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Vizeweltmeister wurde Clemens Wickler im Juli mit seinem Partner Julius Thole – der bislang größte Erfolg für den 24-Jährigen.

Interview mit Deutschlands bestem Beachvolleyballer

Clemens Wickler: „Ohne Erwartungsdruck nach Tokio“

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Anfang Juli sorgte Clemens Wickler für eine kleine Sportsensation: Mit seinem Partner Julius Thole spielte sich der Starnberger bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft bis ins Finale. Dort unterlagen die beiden besten deutschen Beachvolleyballer zwar den Russen Oleg Stojanowski/Wjatscheslaw Krasilnikow mit 1:2, aber mit dem Vizetitel schafften sie endgültig den internationalen Durchbruch.

Hanfeld– Es war die sportliche Überraschung im vergangenen Jahr. Als Clemens Wickler Anfang Juli in Hamburg mit seinem Partner Julius Thole Vizeweltmeister im Beachvolleyball wurde, konnte es der gebürtige Starnberger zunächst gar nicht fassen. „Ich war zwar total euphorisiert, aber bis ich das alles so richtig realisiert hatte, hat es schon eine Weile gedauert“, erzählt der 24-Jährige im Interview mit dem Starnberger Merkur. Sportredakteur Michael Baumgärtner traf den deutschen Shootingstar der Beachvolleyballszene kurz nach Weihnachten bei ihm zu Hause in Hanfeld.

Herr Wickler, hat sich seit Ihrem Überraschungscoup etwas für Sie geändert?

Ja, auf jeden Fall. Bis dahin waren wir ein Team wie jedes andere, doch nach der WM bekamen wir viel mehr Aufmerksamkeit. Plötzlich wurden wir bei den nachfolgenden Turnieren von anderen Weltklassespielern angesprochen, und die Interviewanfragen häuften sich.

Haben Sie sich schon daran gewöhnt?

Mittlerweile ist das schon normal für mich, wobei ich mich manchmal immer noch nicht wie ein Vizeweltmeister fühle.

Sie sind durch diesen Erfolg für die Olympischen Spiele fix qualifiziert. Mit welchen Zielen fahren Sie nach Tokio?

Clemens Wickler bei seiner Erstkommunion.

Für 2020 gibt es keinen Erwartungsdruck. Ziel war sowieso nur die Qualifikation, jetzt wollen wir so weit kommen wie möglich. Dazu muss aber auch die Auslosung passen, wenn man Pech hat, trifft man vielleicht schon im Achtelfinale auf die norwegischen Weltranglistenersten, Anders Mol und Christian Sørum. Das langfristige Ziel war von vornherein, uns für die Olympischen Spiele 2024 in Paris aufzubauen. Da wird dann schon eine Medaille von uns erwartet.

Durch die Zeitverschiebung werden Sie in Japan zu ungewohnten Uhrzeiten spielen.

Ja, da wird es einige Spiele am späten Abend geben, aber das passt schon, ich bin abends sicherlich besser als frühmorgens.

Clemens Wickler bei seiner Einschulung.

Wie sieht Ihr Programm bis zu den Sommerspielen in Tokio aus?

Jetzt stehen erst mal ein paar Trainingslager an, dann gehen wir ganz normal in die Saison und spielen die World Tour. Bis Olympia stehen noch zwei Fünf-Sterne-Turniere an, Mitte Juni in Rom und Anfang Juli in Gstaad. Dort ist die gesamte Weltelite vertreten, da sehen wir dann, wo wir stehen. Mitte Juli geht es dann schon nach Tokio.

Wie sieht Ihr Trainingspensum aus?

Ich komme gerade aus München vom Training. Momentan steht hauptsächlich Athletiktraining auf dem Programm. Ansonsten trainiere ich sechsmal die Woche zweimal jeweils zwei Stunden. Dazu kommen noch Termine wie Physiotherapie und Massagen und so weiter. Ich bin also täglich so von 9 bis 17 Uhr beschäftigt.

Und von einem großen Trainerstab umgeben.

Der umfasst gut zehn Leute. Die Qualität unserer Trainer ist schon sehr hoch. Unser Athletiktrainer Jürgen Wagner zum Beispiel, der auch schon mitverantwortlich war für das Olympia-Gold von Julius Brink und Jonas Reckermann sowie Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, ist ein Meister der Trainingssteuerung. Das war schon beeindruckend, wie er uns zur Weltmeisterschaft genau auf den Saisonhöhepunkt topfit gemacht hat.

Sie sind also absoluter Vollprofi.

Ja klar, anders würde das gar nicht gehen.

Wie finanzieren Sie das alles?

Ich bin seit fünf Jahren in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Außerdem haben wir gute Sponsoren. Das funktioniert beim Beachvolleyball Gott sei Dank ganz gut.

Denken Sie bereits an die Zeit nach Ihrer Karriere?

Clemens Wickler im Team des VCO Kempfenhausen.

Eigentlich nicht. Ich mache zwar momentan ein Fernstudium in Wirschaftswissenschaften, aber einen wirklichen Plan habe ich nicht, was ich später einmal machen möchte. Ich würde am liebsten gerne noch zwei Olympiazyklen beim Beachvolleyball bleiben. Das heißt, 2028 in Los Angeles würde ich schon noch gerne spielen.

Was sollte Sie davon abhalten?

Naja, ich bin leider sehr verletzungsanfällig. Ich habe häufig Probleme mit den Bändern und den Knien. 2016/17 beispielsweise konnte ich ein Jahr gar nicht spielen. Ich hoffe aber, dass ich noch bis 2028 spielen kann.

Sie sind ja nicht zufällig ein Spitzenvolleyballer geworden. Das Talent wurde Ihnen quasi in die Wiege gelegt.

Das stimmt. Mein Vater Andreas spielte Volleyball zum Beispiel in Innsbruck und auch beim TSV Starnberg, meine Mutter Anna unter anderem erste Bundesliga beim SV Lohhof. Und auch meine 27-jährige Schwester Jenny ist beim Zweitligisten TV Planegg-Krailling aktiv.

Wann haben Sie denn mit dem Volleyballsport begonnen?

Eigentlich spiele ich von klein auf. Aber in einen Verein bin ich erst mit 13 Jahren eingetreten, obwohl ich schon davor in der oberbayerischen Auswahl gespielt habe. Mein erster Verein war der TuS Fürstenfeldbruck, weil es in Starnberg für Buben kein Volleyballangebot gab. 2010 habe ich dann für drei Jahre unter dem bayerischen Landestrainer Peter Meyndt im Olympiastützpunkt Kempfenhausen gespielt.

Wie eigentlich alle Beachvolleyballer haben Sie auch in der Halle begonnen. Was ist der große Unterschied zum Volleyball im Sandkasten?

Für den Kopf ist das eine ganz andere Sache. Du musst beim Beachvolleyball ja jeden zweiten Ball berühren, da spielt Psychologie eine große Rolle. Außerdem muss man alle Techniken beherrschen, außer Blocken in meinem Fall.

Warum?

Weil ich nur 1,90 Meter groß bin. Als Blocker hat man unter zwei Meter Körpergröße keine Chance, auch wenn ich eine gute Sprungkraft habe. So 70 bis 80 Zentimeter springe ich schon hoch.

Ihre Eltern und Ihre Schwester haben Sie jetzt an Weihnachten wieder einmal gesehen. Kommen Sie noch häufig nach Starnberg?

Dass ich wie jetzt eine ganze Woche lang zu Hause bin, ist eher die Ausnahme. Aber ich versuche schon, so oft wie möglich heim zu kommen. Nach dem Ende der Saison habe ich immer drei Wochen frei, dann fahre ich eine Woche nach Hause und zwei Wochen irgendwohin in den Urlaub. Ansonsten schaffe ich es so etwa zwei bis drei Wochenenden pro Jahr nach Starnberg.

Was gab es denn für Geschenke zu Weihnachten für Sie?

Ach, nichts Besonderes. Ein paar Bücher und eine Massagepistole. Außerdem macht mir mein Papa immer eine Fotocollage.

Haben Sie außer Volleyball noch andere Hobbys?

Dafür bleibt momentan natürlich wenig Zeit. Aber ich mache gerne Sport und schaue mir auch viel Sport an. Und ein bisschen an der Playstation daddeln muss auch mal sein.

Dass Sie gerne auch anderen Sport treiben, zeigt allein die Tatsache, dass Sie früher in vielen Starnberger Vereinen aktiv waren.

Ich habe Fußball bei der FT Starnberg gespielt, am Merkur CUP habe ich damals auch teilgenommen. Leichtathletik habe ich beim TSV Starnberg gemacht, und bei den Bergschützen Hanfeld war ich auch. Ich würde gerne mal wieder dort vorbeischauen und ein bisschen schießen. Aber dazu fehlt mir leider meistens die Zeit. Ministrant bin ich auch gewesen, damals unter Stadtpfarrer Konrad Schreyegg.

Und Sie haben 2013 am Starnberger Gymnasium ihr Abitur geschrieben. Haben Sie hier noch Freunde?

Ja klar, Starnberg ist einfach meine Homebase. Ich habe hier noch sehr viele Freunde, die ich auch regelmäßig treffe. Entweder wenn ich in Starnberg bin oder es kommen immer wieder mal welche nach Hamburg oder besuchen mich bei einem Turnier.

Nun leben Sie in Hamburg. Wie gefällt es Ihnen dort? Vermissen Sie nicht den Starnberger See und die nähe zu den Alpen.

Ach, mir gefällt es sehr gut in Hamburg, das ist eine sehr schöne Stadt. Den See vermisse ich gar nicht so sehr, ich bin, ehrlich gesagt, kein Wassermensch. Und auch die Berge gehen mir nicht besonders ab, ich bin noch nie besonders gerne gewandert.

Clemens Wicklers bisherige Erfolge

Weltrangliste: 3. Platz 

Deutsche Rangliste: 1. Platz

2011 - Deutscher Meister U17 

2012 - 3. Platz U18-EM 

2013 - Deutscher Meister U20 

2013 - Weltmeister U19 

2013 - Deutscher Meister U19 

2014 - 4. Platz DM 

2014 - Europameister U20 

2015 - Deutscher Meister 

2017 - Deutscher Meister 

2018 - Sieger CEV Satellite Göteborg 

2018 - 5. Platz FIVB 4-Sterne Ostrava 

2018 - 3. Platz FIVB 4-Sterne Espinho 

2018 - 4. Platz WT Finale Hamburg 

2018 - Beachvolleyballer des Jahres 

2018 - Deutscher Meister 

2019 - 2. Platz FIVB 4-Sterne Den Haag 

2019 - 5. Platz FIVB 4-Sterne Ostrava 

2019 - Vize-Weltmeister 

2019 - 3. Platz FIVB 4-Sterne Moskau 

2019 - Beachvolleyballer des Jahres 

2019 - 2. Platz WT Finale Rom

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