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Starnberger Klinikum in Finanznot: Kreis muss erstmals seit 16 Jahren einspringen

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Von: Tobias Gmach

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Dickes Defizit: Erstmals seit 16 Jahren muss der Kreis Geld seinen Kliniken finanziell unter die Arme greifen, und das in Millionenhöhe. Kliniken-Chef Thomas Weiler baut auf Mehreinnahmen durch Reformen.
Dickes Defizit: Erstmals seit 16 Jahren muss der Kreis Geld seinen Kliniken finanziell unter die Arme greifen, und das in Millionenhöhe. Kliniken-Chef Thomas Weiler baut auf Mehreinnahmen durch Reformen. © Andrea Jaksch

Das kommunale Klinikum in Starnberg steckt in finanzieller Not. Erstmals seit 16 Jahren muss der ebenfalls klamme Landkreis Defizite ausgleichen. Entlassungen und Gehaltskürzungen soll es aber nicht geben. Der Klinik-Chef hofft auf die bundesweiten Reformen.

Starnberg – Gerüchte kursieren über das Klinikum Starnberg, ziemlich konkrete sogar. Eines besagt, ein Fünftel der Mitarbeiter werde entlassen, weil das Krankenhaus so gut wie pleite sei. Auch von empfindlichen Gehaltskürzungen ist die Rede. Damit konfrontiert, sagt Dr. Thomas Weiler, Geschäftsführer der Starnberger Kliniken: „Das ist vollkommener Unfug.“ Dass Chefärzte Teile ihres Gehalts zwischenzeitlich stunden lassen, um die Liquidität des Hauses zu verbessern, räumt er ein. Das Klinikum, das lange auskömmlich gewirtschaftet hat, steckt in großer finanzieller Not. Erstmals seit 16 Jahren muss der Landkreis Defizite ausgleichen – „in Millionenhöhe“, wie Landrat Stefan Frey auf Merkur-Nachfrage sagt. Es seien schon Gelder geflossen, konkrete Summen will Stefan Frey aus Wettbewerbsgründen nicht öffentlich nennen.

Der Kreis ist Träger der Holding Starnberger Kliniken, einer kommunalen Tochtergesellschaft, zu der unter anderem das Starnberger Krankenhaus gehört. Landrat Frey ist Vorsitzender des Aufsichtsrats. Der Kreis ist, wie die laufenden Haushaltsberatungen zeigen, selbst klamm wie lange nicht. Die Finanzhilfen für die Klinik leiht er sich bei der Bank. Die Zahlungsunfähigkeit drohe aber nicht, die Versorgungssicherheit sei weiterhin gewährleistet. Daran lassen Weiler und Frey keinen Zweifel.

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Schließen muss das Starnberger Klinikum trotz des akuten Geld- und Personalmangels also so schnell nicht. In der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ wurde dieser Fall zuletzt schon mal durchgespielt – als „fiktives Beispiel“ in einem Beitrag. Die Frauenstimme aus dem Off sagte: „Würde man Starnberg schließen, würde sich für die Menschen in der Region fast nichts ändern.“ Denn im Umkreis von 30 Fahrminuten seien weitere 17 Krankenhäuser zu erreichen, die die Grundversorgung sicherstellen. Im Durchschnitt würde sich die Fahrzeit für die Bevölkerung nur um zwölf Sekunden erhöhen. Das Argument: lieber weniger Kliniken, dafür mehr Qualität. Das Beispiel gehe an der Realität vorbei, sagt Klinik-Chef Weiler. Er verweist auf die fast 3800 Geburten pro Jahr (zusammen mit der Außenstelle Wolfratshausen) und die Neugeborenenintensivstation – ein Bereich, in dem die Plätze rar seien und Babys oft weit weg verlegt werden müssten.

Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts können 96 Prozent der Einrichtungen die gestiegenen Kosten nicht mehr aus den laufenden Einnahmen bezahlen. Die Starnberger Klinik ist kein Einzelfall – aber schon ein besonderer. Die ersten der angekündigten Reformen des Bundesgesundheitsministeriums zielen auf Bereiche, die im System der Fallpauschalen stark unterfinanziert sind: die Kinderklinik, die Geburtshilfe, die Notfallversorgung. Bereiche, in denen Starnberg im Verhältnis zu den anderen Häusern der Holding besonders breit aufgestellt ist. „Wir waren lange sehr wirtschaftsstark, in der Pandemie hat es uns aber richtig hart getroffen“, sagt Weiler. Immerhin: Die Reformen machen ihm Hoffnung auf baldige Besserung.

Bei der Finanzplanung für 2022 rechnete die Klinik nicht damit, dass Corona noch länger so hartnäckige Auswirkungen haben würde – auch durch die Wiesn, die nach längeren Diskussionen doch stattgefunden hatte. Das räumt Weiler ein. Er nennt aber auch weitere Gründe für das Minus, etwa eine bis zu 30 Prozent geringere Auslastung als vor der Pandemie. Zeitweise war das Haus angewiesen, auf das Elektivgeschäft wie Hüft- oder Schilddrüsen-OPs, die richtig Geld bringen, zu verzichten – um der Pandemie Herr zu werden. „Und jetzt können wir Operationen wegen Personalausfällen teilweise nicht durchführen“, sagt Weiler. Dazu kämen die explodierten Materialkosten. Laut dem Klinik-Chef nutzen manche Hersteller die schwierige Lage mit langen Lieferzeiten und Preissteigerungen aus. „Ein Skalpell, das mal 90 Cent gekostet hat, wird dann für zehn Euro angeboten.“ Die Mitarbeiter seien zum Sparen angehalten, sagt Weiler. Ob das auch tatsächlich geschieht, entscheidet das Personal tagtäglich durch ihr Handeln auf den Stationen.

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FDP-Gesundheitspolitiker Prof. Andrew Ullmann besuchte das Starnberger Klinikum und nahm von dort Anregungen nach Berlin mit. Er verhandelt die anstehenden Krankenhaus-Reformen in der Ampel mit.

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