lüßbach, der nach Ostersee-Ach und Georgenbach drittgrößte Zufluss in den Starnberger See.

Mit ihm haben sich seit Ende 2018 die Experten des Landesamtes für Umwelt und des Wasserwirtschaftsamtes Weilheim ausgiebig beschäftigt. Sie haben den Lüßbach im Rahmen der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie als Risikogewässer ausgewiesen – und gemäß Auftrag des Gesetzgebers die Gebiete ermittelt, in denen eine Überflutung durch ein Hochwasserereignis statistisch gesehen einmal in 100 Jahren zu erwarten ist. Deren rechtliche Sicherung ist mittlerweile beim Landratsamt beantragt. Das bestätigt die für den Landkreis Starnberg zuständige Abteilungsleiterin im Wasserwirtschaftsamt, Susanne Haas, gegenüber dem Starnberger Merkur.

Mitte Juni sind die Unterlagen im Landratsamt angekommen. Die Überschwemmungsgebiete umfassen grob gesagt den Bereich zwischen Schiffbauerweg, Berger Straße und Würmstraße in Percha und damit auch den Tassiloweg und die Seestraße. Gleiches gilt auch für Flächen östlich der Berger Straße Richtung Harkirchener Straße. In den Gemeindegebieten von Berg und Münsing umfassen die Flächen keine Siedlungsgebiete.

Sobald diese Bereiche formal als Überschwemmungsgebiet gesichert sind, „gelten unter anderem die baulichen und sonstigen Schutzvorschriften der Paragrafen 78 und 78a des Wasserhaushaltsgesetzes“, erklärt Haas. Demnach ist dort grundsätzlich „die Errichtung oder Erweiterung baulicher Anlagen (...) untersagt“, wie es im Gesetz heißt. Ausnahmen sind unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Gleiches gilt zum Beispiel auch für das Errichten von Mauern und Wällen oder das Anlegen von Baum- und Strauchpflanzungen.

Für Mitte Oktober ist nun ein Behördentermin vereinbart, zu dem neben Vertretern von Wasserwirtschaftsamt und Landratsamt auch die Stadt Starnberg und die Gemeinden Berg und Münsing als Lüßbach-Anrainer eingeladen sind. Vorab will sich die Kreisbehörde nicht zu dem Thema äußern. „Wir können zurzeit noch keine Einschätzung und Stellungnahme abgeben“, sagt Landratsamtssprecherin Barbara Beck. Entspannt zeigt sich die Stadt Starnberg. „Durch den Antrag auf Sicherung der Überschwemmungsgebiete (...) ergeben sich keine rechtlichen Auswirkungen auf den Gewässerunterhalt oder Gewässerschutz“, schreibt Rathaussprecherin Lena Choi auf Anfrage und bezieht sich damit auf mögliche Maßnahmen, die die Stadt zu ergreifen hätte.

Gesichert sind die Gebiete, sobald das Landratsamt sie im Amtsblatt öffentlich bekannt gemacht hat. Das Wasserwirtschaftsamt rechnet mit diesem Schritt nach dem Behördentermin. Auf diese „vorläufige Sicherung“ folgt das endgültige Festsetzungsverfahren. Das erfordere eine Öffentlichkeitsbeteiligung und solle anschließend erfolgen, erklärt Susanne Haas.

Die Aufnahme aus dem Jahr 2013 zeigt, wie hoch der Lüßbach ansteigen kann. Die Regenfälle damals seien im Vergleich zu heute jedoch „Peanuts“ gewesen, sagt Anwohner Hellmut Pittinger. 

Mit großem Interesse verfolgt Hellmut Pittinger die Entwicklung. „Endlich tut sich etwas“, sagt der 77-Jährige. Er wohnt seit etwa 40 Jahren an der Seestraße – mit direktem Zugang vom Garten zum Lüßbach. 2013 trug der Lüßbach zum letzten Mal so viel Wasser, dass er über die Ufer trat. Es ging seinerzeit zwar alles gut, aber: „Damals war der Regen im Vergleich zu dem, was jetzt runterkommt, Peanuts“, sagt Pittinger. Allerdings habe dieses Hochwasser auch bewiesen: Sowohl das Hochwasserrückhaltebecken Schwabbruck als auch das bei Sibichhausen kann Percha nicht vor Überflutungen schützen.

Pittingers Sorge: Bachabwärts Richtung See gibt es einige privat errichtete Brücken, die möglicherweise zu niedrig gebaut sind, sodass sie bei einem Hochwasser erst mitgerissen werden und dann den Bach und damit den Abfluss des Wassers blockieren könnten. Hinzu komme, dass das Ufer teils nicht oder nicht richtig befestigt sei. „Das ist eine massive Gefahr für alle, die da wohnen“, sagt Pittinger. Die Brücken müssten mindestens so hoch angelegt sein wie die am Schiffbauerweg, fordert er.

Fakt ist: Wer zwischen dem Münsinger Ortsteil Schwabbruck und der Mündung bei Percha über den Lüßbach zum Beispiel eine Brücke oder einen Steg bauen will, braucht dafür eine Genehmigung des Landratsamtes. Die liege für „mehrere Stege zwischen Seestraße und Schiffbauerweg“ auch vor, sagt Behördensprecherin Barbara Beck. Allerdings will sie nicht ausschließen, dass Brücken auch illegal errichtet worden sind – und möglicherweise auch zu niedrig sein könnten. Erkenntnisse darüber würden dem Landratsamt aber nicht vorliegen.

Pittinger sieht die Anlieger, aber auch die Stadt in der Pflicht, für einen ausreichenden Hochwasserschutz zu sorgen. Das Rathaus gibt sich jedoch auch in dem Punkt zurückhaltend: „Eine Überschwemmung des Gewässers auf Privatgrundstücke aufgrund von Hochwassersituationen durch Gewässer“ sei nicht im Rahmen der städtischen Unterhaltsverpflichtung zu sehen, schreibt die Verwaltung. Der Lüßbach-Termin im Oktober verspricht, spannend zu werden.

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