+++ Eilmeldung +++

Bei ZDF-Dreharbeiten zusammengebrochen: SPD-Politiker Thomas Oppermann völlig überraschend verstorben

Bei ZDF-Dreharbeiten zusammengebrochen: SPD-Politiker Thomas Oppermann völlig überraschend verstorben
In Starnberg hat eine Gruppe von Jugendlichen versucht, die örtliche Polizeiwache zu stürmen. Foto: Sina Schuldt
+
In Starnberg hat eine Gruppe von Jugendlichen versucht, die örtliche Polizeiwache zu stürmen. Foto: Sina Schuldt

Prozess vor Amtsgericht

Krawalle in Starnberg: Jugendliche kritisieren Polizei - Beamter „dachte über Schusswaffe nach“

  • Peter Schiebel
    vonPeter Schiebel
    schließen

Vier Jugendliche sind angeklagt, im Prozess um die Krawallnacht in Starnberg. Im Juli 2019 hatten sie sich eine Prügelei mit den Beamten geliefert. Jetzt zeigen sie Reue - äußern aber auch Kritik.

  • Im Juli 2019 legten sich einige Jugendliche in Starnberg mit Polizisten an.
  • Sie sollen auch Gewalt gegen die Beamten angewendet haben
  • Im Prozess zeigen sie nun Reue - äußern aber auch Kritik.

Starnberg – Eine letzte Umarmung mit der Mutter, ein letzter Klaps vom Vater. Dann geht es in den Sitzungssaal 125 des Starnberger Amtsgerichts. Hintereinander sitzen die fünf Angeklagten auf ihren Stühlen, von Plexiglasscheiben als Spuckschutz von ihren Anwälten getrennt. Die juristische Aufarbeitung der Krawallnacht vor der Starnberger Polizeiinspektion am 25. Juli 2019 kann beginnen.

Krawallnacht von Starnberg: Fünf junge Angeklagte aus dem Landkreis

Angeklagt sind vier Jugendliche: ein 16-Jähriger aus Feldafing, ein 17-Jähriger aus Pöcking und ein 16-Jähriger aus Herrsching, die alle noch zur Schule gehen, sowie eine 17-Jährige aus Seefeld, die vor kurzem eine Ausbildung angefangen hat. Dazu kommt mit einem 20-Jährigen aus Berg ein Heranwachsender. Auch er absolviert gerade eine Berufsausbildung.

Unbescholten sind nicht alle. Der Feldafinger beispielsweise muss sich auch wegen Diebstahls aus einem Bus und Schwarzfahrens verantworten – der Herrschinger weil er ein Fahrrad klaute, einem Mitschüler 70 Euro stahl und mit einem Spezl verbotenerweise eine Nacht im Starnberger Seebad verbrachte.

Alle haben die deutsche Staatsbürgerschaft, einer zusätzlich noch die nigerianische. Und alle waren dabei, als vor über einem Jahr eine private Feier vor dem Gymnasium Starnberg – unabhängig vom gleichzeitig stattfindenden Sommerfest der Schule – völlig aus dem Ruder lief.

Auslöser für Krawallnacht in Starnberg: Jugendliche provozieren Sicherheitsdienst

Die Anfänge dieses in jeder Hinsicht denkwürdigen Abends sind weitgehend unstrittig. Der Feldafinger sprach die vom Gymnasium beauftragten Sicherheitskräfte an und fragte, ob sie Drogen hätten. „Bis dahin war alles gut“, berichtet ein Security-Mitarbeiter (29) im Zeugenstand. Er habe ihn vier- oder fünfmal des Platzes verwiesen, der Jugendliche sei aber immer wieder gekommen. Der 29-Jährige ging die paar Meter zur Polizeistation, um die Situation zu beenden. Wenig später kam er mit zwei Beamten zurück. „Wir dachten, das ist kein großes Ding“, schildert der damalige Dienstgruppenleiter (32).

Der Feldafinger zeigte sich jedoch äußerst unkooperativ. Er weigerte sich, seine Personalien anzugeben, und folgte auch nicht dem von den Polizisten ausgesprochenen Platzverweis. „Er hat wild und ausladend gestikuliert und sich über uns lustig gemacht“, berichtet der zweite Beamte (27).

Krawallnacht in Starnberg eskaliert: Jugendliche kritisieren Polizeieinsatz

Die Polizisten nahmen ihn daraufhin in Gewahrsam und wollten ihn zur Polizeistation bringen. Binnen kurzer Zeit rottete sich eine Gruppe Jugendliche um die Polizisten. „Wir standen gewissermaßen auf der Bühne“, sagt der Dienstgruppenleiter. Weil sich der Feldafinger weiterhin wehrte, brachten die Beamten ihn zu Boden, um ihn zu fixieren. Was in den nächsten Minuten passierte, ist auf wackligen Handyvideos zu sehen, die Richter Ralf Jehle abspielen lässt – und es lässt Spielraum für Interpretationen.

Beispielsweise bei der Frage, ob der angeklagte Herrschinger einen gezielten Fußtritt in Richtung eines Beamten startete, den eine Sicherheitskraft noch abwehren konnte. Oder ob der angeklagte Berger versuchte, die Polizisten zu schlagen. In der Folge gelang es der Polizei zwar, mit Absicherung der Sicherheitsmitarbeiter den Feldafinger zur Wache zu bringen, andere Jugendlichen traten dort aber gegen die Tür, schlugen eine Scheibe der Wache ein. Wie genau es in den Räumen der Inspektion weiterging, ist noch nicht abschließend geklärt.

Polizeieinsatz in Starnberg: Beamter dachte an Gebrauchvon Schusswaffe

Immer wieder will Richter Jehle wissen, wie sich die Sicherheitskräfte und die Polizisten während des Einsatzes gefühlt haben. „Ich hatte keine Angst“, sagt ein Security-Mann (29), der nach eigenen Angaben von Oktoberfest-Einsätzen her anderes gewöhnt ist. Ganz anders äußert sich der 32-jährige Polizist. „Ich habe mich trotz meiner zwölf Jahre Diensterfahrung sehr unangenehm gefühlt“, sagt er und spricht von „einer lebensbedrohlichen Situation“, in der er und sein Kollege sich „allein unter hundert wütenden Jugendlichen“ befunden hätten. „Ich habe im Nachhinein sogar über einen Schusswaffengebrauch nachgedacht“, sagt er.

„Man hat schon vieles erlebt, aber so was noch nicht“, sagt ein Kollege (26). Er schildert, wie Jugendliche sogar versucht hätten, mittels einer Räuberleiter über die Mauer auf den Hof der Polizeistation zu kommen. „Auf der Dienststelle sind Waffen und Munition gelagert“, betont er.

Fotos vom Einsatz bei der Krawallnacht in Starnberg im Juli 2019.

Krawall vor Starnberger Polizeiwache: Jugendliche teils reuig

Mit dem Feldafinger, dem Herrschinger und der Seefelderin legen drei Jugendliche gestern Teilgeständnisse ab und ringen sich diesbezüglich zu Entschuldigungen gegenüber den Polizeibeamten durch. „Ich weiß es selber nicht“, sagt der Feldafinger auf die Frage des Richters, was ihn in gefahren sei – zumal er am Vormittag desselben Tages noch einen Gerichtstermin gehabt habe. „Es war ein Zusammenspiel von Alkohol und jugendlichem Leichtsinn.“ Mit seinem Spezl aus Herrsching habe er sich bereits am Nachmittag am See getroffen und Bier getrunken. Es sei nie seine Absicht gewesen, die Situation so eskalieren zu lassen. „Ich bin selbst schockiert.“ Allerdings äußert er auch Kritik am Vorgehen der Polizisten. „Aus meiner Sicht haben die Polizisten unverhältnismäßig Gewalt angewendet.“ Er habe Angst gehabt, als er zu Boden gebracht wurde. Die Staatsanwältin lässt das nicht gelten. Er habe die Beamten „massiv provoziert“, sagt sie. „Von Angst ist keine Spur.“

„Nur weil er schwarz ist“ - Jugendliche bleiben bei heftiger Kritik an Starnberger Beamten

Die Auszubildende aus Seefeld zeigt im Gericht Reue. Sie gibt zu, in Richtung der Sicherheitsmänner geschlagen und später versucht zu haben, das Schließen der Tür zur Polizeistation gewaltsam verhindern zu wollen. „Ich habe alles nur so mitbekommen, dass einer festgenommen wurde, nur weil er schwarz ist“, sagt sie. Aus der Emotion heraus sei sie mit anderen Jugendlichen zur Polizeiwache gegangen. „Ich bereue das zutiefst“, sagt sie. „Ich bin selbst über mich schockiert und kann das gar nicht richtig erklären.“ Immer wieder senkt sie den Kopf, als in den Videos deutlich zu hören ist, wie sie die Polizisten lauthalts beschimpft. „Das war ein unglaublich großer Fehler von mir.“

Nach Krawallnacht in Starnberg: Spiderman-Zitat als Kritik an Polizei-Beamten

Auch der Herrschinger äußert sich zur Sache, macht aber immer wieder Erinnerungslücken geltend, die er auf Alkoholkonsum zurückführt. Er habe an jenem Tag mit dem Feldafinger zusammen einen Tetrapak Wodka-Maracuja sowie Bier getrunken, sagt er. Er hält den Einsatz gegen seinen Freund für übertrieben. Die ganze Aktion der Jugendlichen sei aber ein Fehler gewesen. „Hätten wir nichts gemacht und nur gefilmt, wie er misshandelt wird, hätten wir vielleicht darauf aufmerksam machen können“, sagt er. „So aber habe ich mich falsch und absolut nicht vertretbar verhalten. Wir haben uns in den Kopf gesetzt, dass wir Aufstand machen müssen.“

Es sei auch dumm gewesen, das Fenster der Polizeiwache einzuwerfen. Dass er einen Polizisten absichtlich gegen den Kopf habe treten wollen, verneint er aber. „Ich wollte auf keinen Fall jemanden verletzten“, sagt er. Wie denn sein Verhältnis zur Polizei sei, will die Staatsanwältin wissen. „Da muss ich Spiderman zitieren“, sagt der 16-Jährige, „aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ Damit gingen manche Beamte falsch um. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Auch interessant

Kommentare