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Der Weltumsegler: Sampo Widmann ist 77 – fast die Hälfte seines Lebens war er mit seinem Segelschiff unterwegs.

Starnberger segelt in 31 Jahren einmal um die Welt

Sampo, der Segler

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Sampo Widmann hat die ganze Welt gesehen. Der 77-jährige Starnberger hat sie mit seinem Segelschiff umrundet. In drei Jahrzehnten auf 75 Reisen. Nun fährt er einen neuen Kurs. Und nie war der Gegenwind größer.

Sampo Widmann weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag im Jahr 2004. Sein Segelschiff, die Dakini, liegt vor Anker in der Nai Harn Bay an der Westküste von Phuket in Thailand. Es ist fast windstill – doch das Boot hat sich gerade um 360 Grad gedreht. Widmann blickt zur Küste – und traut seinen Augen nicht. Das Restaurant Ao Sane, in dem sich gestern noch 250 Segler um das Weihnachts-Buffet gedrängt hatten, ist ein Trümmerhaufen. Der Strand ist verschwunden. Überall nur noch Wasser, darin treiben Liegestühle, Sonnenschirme, Massagezelte. Plötzlich zieht sich das Wasser zurück. „Es strömte am Schiff vorbei wie ein reißender Strom“, erinnert sich Sampo Widmann noch Jahre später.

Nach dem Tsunami 2004 war der Strand der Nai Harn Bay in Thailand ein Trümmerfeld.

Seine Dakini ist eines von vielen Segelschiffen, die in der Bucht geankert haben. Alle Skipper blicken nervös auf ihre Ankerketten. „Niemand wusste, was da gerade passiert.“ Einige Schiffe werden abgetrieben, einige fliehen aufs offene Meer, die meisten Ankerketten halten. Auch die der Dakini. Sampo Widmann, seine Frau, seine Tochter und seine Schwiegermutter, die mit an Bord sind, müssen zusehen, wie die zweite Riesenwelle in die Bucht donnert. Als sich das Meer erneut zurückzieht, ist der Strand leer geräumt. Das Wasser hat alles mitgerissen. Erst viel später erfährt der Starnberger, wie viele Menschen bei dem Tsunami ums Leben kamen. „Wir waren auf dem Wasser wohl gut beschützt“, sagt er. Alle Segler in der Nai Harn Bay sind unverletzt geblieben.

Es war nicht das einzige Mal in seinem langen Segler-Leben, dass Sampo Widmann sich auf seiner Dakini beschützt fühlte. Er hat mit dem 40 Jahre alten Segelschiff die Welt umrundet. 47 750 Seemeilen hat er mit ihr zurückgelegt. Nicht am Stück, sondern in 75 Reisen – verteilt auf 31 Jahre. Er ist als 45-jähriger Mann im sizilianischen Catania gestartet und hat mit 76 seinen Kurs wieder gekreuzt. Vor Kurzem ist er mit einer Weltumsegler-Medaille ausgezeichnet worden. Eine schöne Ehre, findet er. Aber lange nicht so wertvoll wie die Erlebnisse und Begegnungen unterwegs.

Die wichtigsten Erinnerungen könnte kein Fotoalbum zeigen

„Auf einem Schiff lässt sich kaum fotografieren“, sagt er. Es gibt wenig Platz, drumrum nur Wasser. Er hat vor allem Fotos von den Ländern und den Menschen mit nach Hause gebracht. Aber das Wesentliche könnte sowieso kein Fotoalbum zeigen: die Freundschaften, die auf See noch stärker geworden sind, sagt er. „Die Träume im Wachen und Schlafen, während der Reisen und danach.“

Widmann hat Länder gesehen, von denen viele Menschen nicht wissen, wo sie sie auf dem Globus suchen sollen. Er ist durch Piraten-Gebiete gesegelt, er hat Unwetter auf offenem Meer erlebt, Wale und Delfine beobachtet, atemberaubende Sternenhimmel und Sonnenaufgänge gesehen.

Eine andere Welt: Die Bewohner der winzigen Pazifik-Insel Tikopia empfingen ihn herzlich.

Er hat andere Welten kennengelernt. Zum Beispiel die winzige Pazifik-Insel Tikopia, nordöstlich von Vanuatu. 1000 Einwohner, vier Stämme. Selbst unter Weltumseglern ein Geheimtipp. Er wurde herzlich empfangen, durfte sogar bei der Inthronisation eines Häuptlings dabei sein. Seine Gastgeschenke musste er aber wieder mitnehmen. „Mit Reis und Nudeln konnten die Einwohner nichts anfangen“, erzählt er. „Sie haben keine Töpfe. Dort wird nur in Erdöfen gekocht.“

Auf einem Teil seiner Reisen hat ihn seine Frau Monica begleitet, auf vielen gute Freunde. Aber oft war er allein auf seiner Dakini. Er hat Aquarelle gemalt in dieser Zeit, Geschichten geschrieben – und manchmal lange tagebuchartige E-Mails an seine Familie und Freunde verfasst. Wer so viel Zeit mit sich allein hat, nur umgeben von Wasser, der denkt zwangsläufig viel über das Leben und die Natur nach. „Ich habe nie mehr in mir geruht als in dieser Zeit“, sagt Sampo Widmann nachdenklich. Seine Reisen waren der Ausgleich zu seinem Leben als Architekt und Hochschul-Professor zu Hause. Die Semesterferien konnte er nutzen, um in den Hafen zurückzukehren, in dem sein Schiff auf ihn wartete. Manchmal war dieser Hafen ein paar Flugstunden entfernt. Manchmal lag er am anderen Ende der Welt.

So wie er segelt, lebt er. Voller Ruhe und voller Energie

Diese Weltumseglung war natürlich nicht von jeher geplant. Es liegt im Wesen eines Seglers, mit Kurswechseln umgehen zu können.

Sampo Widmann ist 14, als er auf dem Ammersee das Segeln lernt. „Bubi“ nennen ihn die Älteren. Einige Jahre später interessiert er sich für das Segelfliegen. Bis er versteht, dass er nur abheben kann, wenn er von einem Team am Boden unterstützt wird. Das ist nicht seins. Er hat sein Team lieber um sich. Das geht nicht in der Luft. Aber auf dem Wasser.

40 Jahre alt, elf Meter lang: Auf seiner Dakini fühlte sich Widmann immer gut geschützt.

Als seine Kinder größer sind und beruflich alles in geordneten Bahnen läuft, erwischt ihn die Sehnsucht fürs Segeln aufs Neue. Er kauft mit einem Freund ein elf Meter langes Segelschiff, das in einem furchtbaren Zustand ist. Gemeinsam richten sie es her, taufen es auf den Namen Dakini – nach den tibetanischen Wolkengöttern, die laut Mythologie die Seelen der Toten in den Himmel begleiten. Sampo Widmann sollen sie auf seinem Kurs begleiten.

Nach zwei Jahren kauft er seinem Freund die Dakini ab und unternimmt mit ihr viele Törns – erst im Mittelmeer. 1992 überquert er den Atlantik. Auf der Karibikinsel St. Lucia soll ein Freund das Boot übernehmen. Doch der taucht nicht auf. „Das war das Ende einer Freundschaft“, sagt Widmann. „Aber der Beginn eines Abenteuers.“ Er lässt sein Schiff das erste Mal in der Ferne zurück – um im folgenden Jahr von dort aus weiterzusegeln. Seitdem war nicht mehr der nächste Hafen das Ziel – sondern der Weg um die Welt.

Seine 75 Reisen führen ihn einmal um den Globus. Von der Karibik nach Tahiti, Australien, Südostasien durch den indischen Ozean, das Rote Meer und den Golf von Suez zurück nach Sizilien. Dort geht er in Licata als Weltumsegler an Land. „Ich bin nie gegen die Natur gefahren, immer mit dem Wind und den Wellen“, sagt er. So wie er segelt, lebt er. Leidenschaftlich, mit Herz und Verstand. Voller Ruhe und voller Energie. „Ich wollte in meinem Leben drei Dinge tun: bauen, unterrichten und entdecken.“ Alles hat er ausgiebig getan. Doch er sagt auch: „Alles, was ich gesehen habe, hat die Sehnsucht nicht gestillt.“ Noch immer ist er mit seiner Dakini unterwegs. Die Reise ist nicht zu Ende.

Inzwischen segelt er für den Verein Resqship und rettet Geflüchtete

Aber es ist eine weitere ältere Dame in sein Leben getreten. Sie heißt Josefa und ist das Segelschiff des Vereins „RESQSHIP“. Auf der Josefa war Widmann als Kapitän dieses Jahr fünfmal vor der libyschen Küste unterwegs. Die ehrenamtliche Crew dokumentiert die Situation im Mittelmeer und hält Ausschau nach Booten mit Geflüchteten. Sie alarmiert Rettungsschiffe oder begleitet die Menschen auf den Schlauchbooten in sichere Häfen. Wer solche Schiffe durch die internationalen Gewässer vor Libyen steuert, muss Gegenwind aushalten – nicht nur auf dem Meer.

Für Sampo Widmann fühlt es sich so an, als ob ihn das Leben wieder einmal auf den richtigen Kurs geführt hat. Nicht mehr um die Welt – in eine andere Welt, wie er sie sich vor einigen Jahren nicht hätte vorstellen können. In der sich Kapitäne dafür rechtfertigen müssen oder sogar vor Gericht stehen, weil sie Menschen vor dem Ertrinken retten. Er hat vor der libyschen Küste viele Menschen in Todesangst gesehen – diese Erinnerungen sind noch mächtiger, als die an den Tsunami damals. Sie lassen ihm keine Ruhe. Für ihn gibt es keinen Ort, an dem Kapitäne mit Herz und Rückgrat gerade mehr gebraucht werden.

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