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Videobeweis bei Amateuren „Blödsinn“

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Von: Michael Baumgärtner, Michael Grözinger

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Überprüfung am Bildschirm: Der Videobeweis ist seit seiner Einführung umstritten. Nun plant die FIFA eine Ausweitung bis in die untersten Ligen.
Überprüfung am Bildschirm: Der Videobeweis ist seit seiner Einführung umstritten. Nun plant die FIFA eine Ausweitung bis in die untersten Ligen. © Neil Hall

Der Fußball-Weltverband FIFA hat verlauten lassen, dass er über einen Videobeweis bis in die untersten Spielklassen nachdenkt. Funktionäre im Landkreis bezeichnen die Pläne als Aprilscherz, utopisch und nicht bezahlbar.

Landkreis – Unterstützer des Videobeweises können ihm zugutehalten, dass Fans seit dessen Einführung doppelt so oft jubeln dürfen: erstmals, nachdem der Ball im Netz gelandet ist, ein weiteres Mal, nachdem der Treffer auch der minutenlangen Überprüfung des „Video Assistant Referee“ (VAR) standgehalten hat. Meint man es eher nicht so gut mit der Schiedsrichter-Hilfe, kann man dem Videobeweis vorwerfen, dem Sport die unmittelbaren Emotionen zu nehmen – und die Frage stellen, ob es den Fußball wirklich so viel gerechter macht, wenn nach minutenlanger Unterbrechung festgestellt wird, dass der große Zeh eines Stürmers vor dessen Torerfolg doch einen Zentimeter im Abseits war. Von den Diskussionen um den schmalen Grat zwischen klaren Fehlentscheidungen (VAR-Einsatz erlaubt) und weniger klaren Fehlentscheidungen (VAR-Einsatz verboten) mal abgesehen.

Inzwischen hat sich der Videobeweis trotz aller Diskussionen im Profifußball etabliert. Die FIFA ist mit der jüngsten Entwicklung offenbar so zufrieden, dass sie nun sogar angekündigt hat, die Einführung eines „VAR light“ im Amateurfußball zu prüfen. Kostengünstige Systeme sollten auch bis in die untersten Spielklassen eingesetzt werden. Die ersten Reaktionen darauf schwanken zwischen Unglauben und Spott. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) äußert sich auf Anfrage des Online-Portals Fußball Vorort ebenfalls eher skeptisch. „Auch für uns sind viele Fragen offen. Beispielsweise die einer flächendeckenden Finanzierung. Auch macht eine Kamera noch längst keinen Videobeweis, das erfordert zusätzliche Manpower.“ Weiter heißt es vonseiten des BFV: „Um das alles überhaupt im Ansatz bewerten zu können, braucht es schlicht mehr Fakten.“

Und wie ist die Meinung im Landkreis? In Gesprächen mit Vereinsvertretern ergibt sich ein ziemlich eindeutiges Stimmungsbild. Im Profifußball finden die meisten den Einsatz des Videobeweises in Ordnung, auch wenn etwa Marco Gühl, sportlicher Leiter beim TV Stockdorf, einwendet: „Er hat nicht gerade für weniger, sondern nur für andere Diskussionen gesorgt.“ Ähnlich skeptisch zum VAR äußern sich Stefan Schwartling, Abteilungleiter des Landesligisten TSV Gilching-Argelsried, und Florian Garke: „Ich bin grundsätzlich kein Fan vom Videobeweis, der nimmt einfach die Emotionen aus dem Spiel. Aber bei den Profis sind einfach ganz andere Summen im Spiel“, sagt der Spartenchef des MTV Berg. In den unteren Spielklassen erscheint eine Einführung dagegen allen utopisch. „Das ist ein absoluter Blödsinn, nicht bezahlbar und technisch nicht machbar“, sagt Schwartling. Sein Kollege vom TSV Pentenried, Michael Möhwald, findet ähnliche Worte: „Das hört sich für mich eher nach einem Aprilscherz an.“ Er plädiert dafür, mit Fehlern der Schiedsrichter zu leben. Ayhan Kurt kann sich auch keinen Reim auf den Plan der FIFA machen. „Prinzipiell sind wir offen für jeden technischen Fortschritt, aber mir fehlt die Idee, wie sich das in unteren Ligen umsetzen lässt“, so der Abteilungsleiter des SV Planegg-Krailling. Er kritisiert außerdem das Timing. „Wir haben aktuell mit Corona andere Probleme und werden 2021 vor völlig neuen Herausforderungen stehen.“

Dem kann Isi Yilmaz nur zustimmen: „Den Vereinen geht es ja momentan blendend“, sagt der Vorsitzende des Bezirksligisten SC Pöcking-Possenhofen mit sarkastischem Unterton. „Sämtliche Einnahmen sind uns weggebrochen, und dann hat der BFV auch noch die Gebühren erhöht.“ Jens Rindermann, Spartenchef des Gautinger SC, stellt klar: „In den Sphären, in denen wir uns bewegen, steht der Nutzen in keinem Verhältnis zu den Kosten.“

Stefan Schwartling hofft, dass diese in seinen Augen Schnapsidee schnellstmöglich ad acta gelegt wird: „Die sollen diesen Schmarrn wieder da hintun, wo sie ihn hergeholt haben, nämlich in die unterste Schublade. Die lenken doch nur von ihren eigenen Problemen ab.“ Der Berger Garke kann ihm da nur beipflichten: „Was soll das? Das ist doch total surreal und utopisch, ein Wahnsinn.“ SCPP-Boss Yilmaz erinnert den Weltfußballverband daran, wer eigentlich die Basis ist: „Die FIFA soll sich lieber mal um ihre eigenen Interna kümmern und die Vereine arbeiten lassen und unterstützen.“ Für SVP-Abteilungsleiter Kurt wäre es einfach nur „toll, wenn wir überhaupt Fußball spielen dürften“.

Im gehobenen Amateurbereich, also der Regionalliga, den Bayernligen sowie möglicherweise auch in Landes- und sogar Bezirksligen, halten einige eine Einführung mittelfristig dagegen für möglich. „Dort, wo es auch um gewisse Summen geht, ist es in den nächsten Jahren realistisch“, findet Stockdorfs Gühl. Für Landesliga-Vertreter Schwartling kommt das nicht in Frage: „Wir machen diesen Quatsch nicht mit.“ Er hat wie die meisten Vereine dringlichere Sorgen: „Dass der Verband die Saison unbedingt fortsetzen musste, war der größte Blödsinn. Uns gehen die Einnahmen von 17 Heimspielen ab, wir müssen schauen, wie wir über die Runden kommen.“

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