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Stolz auf den Doppelband zur politischen Geschichte Starnbergs: Autor Dr. Paul Hoser (2.v.l.), Bürgermeisterin Eva John (Mitte), die Archivare Christoph Aschermann (l.) und Christian Fries sowie Amtsleiterin Sarah Buckel. 

Buchvorstellung 

Knapp 150 Jahre Starnberg auf 900 Seiten

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Der Kulturverlag der Stadt hat am Dienstag den zehnten Band zur Starnberger Stadtgeschichte vorgelegt. „Politische Geschichte“ markiert aber noch nicht den Schlusspunkt der Buchreihe. Für 2020 ist der elfte Band geplant – über die Urkirche St. Benedikt.

Starnberg – Der zehnte Band zur Starnberger Stadtgeschichte umfasst 900 Seiten, ist verteilt auf zwei Bücher und wiegt gut drei Kilogramm. Viel gewichtiger: „Der Doppelband schließt eine Lücke im Wissen um die Zeit von 1850 bis zur Gebietsreform im Jahr 1978“, lobte Bürgermeisterin Eva John am Dienstagabend die Arbeit des renommierten Historikers Dr. Paul Hoser.

Bei der Präsentation der Bände „Politische Geschichte“ in der vollbesetzten Lounge der Gaststätte Strandhouse im Seebad begrüßte John stellvertretend für alle den Ehrenbürger und Altbürgermeister Heribert Thallmair sowie den Träger der Bürgermedaille, Fritz Peter Specht, der lange Zeit an der Seite von Thallmair Vizebürgermeister der Stadt war.

Eva John würdigte Historiker Dr. Paul Hoser für seine Leistung

John freute sich, mit Hoser „einen wissenschaftlich sehr erfahrenen Historiker für die Aufarbeitung unserer Stadtgeschichte gewonnen zu haben“. Ihm gelte „unser allergrößter Dank“. In den Dank bezog sie aber auch alle ein, die dem Autor mit Rat und Tat zur Seite standen. Allen voran der in diesem Jahr verstorbene Druckereibesitzer Josef Jägerhuber senior, der Hoser das Archiv des „Land- und Seebote“ geöffnet und auch aus persönlichem Wissen und Erleben zu der Aufarbeitung der Stadtgeschichte beigetragen hat. Das Buch ist im Kulturverlag der Stadt Starnberg erschienen, der von den beiden neuen Stadtarchivaren Christian Fries und Christoph Aschermann geleitet wird. John: „Sie haben ihre Feuertaufe mit der Herausgabe dieses Werkes mit Bravour bestanden.“

Mit Bravour meisterte auch Hoser dann einen Parforceritt. „Knapp 150 Jahre Geschichte in 30 Minuten zu verpacken, ist schon eine Herausforderung“, sagte er zum Auftakt seiner Ausführungen. Und er holte sogar noch weiter aus – bis ins 18. Jahrhundert. Damals war Starnberg ein kleines, unbedeutendes Fischerdorf, dessen Untergrund so nass war, dass selbst Landwirtschaft kein Auskommen sichern konnte.

Starnberg erlebte durch den Bahnverkehr nach München einen Aufschwung

An Bedeutung gewann der Ort am nördlichen Ende des Würmsees, als 1851 der Dampfschiffverkehr bis ans südliche Seeende in Seeshaupt einsetzte. Einen Aufschwung erlebte Starnberg allerdings erst mit Inbetriebnahme des Bahnverkehrs von und nach München im Jahr 1854. Was bis heute mit einer negativen Begleiterscheinung verbunden ist: der Trennung der Stadt vom See.

Hintergrund für die unglückliche Gleisführung war die Weigerung einflussreicher Villenbesitzer, Grund für die Eisenbahn abzugeben, weil ihnen die Entschädigungszahlungen zu niedrig waren. Für Furore aus diesem Kreis sorgte Andreas Pellet, der sich nach und nach einen Großteil der Grundstücke zwischen der heutigen Josef-Jägerhuber-Straße und dem See einverleibte. Die Villenmeile an der heutigen Maximilianstraße gehörte ihm komplett, weshalb er sie als Privatstraße ausweisen ließ. Mehrere Versuche, die Bahntrasse weg vom See zu verlegen, scheiterten kläglich – zuletzt in den späten 1940er Jahren.

Acht Prozent der Starnberger Bevölkerung zählten 1912 zur Oberschicht

1912 erhielt Starnberg das Stadtrecht, was dem Ort aber wenig Nutzen einbrachte – eher das Gegenteil. Acht Prozent der Bevölkerung zählten zur so genannten Oberschicht. Das waren die Villenbesitzer, die am gesellschaftlichen Leben in Starnberg kein Interesse hatten. Den Bogen spannte Hoser weiter über den entbehrungsreichen Ersten Weltkrieg und die Zeit der Weimarer Republik bis ins Dritte Reich.

Bereits seit 1920 habe sich die politische Rechte in Starnberg stark bemerkbar gemacht, sagte er. Höchstwahrscheinlich war damals auch Adolf Hitler das erste Mal da, um als Redner im Tutzinger Hof aufzutreten. Die NSDAP war 1933 mit 41 Prozent stärkste Partei, ihr Ortsgruppenführer Franz Buchner wurde Bürgermeister.

Hoser: Starnbergs Vorzeigestück sei die Seenlandschaft mit Alpensilhouette

Über die Zeit der amerikanischen Besatzung und die letztlich gescheiterten Versuche Ende der 1960er Jahre, ein städtebauliches Konzept durchzusetzen (Eberl-Plan), landete Hoser bei der Gebietsreform 1978, die mit dem Widerstand Söckings gegen die Eingemeindung nach Starnberg hohe Wellen schlug. Hosers Fazit: „Starnbergs Vorzeigestück ist die Seenlandschaft mit der Alpensilhouette.“

Politische Geschichte

Doppelband zur „Starnberger Stadtgeschichte“, Kulturverlag der Stadt Starnberg, 29,80 Euro.

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