Gerechtigkeit für ihren ertrunkenen Freund Leo forderten Otto Subklewe (l.) und Lucas Wang im Amtsgericht.
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Gerechtigkeit für ihren ertrunkenen Freund Leo forderten Otto Subklewe (l.) und Lucas Wang im Amtsgericht.

Urteil gefallen

Schuldspruch nach sechs Jahren

  • Tobias Gmach
    VonTobias Gmach
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Vor sechs Jahren ertrank der 13-jährige Leo beim Rudertraining im Starnberger See. Die zwei Betreuer der Schülergruppe wurden nun wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Über einen außergewöhnlichen, hochemotionalen Prozess.

Starnberg – Nach mehr als zehn Stunden Verhandlung, verteilt auf zwei Tage, sitzen Leos Eltern in einem Zimmer im ersten Stock des Starnberger Amtsgerichts. Magda-Lia Bloos und ihr Mann Catalin Agache, beide schwarz gekleidet, wirken erschöpft, regelrecht abgekämpft. Bloos spricht leise, aber eindringlich und klar. „Unser Leben ist zerstört“, sagt sie. Daran ändert auch das Urteil nichts, das am Montag um 12.15 Uhr gefallen ist. Und doch verschafft es dem Münchner Paar eine gewisse Befriedigung. „Die Schuldigen sind klar benannt worden“, betont Bloos. „Wir haben genau das erreicht, was wir wollten – ein faires Verfahren und einen Schuldspruch“, ergänzt ihre Anwältin Dr. Annette von Stetten.

Sechs Jahre mussten sie und die Angeklagten darauf warten. Am 19. April 2015 ertrank der damals 13-jährige Leo, das einzige Kind von Bloos und Agache, beim Rudertraining im etwa acht Grad kalten Starnberger See (wir berichteten). Seinen Betreuern wurde fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorgeworfen, weil sie den Jugendlichen, ein Anfänger im Einer-Ruderboot, aus den Augen gelassen hatten. Dafür verurteilte sie Amtsrichterin Karin Beuting nun auch. „Es war ein Fehler – und dieser Fehler hat Leo das Leben gekostet“, betonte die Richterin mit Blick auf die Angeklagten, einen 72-jährigen Biologen und einen 55-jährigen Arzt. Sie bekamen jeweils eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 30 Euro. Dabei berücksichtigte Beuting, dass die beiden im Zuge der Irrungen und Wirrungen des langen Verfahrens schon rund 10 000 beziehungsweise 35 000 Euro an gemeinnützige Organisationen gezahlt hatten.

Die nun Verurteilten betreuten an jenem Apriltag eine 20-köpfige Schülergruppe des Münchner Wilhelmsgymnasiums. Das Training fand beim Münchener Ruder-Club (MRC) statt, mit dem die Schule eine Kooperation hatte. Leo, der mit 13 Jahren schon über 1,90 Meter groß war, sollte als einziger in einem Einerboot abseits der Gruppe üben. In einem Bojenfeld in Ufernähe im Hafenbereich des MRC. Doch dort war er einige Zeit später nicht mehr anzutreffen. Erst nach dem Training, als ihn sein Vater abholen wollte, fiel auf, dass Leo verschwunden war. Und dann dauerte es sechs Tage, bis Taucher seine Leiche in 38 Meter Tiefe vor Niederpöcking fanden.

Leos Eltern Magda-Lia Bloos und Catalin Agache haben mit der Verurteilung der angeklagten Betreuer ihr Ziel erreicht.

Was war genau geschehen? Warum fuhr Leo in den offenen See hinaus? Oder trieb er ab? Schaffte er es wegen des starken Windes nicht mehr zurück? Kenterte er? Oder sprang er ins kalte Wasser, um sich schwimmend ans Ufer zu retten? Auf all diese Fragen fand das Verfahren mit einem Dutzend Zeugen am ersten Verhandlungstag Ende Juni keine zufriedenstellenden Antworten. „Wir wissen nicht viel“, folgerte Richterin Beuting in der Urteilsbegründung. Klar war für sie aber, dass die Betreuer Leo „nicht ausreichend beaufsichtigt haben“.

Natürlich könne man nicht jede Sekunde hinschauen. Die Männer hätten ihn aber „deutlich zu lange“ aus den Augen gelassen. Das reichte der Richterin zur Verurteilung aus. Dass Leo keine Schwimmweste getragen, kein Handy dabei hatte, zuvor keinen Kenter- oder Kaltwasserkurs erhalten habe oder als 13-jähriger Anfänger bei Wind und Wellen vielleicht gar nicht in den See hätte sollen, spielte für den Schuldspruch keine Rolle mehr. All diese Punkte hatte von Stetten, die Anwältin der Eltern, vorgebracht. Sie sprach von „mannigfaltigen Versäumnissen“.

Die Verteidiger, die eine Einstellung des Verfahrens beziehungsweise Freispruch forderten, konzentrierten sich in ihren Plädoyers auch auf den langen Weg zum Prozess. Ursprünglich war die Anklage am Landgericht München erhoben worden, das ans Amtsgericht verwies. Dort wurde der Prozess gegen Geldauflagen eingestellt. Staatsanwaltschaft und die Nebenklage legten Beschwerde ein, das Landgericht hob die Einstellung auf und schickte das Verfahren zurück nach Starnberg.

Am 19. April 2015 im Alter von 13 Jahren war Leo beim Rudertraining im Starnberger See ertrunken, seine Leiche wurde erst nach sechs Tagen gefunden.

Die sechs Jahre bis zum Urteil wirkten strafmildernd. Wäre es schneller gegangen, wäre eine Freiheitsstrafe im Raum gestanden, so Beuting. Das jahrelange ehrenamtliche Engagement rechnete sie den Betreuern ebenfalls an, genau wie die Reue, an die Leos Mutter aber nicht glauben wollte. Magda-Lia Bloos wandte sich im Saal direkt an die Angeklagten: „Für uns haben Sie beide Leo auf dem Gewissen.“ Sie wünsche sich ein „ehrliches Geständnis statt halbherziger Entschuldigungen“.

Es war ein hochemotionaler Prozess. Als sich das milde Strafmaß andeutete, sprang eine Besucherin auf und rief: „Die Eltern haben lebenslänglich.“ Zumindest mit dem Schuldspruch zufrieden waren Otto Subklewe und Lucas Wang, Leos beste Freunde. Sie trugen T-Shirts mit einem Foto von Leo und der Aufschrift „Justice for Leo“ (Gerechtigkeit für Leo“) – „damit die Richterin sieht, um wen es geht“, so Subklewe. Die jungen Erwachsenen mussten die Shirts aber ausziehen, weil die Verteidigung Protest im Gerichtssaal beanstandet hatte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidiger können eine Woche dagegen vorgehen. Ob sie das tun, wüssten sie noch nicht, sagten sie auf Rückfrage.

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