Er packt zusammen: Ernst Kleber, der das Elektrogeschäft in Starnberg von seinem Vater übernommen hatte, macht den Laden im Oktober dicht – es fehlt an Personal und Perspektiven.
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Er packt zusammen: Ernst Kleber, der das Elektrogeschäft in Starnberg von seinem Vater übernommen hatte, macht den Laden im Oktober dicht – es fehlt an Personal und Perspektiven.

66 Jahre nach Gründung

Starnberger Traditionsladen muss schließen - nicht nur wegen Corona

  • Stephan Müller-Wendlandt
    VonStephan Müller-Wendlandt
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Starnberg verliert ein weiteres Traditionsunternehmen: Ernst Kleber schließt kommenden Monat sein Elektrogeschäft. Grund ist nicht allein die Corona-Pandemie.

Starnberg – „Mit sechsundsechzig Jahren, da kommt man erst in Schuss, mit sechsundsechzig ist noch lange nicht Schluss.“ Diese Seniorenhymne mag auf den Sänger Udo Jürgens zugeschnitten gewesen sein – auf die Starnberger Firma Elektro Kleber passt sie nicht. 66 Jahre nach der Gründung wird Ernst Kleber, Inhaber in zweiter Generation, das Familienunternehmen schließen. Der Räumungsverkauf läuft, Mitte Oktober wird das Geschäft Geschichte sein.

Starnberg: Traditionsunternehmen Elektro Kleber schließt - Kein Nachwuchs in Sicht

Kleber teilt jedoch nicht das Schicksal etlicher anderer Einzelhändler und Dienstleister, denen im Corona-Lockdown die Wirtschaftsgrundlage entzogen wurde. Aber ganz spurlos ist die Pandemie nicht an dem Unternehmen vorbeigegangen. Der Laden an der Münchner Straße musste während des Lockdowns schließen. Für Ernst Kleber nicht nachvollziehbar: „Wir sind doch auch irgendwie systemrelevant. Was ist, wenn den Leuten die Sicherungen durchbrennen oder die Glühlampen den Geist aufgeben?“, argumentiert der Unternehmer. Mit seinem Servicebetrieb hat er sich dennoch über Wasser halten können. Zu Reparaturen durften seine Techniker zur Kundschaft ausrücken.

Doch dieses Standbein bricht dem Geschäftsmann auch bald weg: Ein Techniker ist nach einem orthopädischen Eingriff derzeit arbeitsunfähig. Sollte er wieder auf dem Damm sein, ist dessen Arbeitskraft auch nicht mehr von Dauer, da das Rentenalter kurz bevorsteht. Den Ruhestand darf auch ein zweiter Techniker in fünf Monaten genießen. Nachwuchs ist nicht in Sicht. „Es fehlt am Arbeitsmarkt an Fachkräften“, sagt Kleber. Das Handwerk wollten die jungen Leute von heute nicht mehr lernen: „Die werden von den Eltern in Büroberufe geschickt. Denn dort gibt es geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden.“ Ohne Servicebetrieb lasse sich ein Unternehmen wie das seine nicht betreiben.

Elektro Kleber in Starnberg: Zulieferer können wegen Corona Lieferzeiten nicht einhalten

Da ist sich Kleber einer Meinung wie sein Kollege Wolfgang Ginschel. Der Elektromeister leitet seit 1976 ein Unternehmen im Percha. „Er ist glücklich, dass mein Techniker die letzten fünf Monate bis zu dessen Rente noch bei ihm mitwirkt“, sagt Kleber. Die Entscheidung Klebers zur Geschäftsaufgabe ist noch vielschichtiger.

Dazu gehört auch, dass die Zulieferer wegen der Corona-Pandemie ihre üblichen Lieferzeiten nicht mehr einhalten können. „Im Februar habe ich für einen Kunden einen Fernseher bestellt, geliefert wurde er im August.“ Die gesamte Elektronikbranche leide unter den Auswirkungen der Pandemie. „Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten abhängig gemacht von Zulieferern aus Asien, vor allem was die Halbleitertechnik angeht“, beklagt Kleber. Es habe alles immer billiger werden müssen, „und nun haben wir die Quittung“.

66 Jahre nach Gründung: Kleber schließt Laden in Starnberg mit lachenden und weinenden Auge

Die Firma Kleber an der Münchner Straße ist bzw. war Mitglied der Verbundgruppe Expert, mittlerweile der zweitgrößte Elektronikfachhändler Deutschlands. Das Unternehmen habe seinen Partnern eine Computerumstellung angekündigt. „Das ist eine enorme finanzielle Investition“, sagt Kleber. Dieses Risiko sei er nicht zu leisten bereit angesichts der Perspektiven. „Ich stehe selbst auch vor dem Rentenalter“, erklärt der Elektromeister. Deshalb bleibe ihm nur der Weg, die Reißleine zu ziehen.

Traditionsunternehmen in Starnberg schließt: „Mir tut es leid für meine älteren Kunden“

Die Reaktionen seiner Kundschaft sei „sehr nett“, auch wenn sie ihr Bedauern ausdrücken würden. „Mit tut es leid für meine älteren Kunden, die nicht wissen, wo sie sich im Notfall Hilfe holen sollen“, sagt Kleber. Sein Kollege Ginschel, der bislang vornehmlich auf Großgeräte spezialisiert gewesen sei, habe angedeutet, künftig auch elektronisches Kleingerät ins Angebot aufnehmen zu wollen.

„Es ist ein komisches Gefühl, das Unternehmen, was mein Vater 1955 gegründet hat, mit dem ich aufgewachsen und in das ich nach meiner Lehre eingestiegen bin, zu schließen“, räumt Kleber ein. Aber er freut sich auch auf seine bevorstehende Freiheit, „mit meiner Frau mal richtig Urlaub machen zu können und auf das Tennisspielen, das ich als Ersatz für den geliebten Fußball vor vielen Jahren begonnen habe“.

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