111 Kerzen vor dem Altar der Stadtpfarrkirche St. Maria in Starnberg erinnerten an die bislang 111 an Corona verstorbenen Landkreisbürger.
+
111 Kerzen vor dem Altar der Stadtpfarrkirche St. Maria in Starnberg erinnerten an die bislang 111 an Corona verstorbenen Landkreisbürger.

Gedenken an die Corona-Toten

„Tränen sind unsere Stärke“

  • Michael Baumgärtner
    vonMichael Baumgärtner
    schließen

Unter dem Motto „Der Erinnerung eine Stimme geben“ luden die katholische Pfarreiengemeinschaft und die evangelische Kirchengemeinde Starnberg am Sonntagabend zu einer Gedenkveranstaltung für die bislang 111 im Landkreis an Corona verstorbenen Menschen ein.

Starnberg – Deutschlandweit wurde am Sonntag der Menschen gedacht, die bislang wegen der Corona-Pandemie ihr Leben lassen mussten. In Starnberg hatten die katholische Pfarreiengemeinschaft und die evangelische Kirchengemeinde am Abend in die Pfarrkirche St. Maria geladen, um gemeinsam um die 111 Toten im Landkreis zu trauern und den Angehörigen Trost zu spenden. Musikalisch würdevoll umrahmt wurde die gut einstündige Veranstaltung von Bläsern der Stadtkapelle Starnberg.

Der evangelische Pfarrer Dr. Stefan Koch gab gegenüber den etwa 50 anwesenden Frauen und Männern offen zu, dass er während der Pandemie oft an seine geistlichen Grenzen gestoßen sei. Er habe sich oft zum Heulen gefühlt. „Klagen und Weinen sind wichtiger als unsere Wut“, sagte er. Auch in der heiligen Schrift werde oft geweint. Beispielsweise habe die Mutter Maria am Grab ihren Sohnes Jesus geweint. Und wer weinen kann, der habe ein Herz. „Tränen sind unsere Stärke“, sagte Koch.

Starnbergs Bürgermeister Patrick Janik sprach allen Hinterbliebenen sein tiefes Beileid aus. Allen, die sich wegen der Hygieneverordnungen nicht richtig von ihren Liebsten verabschieden konnten, wünsche er von Herzen Halt. Durch die täglichen Berichte über die Toten habe man sich an die Zahlen gewöhnt, aber es sei eine Pflicht, an die Menschen hinter den Zahlen zu denken. „Hüten wir uns vor der Gleichgültigkeit. Wir müssen uns an die Würde der Verstorbenen erinnern“, sagte Janik.

Landrat Stefan Frey erinnerte noch einmal daran, dass von den insgesamt 111 verstorbenen Menschen (57 Männer und 54 Frauen) im Landkreis die meisten in Alten- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern gestorben sind – meist „einsam und allein“. Die Älteste war 102 Jahre alt, die Jüngste 48. Er erzählte von Begegnungen mit Pflegekräften in einem Herrschinger Krankenhaus, die ihm schilderten, wie Angehörige den Patienten nur per Telefon oder am Fenster ein paar Worte zurufen konnten. „Und auch wir in der Verwaltung hatten eine schwierige Zeit“, sagte Frey. Seine Mitarbeiter und er hätten im Januar und Februar teilweise nicht mehr gewusst, wohin mit den vielen Infizierten aus den Pflegeeinrichtungen. Er sehe diese Zeit allerdings als Zeit der Hoffnung. Die Krise sei eine Chance, wegzukommen vom „höher, weiter, schneller“ hin zu Rücksicht, Toleranz und Solidarität, sagte Frey. „Halten wir zusammen jenseits dieser Krise, auch in Zukunft.“

Anton Arnold, Krankenpfleger am Klinikum Starnberg, schilderte eindrucksvoll, wie belastend das vergangene Jahr für das Pflegepersonal und die Ärzte war: „Wir sind oft an unsere physischen und psychischen Grenzen gekommen.“ Eine zentrale Rolle habe die Einsamkeit der Patienten gespielt. „Eine alte Dame hielt mich einmal an der Hand und sagte, bitte gehen Sie nicht, ich bin so allein.“ Solche und ähnliche Erlebnisse erzeugten bei seinen Kollegen ein Gefühl von Ohnmacht. Und auch wegen der besonderen Hygienemaßnahmen bleibe kaum Zeit, sich intensiver um die Patienten zu kümmern. Hinzu komme die ständige Angst, sich selbst anzustecken.

„Was bleibt? Welchen Sinn hat diese Pandemie?“, fragte der katholische Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall zum Ende der Gedenkveranstaltung. Er habe gelernt, dass das aus dem Griechischen stammende Wort Krise „gesiebt werden“ bedeutet, also dass sie das Wichtige, Wesentliche hervorkehre. Und das Wesentliche sei die Erinnerung. „Erinnerung ist das, was uns zu Menschen macht“, sagte Jall. Man wolle auch ein erinnerter Mensch sein. Und deswegen sollte durch die Gedenkveranstaltung an die 111 Toten erinnert werden – was 111 Glockenschläge zum Abschluss unterstrichen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare