Alte Ansicht: Das Hohenzollernhaus auf einer Postkarte.

"So eine Hütte verkauft man nicht"

Starnberg - Vor 90 Jahren, am 3. August 1924, wurde das Hohenzollernhaus eingeweiht. Über 100 Teilnehmer, vorwiegend Mitglieder der DAV-Sektion Hohenzollern, aber auch viele Gäste und Einheimische, kamen zur Bergmesse und nahmen den Weg von Pfunds hinauf zur Hütte auf sich.

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Am Wochenende 18. bis 20. Juli feiert die Sektion Starnberg des DAV dieses Jubiläum auf der Hütte mit einer Bergmesse. Sektion Hohenzollern, Sektion Starnberg - wie hängt das zusammen? Die Sektion Hohenzollern wurde 1905 in Berlin gegründet. In der Hauptstadt des Kaiserreiches gab es zu jener Zeit schon die Sektionen Berlin (1869), eine Akademische und „Mark Brandenburg“ (beide 1899). Und natürlich hatte man, wie auch die Sektion Starnberg damals, Träume von einer eigenen Hütte. Bereits 1913 bat man beim Hauptausschuss des DOeAV in Wien um Reservierung eines Arbeitsgebietes, denn die Sektion war schon 3400 Mitglieder stark. Man hatte sich das Kaunertal ausgesucht und wollte am Kaiserjoch eine Hütte errichten. Da jedoch die Sektion Frankfurt am Main schon dieses Gebiet besetzt hatte und dort seit 1873 das Gepatschhaus betrieb, entschied man sich für das Radurscheltal mit dem Talort Pfunds. Diesen westlichen Teil der Ötztaler Alpen mit dem Glockturmkamm und den Nauderer Bergen wollte man denjenigen Bergsteigern erschließen, die stille Täler und einsame Hochgipfel in ihrer Unberührtheit und Schönheit genießen wollten.

Der Besuch des lieblichen Radurscheltales schien sehr lohnend, im Talschluss ein Kranz formenreicher Gipfel mit leichten bis mittelschweren Touren, aber auch etwas für Kletterer. Und von allen Hochgipfeln hat man eine wundervolle Aussicht auf die Ötztaler, auf Wildspitze, Weißseespitze, Weißkugel, wie auch hinüber zur Ortlergruppe, auf die nahen Schweizer Gipfel, auf Silvretta, Ferwall und Schesaplana im Westen, und im Norden auf die Lechtaler. Aber dann kam der Erste Weltkrieg dazwischen, und mit ihm die Teilung Tirols mit dem Verlust von über 90 damals reichsdeutschen Hütten in Südtirol.

Verzögerungen durch Ersten Weltkrieg

Sofort nach dem Krieg wurden die Bemühungen des ersten Vorsitzenden Victor Mattern (Matterngrat und -turm am Glockturm) wieder aufgenommen, und allen wirtschaftlichen und sonstigen Schwierigkeiten zum Trotz - Forst und Jägerschaft verweigerten lange Zeit die Zustimmung zum Bau - konnte das Hohenzollernhaus nach sehr kurzer Bauzeit am 3. August 1924 eingeweiht werden. Der Wettergott meinte es an jenem Tage nicht sehr gut mit den Alpinisten, aber alle, die heraufgekommen waren, erfreuten sich an der kleinen behaglichen Hütte, die Platz für 20 Bergsteiger bot. Nur vier Jahre nach der Einweihung konnte man am Radurschelbach wieder feiern, die Hütte war erweitert worden. Anna und Paula Köhle, Töchter des Pfundser Bürgermeisters, übernahmen die Bewirtung.

Heute beliebt: das Hohenzollernhaus.

In Österreichs Erster Republik ging es Anfang der 1930er Jahre genauso chaotisch zu wie in Deutschland. Die Kontrolle des grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehrs wurde in bisher nie gekannter Weise verschärft, eine 1000-Mark-Sperre 1936 eingeführt, der spürbar aufgelebte Fremdenverkehr wurde einschneidend zurückgeworfen. 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an das deutsche Reich, es gab keine Grenze mehr, man konnte wieder reisen. Aber mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verging wohl vielen die Lust dazu. Das Hohenzollernhaus erlebte stille Zeiten in diesem abgeschiedenen Tal, die Sektion Hohenzollern im fernen Berlin sah wenig Möglichkeiten, die Hütte zu betreuen. Man weiß es zwar nicht genau, aber es ist doch zu vermuten, dass sich auch Militär in den Jahren 1940/45 dort oben aufhielt.

1945 wurde der Alpenverein, wie alle anderen Vereine auch, auf Befehl der Alliierten Militärregierung verboten. Sämtliche 179 reichsdeutschen Hütten in Österreich wurden in die Treuhandverwaltung der österreichischen Bergfreunde gegeben, besonders Hofrat Martin Busch hat sich um die Verwaltung dieser Hütten sehr verdient gemacht. 1948 wurde der Alpenverein in Deutschland wieder zugelassen, und 1949 schlossen sich in Berlin alle ehemaligen Berliner Sektionen (Berlin, Mark Brandenburg, Hohenzollern, Kurmark und Akademiker) zusammen zu der einen großen Sektion Berlin.

Inzwischen war seit 1948 - und bis zu seinem Tode 1984 - Franz Netzer aus Pfunds Hüttenwirt auf dem Hohenzollernhaus, zusammen mit seiner Frau Anna. Am 16. Mai 1954 fand in Starnberg im „Undosa“ eine außerordentliche Hauptversammlung des Deutschen Alpenvereins statt, die sich vor allem mit der Weiterführung der vom ÖAV verwalteten deutschen Hütten befasste. 1956 war es endlich so weit, den deutschen hüttenbesitzenden Sektionen wurde ihr Eigentum zurückgegeben. Nun findet die Geschichte des Hohenzollernhauses ihre Fortsetzung bei der Sektion Starnberg.

Einigung mit Berlin erst 1968

Willi Huttig, 1966 zum ersten Vorsitzenden gewählt, hatte eine Vision: Einen hochalpinen Stützpunkt wünschte er sich für die Sektion, als leidenschaftlicher Bergsteiger und Skitouren-Geher genügte die Hörnle-Hütte in den bayerischen Vorbergen keinesfalls seinen Ansprüchen. Die Suche erwies sich als gar nicht so einfach. Das zum Verkauf stehende Meißner Haus (1720 Meter) in den Tuxer Voralpen ging in die Hände der Sektion Ebersberg-Grafing, der Erwerb des Friesenberghauses (2498 Meter) in den Zillertaler Alpen schien greifbar nahe, doch die Sektion Berlin fand, dass es sehr gut in ihr Arbeitsgebiet passen würde. Der Hauptausschuss des DAV verfügte deshalb, dass die Sektion Berlin dafür eine andere Hütte abgeben müsse. Berlin und Starnberg kamen überein, das Hohenzollernhaus ab 1968 zunächst in Betreuung zu übernehmen.

Helmut Friedl, damals zweiter Vorsitzender der Sektion, nahm am 15. Juni 1968 zusammen mit Peter Grimm, Franz Edelmann und Manfred Schröpfer die Hütte und deren Umgebung in Augenschein. Und es gefiel ihm so gut, dass er im gleichen Sommer noch zweimal hinaufstieg. Damals genehmigte der Forst die Fahrt mit dem Pkw bis zum ersten Gatter - dieser Platz heißt beim „Kalten Wirt“, von dort brauchte man knappe drei Stunden bis zur Hütte. Das Hohenzollernhaus sagte den Starnberger Bergfreunden sehr zu, viele verbrachten in den Jahren der Betreuung ihre Urlaubstage in diesem stillen und unberührten Winkel der Westlichen Ötztaler Alpen.

Allmählich aber drängten die Sektion Berlin und auch der Hauptverein auf eine Entscheidung der Sektion Starnberg bezüglich des Ankaufs. Deren finanzielle Mittel waren jedoch mehr als bescheiden, und nur durch sein Verhandlungsgeschick konnte Heinz Holzinger, damals im Beirat der Sektion, einen Vertrag mit der Sektion Berlin aushandeln, mit dem das Hohenzollernhaus zum 1. Januar 1978 zu einem Kaufpreis DM 108 500 in den Besitz der Sektion Starnberg überging.

DAV Starnberg zahlt in Raten

Beschlossen wurde dieser Ankauf in einer außerordentlichen Hauptversammlung am 27. September 1977, bei einem Stand von etwa 1000 Mitgliedern waren 130 stimmberechtigte Mitglieder anwesend (entspricht 13 Prozent), bei der Abstimmung stimmten 104 mit Ja, 22 mit Nein, dazu vier Enthaltungen bzw. ungültige Stimmen.

Vom Kaufpreis konnten nur 50 000 DM sofort bezahlt werden, der Rest wurde in neun Jahresraten zu je 6500 DM beglichen. Die Stadt Starnberg gewährte einen Zuschuss von 15 000 DM. Trotzdem wurden bald größere „Brocken“ fällig, die Holzstützen der Materialseilbahn waren morsch und mussten für 40 000 DM aus Stahl neu erstellt werden. Das ehemalige Notlager wurde für 14 000 DM in einen schönen Raum mit 16 Lagern umgestaltet. Schon kurz nach dem Ankauf wurden in der Sektion Stimmen laut, das Hohenzollernhaus doch in Wittelsbacher oder Starnberger Haus umzubenennen. Aber die Vereins-Oberen blieben hart, der traditionsreiche Name Hohenzollernhaus sollte nicht verschwinden.

Noch im Jahr des Ankaufs - Helmut Friedl war inzwischen erster Vorsitzender - machte man sich mit Eifer daran, schon lange fällige Arbeiten an der nun eigenen Hütte vorzunehmen. Auch wurden die Wege zum Glockturm und Richtung Gepatschhaus und über das Rotschragenjoch markiert. Erste Wegeschilder bekundeten, dass die Hütte nun im Besitz der Sektion Starnberg ist. Als erste Hütte im gesamten Alpenraum erhielt 1981 das Hohenzollernhaus ein Solarzellenmodul, das den Funkverkehr zwischen Hütte und Tal ermöglichte. Das war sehr wichtig für die Bergrettung und auch für die Versorgung der Hütte, denn Handys gab es damals noch nicht. Dieses Pionierprojekt titelte in der Presse: „Die Sonne funkt den Ruf ins Tal“. Und 1989 konnte der für rund 80 000 DM erstellte separate Winter-Selbstversorgerraum eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden.

Umweltfreundliche Hütte

Auch damals, Anfang der 1980er Jahre, machte man sich schon Gedanken über die Nutzung des Radurschelbaches für die Stromversorgung, was aber finanziell zu diesem Zeitpunkt für die Sektion nicht realisierbar war. Dieses große Projekt konnte die Vorstandschaft mit Hans Zeeb, Erich Stoll und Adi Schön verwirklichen, die Planungen bezüglich Energiebedarf, Verlauf der Wasserdruckleitung, Standort des Maschinenhauses etc. liefen in 2002 an und nach langwierigen Verhandlungen mit den Behörden, den Ingenieurbüros und Firmen wurde noch im Herbst 2002 damit begonnen. Gleichzeitig wurde auch die Auflage für den Bau einer biologischen Abwasserreinigungsanlage erfüllt. Der lange Graben für die Wasserdruckleitung wurde ausgehoben, die Baufirma erstellte den Betonsockel, anschließend konnte das in Leutstetten vorgefertigte und in Einzelteilen ins Radurscheltal gefahrene Maschinenhaus samt Kupferdach mit einem Hubschrauber auf den Betonsockel gesetzt werden. Im Sommer 2006 wurde der bisherige Benzinmotor der Materialseilbahn durch einen Elektromotor ersetzt. Das Hohenzollernhaus ist nach diesen Maßnahmen, die sich auf zirka 230 000 Euro beliefen und für die es Zuschüsse von der Stadt Starnberg, vom bayerischen Umweltministerium sowie vom Land Tirol bzw. dem Österreichischen Staat gab, eine absolut umweltfreundliche Berghütte.

Klaus Buchwald, stellvertretender Vorsitzender der Sektion Berlin von 1987 bis 1993 und kurze Zeit auch erster Vorsitzender, äußerte einmal gegenüber Helmut Friedl: „Wenn ich 1977 etwas zu sagen gehabt hätte, wäre das Hohenzollernhaus niemals abgegeben worden. So eine Hütte verkauft man nicht!“

Aber sie gehört nun seit 36 Jahren der Sektion Starnberg. Trotz vielfältiger Verbesserungen an der Hütte hat sich das Hohenzollernhaus seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Und wo sonst gibt es einen Biergarten unter Zirben, und das auf 2123 Meter? (Helga Friedl)

Die Bergmesse: Wer am Sonntag, 20. Juli, gerne mitfeiern möchte, kann sich bei Organisator Franz Lorscheider unter z (0 81 05) 2 20 90 informieren. Mehr Infos gibt es auch unter www.alpenverein-starnberg.de

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