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Aufstand gegen Spahns Biontech-Plan - Landrat schickt Wut-Mail nach Berlin

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Von: Peter Schiebel

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Hochzufrieden mit dem Sonderimpftag: Landrat Stefan Frey (l.) und BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang konnten sich über 659 Impfungen freuen, darunter 190 Erstimpfungen. 
Hochzufrieden mit dem Sonderimpftag: Landrat Stefan Frey (l.) und BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang konnten sich über 659 Impfungen freuen, darunter 190 Erstimpfungen.  © Andrea Jaksch

Am Wochenende fand nicht nur ein Sonderimpftag im Landratsamt statt, Landrat Stefan Frey schrieb auch eine Wut-Mail nach Berlin. Der Grund: Spahns Biontech-Plan.

Landkreis – Da ist ihm aber mächtig die Hutschnur geplatzt. Mit einer geharnischten E-Mail an das Bundesgesundheitsministerium in Berlin hat Landrat Stefan Frey auf die Ankündigung reagiert, die Auslieferung des Corona-Impfstoffs von Biontech zu begrenzen. „Wissen Sie eigentlich, dass Sie uns (...) einen Bärendienst erweisen und jegliche Motivation unserer Ärzteschaft zum Erst- und Nachimpfen zerstören?“, schreibt Frey an Staatssekretär Dr. Thomas Steffen. Und weiter: „Wir, vor Ort in der Praxis, haben es ein Dreivierteljahr erlebt, was es heißt, Mangel zu verwalten und am Limit zu arbeiten. Ist man denn daraus in der Bundesregierung noch immer nicht schlauer geworden?“

Positive Bilanz bei Sonderimpftag in Starnberg: 659 Menschen kamen

Was Frey am Samstag auf die Palme gebracht hat: Die Behörde des geschäftsführenden Ministers Jens Spahn hat mitgeteilt, die Höchstbestellmenge des Biontech-Vakzins auf 30 Dosen pro Arztpraxis und Woche zu begrenzen. Impfzentren und mobile Impfteams sollen 1020 Dosen erhalten. Alles, was darüber hinaus geht, soll über den Impfstoff von Moderna abgewickelt werden.

Frey versteht die Welt nicht mehr. Mitten in der vierten Welle würden Arztpraxen und Impfzentren „den maximalen Impfmotor“ anwerfen, bekämen nun aber „Knüppel zwischen die Beine geworfen“. Die meisten Menschen wollten den Impfstoff von Biontech – „die werden wir doch nicht einbremsen, unter Verweis auf gekürzte Bestellmengen“. Frey liefert nach Berlin das Beispiel einer Hausärztin mit eigener Praxis, die ihm geschrieben habe. Sie habe viele Menschen mit Biontech geimpft, die jetzt kein Moderna bekommen dürften. Zudem dürfe Moderna nicht an Personen unter 30 Jahren verimpft werden. Sollte sie nun weniger Biontech-Vakzin bekommen, „würde das wahrscheinlich wirklich bedeuten, dass wir weniger bis nicht mehr impfen“, so die Ärztin.

So sehr Frey über die Berliner Pläne verärgert ist, so sehr freut er sich über den Ablauf des Sonder-Impftages am Samstag im Landratsamt. „Ich bin wirklich happy“, sagte er. „659 Menschen haben unser Impfangebot wahrgenommen.“ Darunter waren 190 Erstimpfungen, 44 Zweitimpfungen und 425 sogenannte Boosterimpfungen. In 95 Prozent der Fälle wurde das Vakzin von Biontech verimpft, in den anderen fünf Prozent das von Moderna. In der Zahl 659 stecken auch 55 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren. „Unseren Helferinnen und Helfern von BRK, THW und Landratsamt danke ich sehr herzlich“, betonte Frey. „Klasse Leistung! Nur so geht’s raus aus der Pandemie.“

BRK-Chef: Marathon statt 100-Meter-Lauf

„Aus dem 100-Meter-Lauf ist ein Marathon geworden“ – so beschrieb BRK-Kreisgeschäftsführer Jan Lang am Samstag die derzeitige Impfsituation. Zum Glück geht dem Landkreis trotzdem noch nicht die Puste aus, wie die gut organisierte Aktion zeigte: Die 659 Impfdosen waren in sechs Stunden weg, es gab geringe Wartezeiten und zufriedene Geimpfte. Der Weg zur Impfung war wie ein Rundgang durchs Landratsamt. Weitläufig hatten die Organisatoren die verschiedenen Stationen über das gesamte Gebäude verteilt. So standen draußen im Vorhof Bierbänke und Tische zum Ausfüllen des Anamnesebogens, weiter ging’s in zwei verschiedenen Schlangen für Ungeimpfte und bereits Geimpfte nach drinnen zur Registrierung, über den Hof zu den Beratungsgesprächen und schließlich zur Impfung.

„Wir können so das Geschehen entzerren“, erklärte Frey. Er selbst war vor Ort und stand den Leuten für Fragen zur Verfügung, was zum Beispiel die 19-jährige Tamara Becker sehr positiv fand. Sie holte sich gemeinsam mit ihrer Familie die erste Impfung. Eine Stunde wartete sie. „Das ging trotz großem Andrang ganz schnell“, sagte Becker. Bereits zwei Stunden vor Beginn um 10 Uhr standen laut Philipp Gasser vom THW 90 Leute an. Gegen Mittag löste sich die Schlange dank fleißiger Helfer und guter Organisation auf.

Auch Jan Lang, der selbst an der Anmeldung saß, war zufrieden: „Es gab heute keine Drängler. Ab und zu sind die Menschen bei solchen Impfaktionen ungeduldig oder aggressiv, aber das liegt meistens an ihren Bedenken oder der Angst.“ Man brauche gute Nerven für diese Arbeit. „Je länger die Impfkampagne dauert, desto ressourcensparender müssen wir arbeiten“, so Lang. „Der Marathon dauert noch an.“

Die Boosterimpfung gab es am Samstag nur für über 70-Jährige. „Wir mussten diese Einschränkung leider treffen“, so Stefan Frey. „Wir werden in den Impfzentren oder bei Impfaktionen überrannt, und ohne solche Einschränkungen entgleist uns das.“ Er freue sich über jeden, der sich für die Impfung entscheidet, und plane deshalb noch mehr Impfmöglichkeiten für alle. „Es ist meine Aufgabe für die nächste Woche, gemeinsam mit dem BRK Möglichkeiten zu finden.“

Landrat will Testzentrum aufbauen

Erst am Wochenende habe er von der Regierung von Oberbayern die Erlaubnis bekommen, mehr als die bisher erlaubten 2720 Impfdosen pro Woche zu verimpfen. „Es gab bisher für die Impfzentren diese Obergrenze. Jetzt, wo auch wir ungedeckelt impfen dürfen, müssen wir wieder hochfahren.“ An Räumlichkeiten mangle es dem Landkreis nicht, aktuell sei es eher die Herausforderung, genügend Personal zu finden. Auch die Logistik müsse man im Auge behalten. Aktuell komme der bestellte Impfstoff nach einer Lieferzeit von zwei Wochen an. Frey hofft, dass der Großhändler diese Zeit bald halbieren kann.

Neben dem Hochfahren der Impfzentren kümmert sich Frey auch um das Testen. „Ich bin dran, ein Testzentrum in Starnberg aufzubauen“, sagte der Landrat. „Auch wenn wir genügend Räumlichkeiten für Impfzentren hätten, für ein Testzentrum ist es schwierig.“ Wer eine Räumlichkeit kennt, könne sich gerne beim Landratsamt melden. Um 18.30 wurde der letzte Piecks gesetzt.

Inzidenz steigt erstmals über 500

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist derweil am Sonntag im Landkreis zum ersten Mal überhaupt auf über 500 gestiegen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab sie mit 507,3 an. Wie viele Neuinfektionen es gegeben hat, ist unklar, da das Landratsamt an Wochenenden keine eigenen Zahlen mehr veröffentlicht. Laut RKI sind bis Sonntagfrüh mindestens 60 Fälle hinzugekommen.

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