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Ohne Fernglas geht’s nicht vor die Tür: Gebietsbetreuerin Dr. Andrea Gehrold und ASO-Chef Pit Brützel sind leidenschaftliche Ornithologen.

40 Jahre Vogelschutzrichtlinie

40 Jahre Vogelschutzrichtlinie: Eine Bilanz

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Vor 40 Jahren verabschiedete die Europäische Union die Vogelschutzrichtlinie, vor 20 Jahren wurde sie aktualisiert. Sie soll der Zerstörung der Lebensräume zahlreicher Vogelarten europaweit Einhalt gebieten. Auch Starnberger See und Ammersee wurden seinerzeit zu Schutzzonen, sogenannten „special protection areas“ (SPA). Die Bilanz fällt nach Ansicht von Experten ernüchternd aus.

Landkreis – Mit leidenschaftlichen Ornithologen unterwegs zu sein, das hat besonderen Charme. Die „Ornis“, wie sie sich selber nennen, haben immer ein Fernglas dabei und auf der Fahrt zum Treffpunkt natürlich schon die ersten Beobachtungen gemacht. Bei der kleinen Zusammenkunft an einem der letzten Sommertage am Starnberger See suchen LBV-Gebietsbetreuerin Dr. Andrea Gehrold und Pit Brützel, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO), auch stets die Wasseroberfläche ab. Im Fokus des Gesprächs aber stehen die Vogelschutzrichtlinie und ihre Auswirkungen auf die Vogelwelt – landkreisweit. Auslöser für die vor 40 Jahren verabschiedete Vogelschutzrichtlinie waren der Rückgang der Vogelbestände sowie die Jagd auf die Singvögel in Südeuropa.

Prachttaucher ist extrem selten

Die Bilanz fällt ernüchternd aus. „Die Richtlinie wurde nicht so umgesetzt, wie wir uns das wünschen würden“, stellt Gehrold (37) diplomatisch fest. Alles, was an Positivem passiert sei, „ist vor allem der Freiwilligkeit zu verdanken“. Dazu zählt beispielsweise die Vereinbarung mit den Wassersportlern, vor allem im Winter die Ruhezeiten zu berücksichtigen. Bekanntlich überwintern am Starnberger See und Ammersee Tausende Wasservögel – weil die Wasserqualität so gut ist und der See nicht ganz zufriert. Störungen sind da dramatisch, denn die Vögel brauchen alle Kräfte, um durch den Winter zu kommen. „Das klappt hier nur, weil die Sportler mitmachen“, sagt Gehrold und ist froh, dass sich dem Appell auch die Verleiher von SUPs angeschlossen haben, die ihre Kunden umfassend informieren würden. „Aber es gibt nach wie vor keine Vorschriften dazu“, bedauert sie. Den Schwarzen Schafen haben die Naturschützer nur wenig entgegenzusetzen.

Gehrold würde sich auch wünschen, spezielle Zonen im See mit Bojen zu markieren. „Hier steht auch nirgends, dass der See überhaupt ein Vogelschutzgebiet ist“, wundert sie sich. Schließlich sei so eine Info auch für Touristen interessant. Der LBV stehe hier in Kontakt mit den Behörden und habe Vorschläge gemacht. „Aber es dauert alles immer ewig“, seufzt Brützel. Ein anderes Thema ist die legale Jagd auf Gänse und Enten. „Die Jagd an sich ist nicht das Problem“, sagt Gehrold. „Aber die Störungen der Zugvögel“. Brützel hat es schon erlebt, dass ganze Schwärme der Zuflucht suchenden Wasservögel aufgescheucht wurden. „Das kostet sie viel Energie.“ Von daher wäre ihm ein Verbot hier am liebsten. Und dann schüttelt er noch ein paar Zahlen aus dem Ärmel: 53 Millionen Vögel werden in Europa jedes Jahr legal gejagt. „Allein in Italien wurden 2017 drei Millionen Singdrosseln geschossen.“ Illegal wurden in Europa und dem näheren Umgriff an die 25 Millionen Vögel getötet. Zum Teil mit barbarischen Methoden: Neben Fangnetzen werden Stöcke mit Leim beklebt, an denen die Vögel hängen bleiben.

Die Vogelwelt in Bildern

In diesen Wochen kehren zahlreiche Zugvögel nach und nach an die Seen zurück. Am Ende sind es allein am Starnberger See bis zu 20 000 Wasservögel, die in großen Gruppen auf das Frühjahr warten. Zu den bekanntesten Arten zählen Reiherenten und Tafelenten. Erstere fliegen bis nach Sibirien. Am Starnberger See bleiben im Sommer nur etwa 20 Reiherenten, es gibt für sie hier auch nur selten einen Brutnachweis. Bis Februar, März sind die hübschen Enten mit ihrem schwarzen Schopf an Starnberger und Ammersee in Gruppen zu beobachten.

Deutlich seltener ist der Prachttaucher. An die 100 Tiere überwintern am Starnberger See. „Sie sind extrem selten“, sagt Brützel. Prachttaucher kehren aus Russland und Skandinavien zurück. „Er ist ein echtes Nordlicht.“ Und ein Grund, warum der Starnberger See im Winter bei den Ornithologen so beliebt ist. Ein Sommergast, der sich in diesen Tagen verabschiedet, ist die Flussseeschwalbe. Am Starnberger See wurden rund 30 Paare gezählt, am Ammersee mehr als 50.

Sympathievögel sind die Gewinner

Im Winter ist im Fünfseenland zudem ein überwinternder Greifvogel regelmäßig zu beobachten – die Kornweihe. Sie übernachtet in Gruppen in großen Schilfgebieten, beispielsweise im Ampermoos. Äußerst rar macht sich der hübsche Eisvogel. Für ihn gibt es im Landkreis kaum mehr einen Brutnachweis. Der flinke Flieger lebt an den kleineren Bächen, findet dort aber kaum Nistplätze.

Der Landesbund für Vogelschutz bietet auch heuer im Herbst die Gelegenheit, die Zugvögel gemeinsam mit Experten zu beobachten. Treffpunkt ist jeweils an der Roseninsel von 11 bis 14 Uhr, und zwar am 13. Oktober, am 17. November, am 15. Dezember und am 2. Februar 2020. „Da informieren wir auch über das Gebiet im Zusammenhang mit der Vogelschutzrichtlinie“, kündigt Gehrold an.

Für Brützel (63) gibt es beim Blick auf die Vogelschutzrichtlinie ganz klar Gewinner und Verlierer. „Gewinner sind die Arten, für die Hilfsprogramme aufgelegt wurden.“ Das sind Weiß- und Schwarzstorch, Kranich, Uhu und Seeadler. „Alles Sympathievögel.“ Auf der Strecke blieben Feldlerche, Rebhuhn, Braunkehlchen und Kiebitz, kurzum die Arten der Kulturlandschaft. „Denen geht es bei uns heute schlechter.“

Was sich wann beobachten lässt

Der Vogelzug ist ein faszinierendes Phänomen. Oft in Schwärmen, aber auch allein legen die Tiere enorme Distanzen zurück. Experten gehen davon aus, dass mehr als 50 Millionen Zugvögel im Herbst allein ihre Brutgebiete in Deutschland verlassen und wärmere Gefilde aufsuchen. Auch im Voralpenland lässt sich der Vogelzug mit etwas Übung, viel Geduld und noch mehr Glück beobachten. Die ersten Schwärme fliegen schon Mitte/Ende August über uns hinweg. Massenzüge am Alpenrand sind zumeist zwischen Ende September und Mitte Oktober zu beobachten. Zu sehen ist der Vogelzug am besten in den Morgenstunden, auch kurz vor Sonnenaufgang, und von exponierten Stellen aus. Eine von diesen ist der Höhenberg bei Drößling, oder auch die Hirschbergalm an der B2. Ein gutes Fernglas empfiehlt sich natürlich, weil die Vögel oft in großer Höhe fliegen. 

Großvögel sind bei guter Thermik oft bis zum Nachmittag zu sehen. Chancen haben Beobachter auch nach einer längeren Schlechtwetterperiode, beispielsweise Dauerregen – danach geht’s oft verstärkt weiter. Das gilt auch für den Moment, wenn sich zäher Nebel hebt. Pit Brützel, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO) beim Landesbund für Vogelschutz, ist in diesen Tagen immer wieder unterwegs. Viel gesehen hat er noch nicht. „Es geht gerade erst los.“

 Für den Laien gut erkennbar sind die Stare, Schwalben und Ringeltauben. Sie ziehen in großen Schwärmen. „An einem guten Zugtag können im Ammerseegebiet bis zu 80 000 Ringeltauben im Zug beobachtet werden“, weiß Brützel. Seit mehreren Jahren sind bei uns Anfang November auch Kraniche zu beobachten. Deren Brutgebiete liegen im Nordosten Europas. Von dort fliegen die Kraniche in Richtung Ungarn und am Alpenkamm dann Richtung Westen nach Spanien und Frankreich. „Ich habe von Krailling aus schon mal 70 Stück gesehen“, freut sich Brützel. Und berichtet von einer neuen Zugroute, die sich mittlerweile bei den großen Fliegern etabliert hat.

Viele Infos gibt‘s auch im Netz

Neben der atlantischen Route über Nordwestdeutschland und der baltisch-ungarischen Zugroute fliegen sie auch südlich des Alpenbogens in Richtung Westen. Warum das so ist? „Das ist noch nicht bekannt“, sagt Brützel. 

Bekannt ist hingegen, dass die Zugvögel über drei verschiedene Systeme zur Orientierung verfügen. Einen Sonnenkompass, einen Sternenkompass und einen Magnetkompass. Wie die Vögel, beispielsweise die Rauchschwalbe, allerdings am Zielort ihr Nest aus dem Vorjahr wiederfinden, das ist den Ornithologen nach wie vor ein Rätsel.

 Wer genauer wissen möchte, wie es um die Vogelwelt im Landkreis Starnberg bestellt ist, kann sich auf der Internetseite des LBV Starnberg (www.starnberg.lbv.de) die Monatsberichte der ASO anschauen. Allein im August – ornithologisch ein eher schwacher Monat – dokumentierten Ornithologen dort rund 1000 Beobachtungen. Sie meldeten Braunkehlchen, Gartenrotschwanz, Trauerschnäpper und Steinschmätzer an mehreren Stellen auf Zugrast. Und sogar der Eisvogel zeigte sich am Starnberger See, an der Würm und im Ampermoos. Und beim Sonderflughafen in Oberpfaffenhofen beobachtete eine Ornithologin einen durchziehenden Wiedehopf. „Sehen kann man ihn hier immer wieder“, weiß Brützel. Solche Beobachtungen seien reiner Zufall. „Man muss einfach immer die Augen offen halten.“ 

In den Wintermonaten veröffentlicht der LBV auf der Seite auch die Ergebnisse der Wasservogelzählung am Starnberger See. Sehr viel detailliertere Angaben können sich die Fans der Vogelwelt auf der Seite www.ornitho.de anschauen.

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