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Der Boden macht offenbar den Unterschied: Je nach Jahreszeit weisen im Landkreis geschossene Wildschweine eine unterschiedlich starke Strahlenbelastung auf.

Jagd

Strahlende Schweine

Im Winter musste jedes zweite im Landkreis Starnberg erlegte Wildschwein in die Tierkörperbeseitigung, weil es zu sehr mit radioaktiven Stoffen belastet war. Über die genauen Ursachen herrscht Rätselraten, sicher ist: Es ist eine Spätfolge des Reaktorunglücks in Tschernobyl.

Landkreis – Rund um München wurden in den vergangenen Monaten mehr Wildschweine mit hohen Strahlenbelastungen geschossen als in früheren Jahren. Im Landkreis ist das Bild uneinheitlich – und warum manche Wildschweine stärker belastet sind als andere, stellt die Jäger vor ein Rätsel.

Jedes erlegte Wildschwein wird doppelt untersucht. Einmal vor allem auf Trichinen, einen Fadenwurm, der auch den Menschen befallen kann. Die zweite Untersuchung gilt radioaktiver Strahlung, vor allem Cäsium 137. Hartwig Görtler, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, stellt einen deutlichen Unterschied der Strahlenbelastung nach Jahreszeit fest. Im Herbst und Sommer gab es keine Auffälligkeiten, im Winter dafür viele. Zwischen Mitte Dezember und Ende März war jedes zweite Wildschwein so verstrahlt, dass es nicht verzehrt werden konnte – 51 Prozent seien „verworfen“ worden, kamen also in die Tierkörperverwertung. Auf die vergangenen neun Monate gerechnet seien es 23 Prozent gewesen. Problem: Es gibt mehrere Messstellen, die genauen Gesamtzahlen für den Landkreis sind nicht bekannt.

Sicher ist nur, dass verstrahltes Schwarzwild eine Spätfolge des Reaktorunglücks von Tschernobyl im April 1986 ist. Cäsium 137 entsteht praktisch nur im Kernreaktoren und bei oberirdischen Kernwaffenversuchen. Die gibt es seit 1980 nicht mehr. Die Wolke aus Tschernobyl schlug sich seinerzeit auch auf Oberbayern nieder. Die Belastung der einzelnen Tiere lässt die Jäger rätseln. Görtler selbst hat schon erlebt, dass zwei Tiere aus einer Rotte völlig unterschiedlich stark belastet waren. „Es scheint am Boden zu liegen“, sagt er. Von der Bucheckern-Theorie hält er weniger – sie besagt, dass die Schweine mehr Pilze gefressen haben, weil es zuletzt wenig Bucheckern gab. Cäsium 137 reichert sich insbesondere in Pilzen an.

Es gibt jedoch deutliche Hinweise, dass die Bodenbeschaffenheit etwas mit dem Grad des Cäsiums im Erdreich zu tun hat, was Görtlers Beobachtung stützt: Die Wildschweine strahlen vor allem dann, wenn sie den gefrorenen Boden aufschürfen müssen, und das teils recht tief. Der Verbraucher könne sich aber sicher sein, dass jedes Stück Schwarzwild untersucht sei, betont Görtler. Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm, in einem Fall wurden im Kreis bei einem Wildschwein jüngst 4100 Becquerel gemessen. „Ein Ausreißer“, erklärt Görtler.

Der Landkreis ist den Jägern bei der Bezahlung der Untersuchungen inzwischen entgegengekommen – wie der Freistaat auch. Das Land übernimmt 20 Euro je Sau, wenn es sich um Frischlinge, Überlaufbachen oder Bachen handelt. Der Kreis bezahle für fast alle erlegten Tiere zusätzlich 20 Euro, erklärte Kreissprecher Stefan Diebl auf Anfrage. Dieser Betrag deckt allein etwa die Strahlenuntersuchung, der andere etwa die Trichinentests. Die Reduzierung der Kosten für die Jäger war eine Forderung der Bauern, damit zum Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest mehr Wildschweine abgeschossen werden. Die Landwirte hatten noch weitere Forderungen gestellt, unter anderem nach so genannten Saufängen – Gattern, in die Wildschweine gelockt und dann erlegt werden. Das Landratsamt hat darüber noch nicht entschieden.

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