„Klagezeit in Starnberg“: Die Pfarrer Dr. Stefan Koch (l.) und Dr. Andreas Jall stellten gestern die Internetseite vor, die heute in Betrieb geht. Am Sonntag gestalten sie zudem die Gedenkfeier in St. Maria.
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„Klagezeit in Starnberg“: Die Pfarrer Dr. Stefan Koch (l.) und Dr. Andreas Jall stellten gestern die Internetseite vor, die heute in Betrieb geht. Am Sonntag gestalten sie zudem die Gedenkfeier in St. Maria.

Gedenken an die Opfer der Pandemie

111 Kerzen für 111 Menschenleben

  • Peter Schiebel
    vonPeter Schiebel
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In der Starnberger Stadtpfarrkirche St. Maria findet am Sonntag eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Corona-Pandemie statt.

Starnberg – Wut, Frust, Müdigkeit, Trauer, Sorge, Angst, Hoffnung – all diese Gefühle während der Corona-Pandemie müssen auch mal raus. Sich selbst Luft machen, seine Gedanken in Worte fassen – das ist von heute an auf der Internetseite www.klagezeit-starnberg.de möglich. Die beiden Kirchengemeinden laden alle Menschen dazu ein, dort ihre Klagen über die Pandemie in Worte zu fassen. Dabei kann es um wirtschaftliche Sorgen und die Einschränkung persönlicher Freiheiten ebenso gehen wie um den Verlust geliebter Menschen.

„Es soll eine Möglichkeit für die Menschen sein, ihre Klagen zu formulieren“, sagte der evangelische Pfarrer Dr. Stefan Koch gestern bei einem Pressegespräch, als er gemeinsam mit dem katholischen Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall das Projekt vorstellte. Die „Klagezeit“ soll mindestens ein Jahr lang offenstehen. Daneben veranstalten beide Kirchengemeinden an diesem Sonntag, 18. April, 18 Uhr, in der Stadtpfarrkirche St. Maria am Kirchplatz einen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Corona-Pandemie.

Dabei stehen die 111 Menschen im Mittelpunkt, die bislang (Stand gestern) im Landkreis Starnberg an den Folgen der Pandemie verstorben sind. Um ihrer zu gedenken, sollen in der Kirche 111 Kerzen entzündet und die Glocken geläutet werden. Jall und Koch wollen sprechen, auch Landrat Stefan Frey und Bürgermeister Patrick Janik haben sich angekündigt. Darüber hinaus ist die Rede eines Krankenpflegers geplant, der täglich mit Corona-Infizierten in einem Krankenhaus zu tun hat. Gegebenenfalls werden auch Beiträge aus der „Klagezeit“ verlesen, wenn die Urheber dies wünschen.

„Wir wollen der Erinnerung eine Stimme geben“, sagte Andreas Jall. Das hätten die Menschen verdient, die in den vergangenen Monaten zum Teil allein gestorben seien und nur im ganz kleinen Kreis hätten beerdigt werden dürfen. Eine Situation, die selbst Geistliche an ihre Grenzen bringt. „Unwahrscheinlich bedrückend“ sei es, wenn nur ganz wenige Verwandte und Freunde einem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen dürften, sagte Jall.

Die Feier am Sonntag soll ganz bewusst „niederschwellig und offen für alle“ sein, erklärte Jall. Ursprünglich war sie deswegen in Absprache mit der Stadtverwaltung auch auf dem Kirchplatz vorgesehen. Durch die steigenden Inzidenzzahlen sei das aber nicht sinnvoll, sagte Stefan Koch. In der Kirche seien Abstände definiert und die Kontaktbeschränkungen einfacher umzusetzen. 100 Menschen finden unter Pandemie-Bedingungen in St. Maria Platz, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es gebe allerdings ein „Begrüßungsteam“, das die Plätze zuweise, erklärte Jall. „Wir werden das sehr verantwortungsbewusst regeln.“ Mit dabei ist auch die Stadtkapelle Starnberg – „mit angezogener Handbremse“.

Der Termin am Sonntag ist nicht zufällig gewählt. Am selben Tag richtet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Konzerthaus in Berlin die zentrale Gedenkfeier für die in der Corona-Pandemie Verstorbenen aus. Mit dem Bundespräsidialamt habe er deswegen in einem guten Austausch gestanden, erklärte Stefan Koch. Es sei „zentral und wichtig“, an die Menschen zu erinnern, sagte er. Und Jall betonte: „Zum Menschsein gehört die Erinnerung.“

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