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Eine alte Panzermine im Starnberger See wurde gesprengt, doch es könnten noch mehr Kriegsutensilien am Grund liegen. 

Sprengung erfolgreich

Panzermine im Starnberger See gesprengt: Forscher haben Verdacht - „See war schon immer eine Mülltonne“

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Sie konnte nicht entschärft werden: Deshalb sprengten Spezialkräfte eine alte Panzermine im Starnberger See. Forscher haben nun einen Verdacht.

Update vom 3. April, 11.33 Uhr: Angesprochen auf die am Montag gesprengte Panzermine im Starnberger See (siehe unten), antwortet Lino von Gartzen mit einer traurigen Erkenntnis: „Der See war schon immer eine Mülltonne“, sagt der Unterwasserforscher aus Berg – und ergänzt: „Seit der Besiedlung wurde alles reingeworfen, was man nicht mehr brauchen konnte.“ 

Panzermine im Starnberger See gesprengt: Kriegsutensilien am Grund 

Das gilt gerade für die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Handgranaten, Minen, Munition oder Fliegerbomben, wie sie vergangene Woche von Bundeswehr-Tauchern in der Starnberger Bucht entdeckt wurden: Immer wieder tauchen Kriegsutensilien am Grund des Sees auf. Einen der bekanntesten Funde machte von Gartzen im September 2008 selbst. Als Taucher war er an der Bergung einer Leiche beteiligt, als er einen Torpedo entdeckte. In der Folge wurde der halbe See gesperrt, der Kampfmittelräumdienst sprengte die Waffe, eine 40 Meter hohe Wasserfontäne schoss in den Himmel vor Niederpöcking. 

Nach Minenfund im Starnberger See: Schlummern dort noch weitere Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg?

Man werde immer wieder neue alte Relikte am Grund des Sees finden, sagt von Gartzen. Erstens, weil noch so viele Stellen unerforscht seien („Für den ganzen See würden zwei Leben nicht ausreichen.“), zweitens weil Strömungen oder Schiffe beim Gasgeben die Sedimente durcheinander wirbeln und so versunkene Gegenstände wieder freilegen würden. Die Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU) hat sich in mehreren Forschungsprojekten mit Hinterlassenschaften im Starnberger See beschäftigt. Laut dem Vorsitzenden Tobias Pflederer wurden sämtliche Seen als Entsorgungsplatz missbraucht. Er beruft sich auf historische Berichte. „Einheimische haben direkt nach der Kapitulation der Nazis Zeug über die Stege und mit Booten rausgekarrt oder aufs Eis gestellt. Wohl auch, um nicht von den Alliierten verantwortlich gemacht werden zu können.“

Fotostrecke: Panzermine in Starnberger See gesprengt

Für Pflederer steht fest: Im See schlummern noch viele Kriegsutensilien. Und: „Manche Überbleibsel wurden einfach nur reingeworfen, deshalb besteht auch in Ufernähe ein gewisses Gefahrenpotenzial.“ 

„Im Starnberger See hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen – bis zur Steinzeit“

Florian Huber hat unzählige Tauchgänge im Starnberger See hinter sich. Der aus Lenggries stammende Unterwasserarchäologe hat gerade in Nord- und Ostsee erfahren, wie viel Massen an Kriegsschrott „verklappt“ wurden. Er spricht von 1,3 Millionen Tonnen. „Selbst wenn von den Bomben keine Gefahr mehr ausgeht: Das Zeug rostet und ist umweltschädlich“, sagt Huber. Für Archäologen wie ihn ist der Starnberger See vor allem rund um die Roseninsel interessant: Dort liefern die als Weltkulturerbe geltenden Pfahlbauten den einzigen Beleg für die Existenz prähistorischer Seeufersiedlungen in den bayerischen Voralpen. In diesem Umfeld entdeckten BGfU-Forscher laut Tobias Pflederer einmal eine Nebelgranate – und informierten umgehend die Kampfmittelräumer. 

All ihre Projekte hat die Gesellschaft auf ihrer Internetseite aufgelistet – sie erzählen von Einbäumen, mit denen sich Siedler auf dem See fortbewegten, oder vom Schindelwrack, einem 13 Meter langen Transportschiff, das wohl in den 1910er Jahren sank. Für Lino von Gartzen ist der Seegrund manchmal spannender als die Forschung an Land: „Jede Epoche hat dort ihre Spur hinterlassen – bis in die Steinzeit.“ Geschichten erzählen auch banalere Fundstücke als Schiffwracks. Einmal habe von Gartzen Bierflaschen von einer Brauerei entdeckt, die es längst nicht mehr gibt.

Erstmeldung: So lief die Sprengung einer Panzermine im Starnberger See ab

Starnberg – Ein dumpfer Schlag und eine zwei Meter hohe Fontäne: So äußerte sich die pure Gewalt, die am Montag im Starnberger See wirkte, an der Wasseroberfläche. Um kurz nach 10 Uhr am Vormittag sprengten Spezialkräfte eine Panzermine. Die hatten Bundeswehr-Taucher vergangene Woche bei einer Übung entdeckt – genau wie vier 50 Kilo schwere Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg.

Zünder konnte nicht entfernt werden: Panzermine im Starnberger See gesprengt

Neben Wasserschutzpolizei, Rettungskräften, Feuerwehr und Landratsamt unterstützte die Bundeswehr dann auch den etwa zweistündigen Sprengeinsatz. Die Taucher-Insel des Ausbildungszentrums in Percha diente als Basislager. Auf einem Boot brachten Soldaten die Taucher des Kampfmittelräumdienstes an den Fundort der Panzermine – etwa 500 Meter vom Ufer der Starnberger Bucht entfernt, südlich des Bayerischen Yacht-Clubs und westlich des Landschulheims Kempfenhausen.

Im Gegensatz zu den Blindgängern wollten die Spezialisten die Mine nicht einfach aus dem Wasser fischen. Einst konzipiert, um Kriegsfahrzeuge in die Luft zu jagen, wurde sie nun selbst gesprengt. Kai Motschmann, der den Einsatz für die Polizei begleitete, erklärt: „Der Zünder konnte nicht entfernt und die Mine nicht transportiert werden.“ Es sei eine Art Ausbauschutz integriert gewesen. Panzerminen erinnern in ihrer Form an übergroße Teller oder Schüsseln.

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Panzermine in Starnberger See gesprengt: „Wir mussten keine Platzverweise erteilen“

Das Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Percha hatte die Funde laut Motschmann Anfang vergangener Woche gemeldet. Am Donnerstag fuhren die Sprengexperten dann mit der Polizei auf den See – um festzustellen, dass sie um eine Sprengung nicht herumkommen. Zwei der vier Fliegerbomben konnten sie dabei schon aus dem Wasser holen.

Den Einsatz am Montag habe man ganz bewusst nicht angekündigt, sagt Motschmann: „Wir wollten keine Schaulustigen.“ Ein paar Kanufahrer und andere Boote hielten sich trotzdem in der Nähe auf. „Aber wir mussten keine Platzverweise erteilen“, so Motschmann. Die Relikte aus Kriegszeiten seien in einem Umkreis von etwa 50 Meter am Seegrund gelegen. „Der Taucher konnte hin- und herschwimmen.“

Deren Chef ist Dr. Andreas Heil. Er gehört der Tiefbau-Spezialfirma Tauber mit Sitz in Nürnberg an, die für die Kampfmittelbeseitigung in Bayern vom Freistaat beauftragt ist. „Unter Wasser sind die Verhältnisse ganz anders. Die Druckwelle verbreitet sich weiter“, sagt er. Ein großer Sicherheitsabstand sei einzuhalten, die Taucher müssten bei der Sprengung auf jeden Fall aus dem Wasser. Meist werden Zündeinrichtung und Sprengsatz an die Bombe oder Mine geklebt. Weitere Details – zum Beispiel zur nötigen Sprengstoffmenge – will Heil nicht verraten: „Wir befürchten, dass es sonst Nachahmer gibt.“ Der Einsatz im Starnberger See sei für die Taucher vergleichsweise einfach gewesen – die Kriegswaffen lagen gerade mal in zwei bis drei Metern Tiefe.

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Wegen Torpedo: Erinnerung an den größten Einsatz im Jahr 2008 

„Es ist zu befürchten, dass dies nicht der letzte Einsatz dieser Art gewesen sein dürfte“, sagt Polizist Motschmann. Ob Handgranaten oder Munition: Entsorgte Kriegsreste wurden auch schon in der Vergangenheit im See gefunden. So tauchten 2014 nahe der Starnberger Schifffahrtswerft zwei Sprengbomben der Wehrmacht und eine Boden-Luftrakete der US-Armee auf. Der größte Einsatz war am 17. September 2008 vor Niederpöcking nötig: Eine 40 Meter hohe Fontäne schoss aus dem Wasser, als ein Kommando einen scharfen Torpedo sprengte, die Explosion war kilometerweit zu hören, 300 Helfer waren im Einsatz, die Hälfte des Sees wurde abgeriegelt.

Die Polizei Starnberg bittet Spaziergänger, Badegäste oder Taucher, verdächtige Gegenstände nicht zu berühren, sondern die zuständigen Behörden zu verständigen – notfalls auch unter der 110.

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