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Anstehen in der Kälte: Ärger gibt es bei der Starnberger Ausgabe, hier ein Bild von 2015, selten. : foto: andrea Jaksch

Tafel

„Es ist hier gut für jeden“

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Die Essener Tafel nimmt vorerst keine Ausländer mehr an. Der Fall wird europaweit diskutiert. Bei der Starnberger Tafel ärgern sich deutsche Kunden – aber nicht über Ausländer, sondern über den Staat. Ein Besuch.

Starnberg – Canu Leonardo (64) hat viele Probleme. Das Geld ist knapp. Und das Rheuma lässt es nicht mehr zu, dass er als Koch arbeitet, wie früher in Italien und England. Jetzt lebt Leonardo mit seiner Familie in Starnberg und muss seine kranke Tochter versorgen – mit einer Rente aus dem Ausland, die immer wieder ausbleibt. Also geht der Italiener zur Starnberger Tafel. Leonardo spricht ganz ruhig darüber. Richtig sauer klingt er erst, als er über den Fall bei der Tafel in Essen spricht.

Fall in Essen: „Eine Katastrophe, Schweinerei“

Es ist in Starnberg die erste Ausgabe, seitdem der Fall aus Essen öffentlich wurde. „Das ist eine Katastrophe, eine Schweinerei“, sagt Leonardo. Die Essener Tafel nimmt vorerst keine weiteren ausländischen Kunden auf, argumentiert mit Überlastung und Unruhe. Viele ältere deutsche Frauen würden wegen der jungen männlichen Asylbewerber nicht mehr kommen. Leonardo schüttelt den Kopf. „Es gibt Leute mit Familie, die haben nichts – sie brauchen die Tafel“, sagt er. „Es ist mir egal, ob es Deutsche, Afghanen oder Italiener sind – es ist hier gut für jeden.“

Leonardo kennt andere Zeiten bei der Tafel in Starnberg. Vor vier Jahren, sagt er, standen 80 Asylbewerber in der Schlange an. Leonardo kam am Schluss. „Für uns gab es dann nichts mehr.“ Auch die Plätze wurden knapp. Viele Kunden kommen früher zur Ausgabe, um auf den Bänken miteinander zu ratschen. Plötzlich waren alle Bänke von Asylbewerbern besetzt, sagt Kundin Marianne Kadanik (68). Ärger habe es nicht gegeben. Irgendwann saßen alle zusammen. „Die jungen Männer haben mir Fußballer vom FC Bayern aufgezählt“, sagt die Tafel-Beirätin und lacht. Sie kenne Frauen über 80, die sich nicht zur Tafel trauten – aber nicht wegen der Ausländer. „Sie schämen sich. Lieber haben sie Hunger, als dass sie kommen.“

Asylbewerber bei Tafel: „Menschlich okay – sachlich nicht“

Andere schämen sich nicht bei der Tafel, sondern im Supermarkt. „Mit Geldcoupons vom Arbeitsamt zu zahlen, da fühlt man sich schlecht“, sagt Simon Neumüller-Wolff (37). Aber irgendwie muss der arbeitslose Starnberger seine achtköpfige Familie versorgen. Seit zwölf Jahren geht er zur Tafel – und lobt die Mitarbeiter. „Dass man in Essen nun manche als Nazis beschimpft, ist Blödsinn.“

„Von außen schaut das vielleicht immer leicht aus“, sagt Kunde August Neuherz (53) – tatsächlich stecke aber viel Arbeit dahinter. Dass Asylbewerber zur Tafel gingen, findet der Frührentner „menschlich okay – sachlich nicht. Im Prinzip wurde die Tafel für bedürftige Einheimische geschaffen“. Die Politik müsse den Überfluss, den es gibt, besser verteilen. Für die Asylbewerber hat Neuherz Verständnis: „Global sind das Probleme – aber dann steht der Mensch vor dir.“

Farbensystem: Kunden dürfen den Tafel-Eingang und Mitarbeiter Herbert Volz in Zeiträumen passieren.

Eine Asylbewerberin aus Nigeria bepackt ihren Kinderwagen mit Gemüse, Kindernahrung und Milch. Sie ist auf die Tafel angewiesen, sagt sie. „Asylbewerber haben noch mehr Probleme als Deutsche – sie haben hier keine Familie, kennen niemanden.“ Sie hat aber Verständnis für die Essener Tafel. „Wenn Ausländer dort Probleme machen, ist ein Stopp zum Selbstschutz in Ordnung. Es sollte aber nicht Ausländer generell betreffen, sondern die Einzelnen, die Probleme machen.“

Probleme wie in Essen kenne man in Starnberg nicht, sagt Tafel-Vorstandsmitglied Richard Sterling. Farben regeln die Ausgabe, wie auch bei der Tafel in Herrsching (siehe Kasten). Jeder Ausweis hat eine Farbe, für die es einen bestimmten Zeitraum gibt – jede Woche wechselt die Reihenfolge. So komme keine Unruhe unter den Kunden auf, sagt Sterling. Und: „Es ist genügend da. Wer zuletzt dran kommt, steht nicht vor leeren Kisten.“

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