Güterichter als Schlichter in Streitfällen
+
Symbolbilf

Aus dem Gerichtssaal

Richterin zweifelt an Vergewaltigungsvorwurf

Ein 43-jähriger Vertriebsmitarbeiter einer Münchner IT-Firma ist vor Gericht vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Richterin Christine Conrad glaubte der Version des angeblichen Opfers nicht.

Landkreis – Das Treffen einer Münchner IT-Firma führte Mitarbeiter im Sommer 2018 in ein Hotel am Starnberger See. Für einen Vertriebsmitarbeiter (43) hatte die einwöchige Schulung weitreichende Folgen: Er wurde von der Staatsanwaltschaft angeklagt, eine Kollegin (37) vergewaltigt zu haben. Im Schöffengerichtsprozess stand Aussage gegen Aussage – und am Ende ein Freispruch.

Der Angeklagte gab über seinen Verteidiger eine umfangreiche Erklärung ab. Demnach habe die Kollegin ihn am ersten Abend „auf eine letzte Abendzigarette“ auf seinem Zimmer besucht. Als die Kollegin den Angeklagten wissen ließ, dass er ihren Vorstellungen von einem „Traummann“ nahekomme, habe sein Mandant Haltung bewahrt: „Er wolle keine Beziehung, weil er verheiratet sei und sie seine Kollegin sei.“ Am folgenden Abend sei die 37-Jährige mit einem Negligé bekleidet im Zimmer erschienen. Diesmal sei es zu einvernehmlichen Küssen und Streicheleinheiten gekommen – lediglich rund fünf Minuten, dann habe sich der Angeklagte besonnen.

Die Nebenklägerin schilderte die Abläufe vollkommen anders. Am ersten Abend habe sie dem Angeklagten klar gemacht, dass seine Annäherungsversuche unangebracht seien: „Schon deshalb, weil er verheiratet war.“ Dennoch habe sich die Frau am folgenden Abend erneut ins Zimmer des Kollegen gewagt – nicht im Negligé, sondern im Schlafanzug. „Ich habe erst gezögert, aber dann gedacht, die Verhältnisse wären geklärt. Ich wollte ihm ein Update geben, mich für einen beruflichen Ratschlag bedanken.“ Laut Schilderung trug der 43-Jährige nur eine Bettdecke um die Hüften, als er ihr nach Mitternacht die Zimmertür öffnete. Anschließend habe der Münchner sein Opfer auf das Bett gedrückt, sie gewaltsam geküsst und mit einem Finger den Genitalbereich penetriert. „Ich konnte nichts tun, hatte keine Kraft“, sagte die 37-Jährige. Aus Scham und Verunsicherung habe sie sich als Firmenneuling bemüht, sich nichts anmerken zu lassen: „Ich habe versucht, so normal wie möglich zu sein, um die Arbeitsstelle nicht zu gefährden.“ Im Zeugenstand brach sie mehrfach in Tränen aus.

Im Zuge zweier Prozesstage wurde das Gericht jedoch zunehmend stutzig. So zeigte etwa ein Video die 37-Jährige Tage nach dem Vorfall beim Abschlussessen – genau vis-à-vis vom Angeklagten. „Das Video sieht wirklich nicht aus, als ob man das über sich ergehen lassen hat“, bemerkte Richterin Christine Conrad. Auch konnten sich Kollegen erinnern, dass die Münchnerin und der Angeklagte etwa 15 Minuten lang gemeinsam zu einer Boje schwammen. Ein Vorfall, den die 37-Jährige im Zeugenstand auf ein paar Schwimmzüge verniedlichte. „Eine schlichte Lüge“, befand Richterin Conrad: „Man geht dem Peiniger aus dem Weg und planscht nicht noch eine Viertelstunde mit ihm im Wasser rum.“ Der Vorgesetzte (49) hatte beobachtet, wie Angeklagter und Kollegin gemeinsam eine Abschlusspräsentation ausarbeiteten.

Für eine fristlose Kündigung des 43-Jährigen seien die Anschuldigungen des Opfers „plausibel genug“ gewesen, sagte der Firmenchef aus. „Heute gibt es für mich so ein paar Unplausibilitäten.“ Der Verteidiger ließ durchblicken, dass eine Zivilklage mit 30 000 Euro Schmerzensgeld im Raum stehe. Zu erheblich seien die Zweifel an der Aussage der Nebenklägerin, befand Richterin Conrad. Das Schöffengericht folgte mit dem Freispruch dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft.

Nilda Höhlein

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Auf zum neuen Kreisverkehr bei Gilching
Durch den Ausbau der Autobahn ist der gesamte Bereich gefühlt ohnehin schon lange eine einzige Baustelle, doch nun kommt noch eine hinzu: An der Anschlussstelle Gilching …
Auf zum neuen Kreisverkehr bei Gilching
Misteln und Hitze
Breitbrunns Ortszufahrt von Schlagenhofen aus war einmal begleitet von schönen alten Apfelbäumen. Nun sind sie abgestorben und bieten ein trauriges Bild.
Misteln und Hitze
SARS-CoV-2: Kein neuer Fall am Sonntag
Die Lage in der Corona-Pandemie im Landkreis Starnberg bleibt unsicher. Am Sonntag kam kein Fall dazu.
SARS-CoV-2: Kein neuer Fall am Sonntag
Abenteuerliche Hochseetaufe
Micki Liebl hat auf dem Weg zur Teilnahme an der Mini-Transat die erste Bewährungsprobe überstanden. In 45 Stunden selgelte er alleine von Barcelona nach Mallorca und …
Abenteuerliche Hochseetaufe

Kommentare