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„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner hört hin“

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Von: Peter Schiebel

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Gedachten der getöteten Soldaten und Zivilisten am Kriegerdenkmal auf dem Waldfriedhof (v.l.): Landrat Stefan Frey, Brigadegeneral Rainer Simon, Starnbergs VdK-Vorsitzender Reinhard Dirr und Bürgermeister Patrick Janik, dazu weitere Vertreter der Bundeswehr und die Fahnenabordnungen der Starnberger Vereine.
Gedachten der getöteten Soldaten und Zivilisten am Kriegerdenkmal auf dem Waldfriedhof (v.l.): Landrat Stefan Frey, Brigadegeneral Rainer Simon, Starnbergs VdK-Vorsitzender Reinhard Dirr und Bürgermeister Patrick Janik, dazu weitere Vertreter der Bundeswehr und die Fahnenabordnungen der Starnberger Vereine. © Andrea Jaksch

Überall in Deutschland wurde am Sonntag, dem Volkstrauertag, der Opfer der beiden Weltkriege gedacht. Auf dem Starnberger Waldfriedhof richteten Landrat, Bürgermeister und Brigadegeneral Rainer Simon den Blick aber auch nach vorne.

Starnberg – Das Kriegsende ist lange her. Vor 123 Jahren endete der Erste, vor 76 Jahren der Zweite Weltkrieg. Die Zeitzeugen werden immer weniger – dennoch hat der Volkstrauertag, an dem gestern der Toten der Weltkriege gedacht wurde, nichts von seiner Aktualität verloren. Davon ist Landrat Stefan Frey überzeugt. Die Erfahrungen von Tod, Verwundungen und Verletzungen würden immer noch die Geschichte Deutschlands mitbestimmen, sagte er gestern bei der Gedenkfeier am Kriegerdenkmal auf dem Starnberger Waldfriedhof.

Noch immer gebe es Krieg und Terror in der Welt. „Sind wir noch nicht schlauer geworden?“, fragte Frey. „Lernen wir aus der Geschichte nichts?“ Auch in Deutschland frage er sich: „Haben wir vergessen, was passiert ist?“ Frey nannte den Umgangston in den sozialen Medien als Beispiel. Es sei ein Zeichen der Zivilcourage, auch dort nicht wegzuschauen, sondern „gegen Rassismus, Diskriminierung und Gewalt“ einzutreten. Auch vor diesem Hintergrund ist der Volkstrauertag nach Ansicht Freys wichtig.

„Ist es nicht auch unsere Aufgabe, Kindern und Jugendlichen nahezubringen, was es heißt, zu gedenken, damit so etwas nie wieder passiert?“, sagte er. Der Volkstrauertag sei von daher nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch ein Tag, „an dem wir den Blick in die Zukunft richten“. Und die heiße nach wie vor Europa. Der einzige Weg für dauerhaften Frieden sei ein Weg der Gemeinsamkeit, sei „ein vereintes Europa, das wir nie infrage stellen dürfen“.

Ausdrücklich dankte Frey den Fahnenabordnungen von Feuerwehr, BRK, Heimat- und Volkstrachtenverein, TSV Starnberg, Königlich privilegierter Feuerschützengesellschaft und Kolpingsfamilie, die auf dem Waldfriedhof waren und ein starkes Zeichen abgegeben hätten. „Ich bin stolz auf die Vereine, stolz auf die Kameraden der Bundeswehr und stolz auf die Gesellschaft, die hier Flagge zeigt“, sagte Frey.

Als „einen Tag im Wandel“ bezeichnete Bürgermeister Patrick Janik den Volkstrauertag. Er ändere sich von einem persönlichen hin zu einem objektiven Gedenktag, sagte er. Janik ging in seiner Rede auf das „etwas distanzierte Verhältnis der Deutschen zu ihrer Armee“ ein, lobte die Bundeswehr aber ausdrücklich. Als Beispiel nannte er den Einsatz in Afghanistan. Während der 20-jährigen Dauer sei dieser „ein Stiefkind in der öffentlichen Diskussion“ gewesen. Nach dem Abzug der Soldaten und den Bildern aus Kabul „war das zwei Wochen lang ein Thema“, ehe die Öffentlichkeit wieder zum Tagesgeschäft übergegangen sei. „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner hört hin“, sagte Janik in Abwandlung des berühmten Spruchs der Friedensbewegung.

Die Bundeswehr sei eine Armee der Demokratie und erfülle die daraus abgeleiteten hohen Ansprüche auch, betonte Janik. „Sie darf aber auch Ansprüche an uns haben.“ Es sei überfällig, die Diskussion darüber zu führen, wie die Gesellschaft mit Bundeswehreinsätzen umgehe. Er halte es für angemessen, den 59 in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten besonders zu gedenken.

„Der Volkstrauertag steht für Gedenken und Innehalten, für Empathie und Mahnung, für Verständigung und Versöhnung“, betonte Brigadegeneral Rainer Simon, Kommandeur der Schule für Informationstechnik der Bundeswehr in Pöcking und Feldafing. „Er ist auch eine Brücke in die gemeinsame friedliche Zukunft Europas.“ Simon zeichnete ein gleichermaßen beeindruckendes wie erschreckendes Bild. Die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges würden – bei Reihen à 50 Personen – eine Kolonne von tausend Kilometern Länge ergeben. „Durch das Opfer ihres Lebens verpflichten uns die Toten, Frieden und Menschenwürde zu verwirklichen, Freiheit und Menschenrechte wahr und haltbar zu machen“, betonte Simon.

Mit „Ich hatt’ einen Kameraden“, gespielt von den Bläsern der Stadtkapelle Starnberg, und einem Gebet von Pfarrer Dr. Tamas Czopf ging das Gedenken zu Ende.

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