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Nach tödlichem Motorboot-Unfall auf Starnberger See: Strengere Regeln nötig?

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Von: Tobias Gmach

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Viel Verkehr ist auf dem Starnberger See die Regel – sowohl im Uferbereich als auch weit draußen. Ich habe 41 Boote in der 300-Meter-Zone gezählt – an einem Nachmittag. Andreas von Poschinger, Seeanlieger aus Berg
Viel Verkehr ist auf dem Starnberger See die Regel – sowohl im Uferbereich als auch weit draußen. Ich habe 41 Boote in der 300-Meter-Zone gezählt – an einem Nachmittag. Andreas von Poschinger, Seeanlieger aus Berg © ANDREA JAKSCH

Reichen Rücksicht und Vernunft noch? Oder sind strengere Regeln auf dem Starnberger See nötig, um schwere Unfälle und andere Konflikte zu vermeiden? Ein Stimmungsbild.

Landkreis – Wie konnte das passieren? Wie konnte ein relativ kleines Motorboot im fünftgrößten See Deutschlands einen Schwimmer überfahren und tödlich verletzen? Das fragten sich viele nach dem tragischen Unfall des 32-jährigen Münchners am 31. Juli. Die Frage ist berechtigt – aber man darf auch fragen: Musste so etwas irgendwann passieren? Bei dem Freizeitdruck, durch den der Starnberger See enger für alle wird – für Schwimmer, Stand-up-Paddler, Segler, Surfer, Ruderer, Schlauch-, Motor-, Elektroboot- und Passagierschifffahrer.

Starnberger See: 280 Motorboote zugelassen

Hier die neutralste und diplomatischste Antwort zuerst, von Landrat Stefan Frey. Er sieht „ganz unterschiedliche Interessenslagen“. Er will die Regeln auf dem See „nicht von einem Einzelfall abhängig machen“. Über eine Anpassung der Bayerischen Schifffahrtsordnung, in der sie geschrieben stehen, könne man zwar nachdenken. Aber ob Tempolimit, Führerscheinpflicht oder Obergrenzen für Boote: Der Landkreis habe da nichts zu melden, denn der See gehöre ja dem Freistaat.

280 Motorboote sind auf ihm zugelassen, mehr dürfen es nicht sein. Acht bis zehn Jahre muss man für eine Erlaubnis warten. Aber die Zahl der Elektroboote ist mittlerweile auf mehr als 1600 geklettert, eine Obergrenze gibt es nicht. Dafür sei es aber höchste Zeit, findet Andreas von Poschinger.

Der 66-Jährige ist Seeanlieger, er besitzt ein Badehaus mit Steg in Berg und hatte nach eigenen Angaben schon „regen Schriftverkehr mit dem Landratsamt und zuständigen Ministerien“. Die Verbrenner-Zulassungen würde er ganz auslaufen lassen („Was für ein Anachronismus in Zeiten der E-Mobilität“) und die Leistung der E-Boote begrenzen. Einmal setzte sich von Poschinger mit einem Laserentfernungsmesser an seinen Steg. „Ich habe 41 Boote in der 300-Meter-Zone gezählt – an einem Nachmittag“, sagt er.

Regeln für Motorboote auf Starnberger See - „Die Schnellsten müssen am meisten Rücksicht nehmen“

Zu den Regeln: Motorboote dürfen in der Zone laut Schifffahrtsordnung nur „auf dem kürzesten Wege“, also im rechten Winkel, zum Ufer oder von dort weg fahren. Und nur mit 10 km/h – maximal. Außerhalb der Zone gilt Tempolimit 40.

„Die Schnellsten müssen am meisten Rücksicht nehmen“, findet Christian Kellner. Der 55-Jährige ist vierfacher Deutscher Meister im Segeln aus Seefeld und jede Woche auf dem Starnberger oder dem Ammersee unterwegs. Er fände eine Leistungsbegrenzung der Boote gut, weil sich nach seinen Beobachtungen viele nicht ans Tempolimit halten.

Geblitzt wird von der Wasserschutzpolizei niemand, und eine Führerscheinpflicht gibt es auch nicht: Selbst jemand, der noch nie gefahren ist, kann sich ein PS- oder KW-starkes Boot ausleihen. Für Kellner sind die Leihboote ein Hauptproblem: „Die sind bei schönem Wetter durchgehend auf dem See, während Privatboote vielleicht einmal pro Woche draußen sind“, sagt er.

„Je mehr auf dem See los ist, desto mehr Verstöße gibt es“, sagt Hauptkommissar Kai Motschmann. Er räumt ein, dass es stark von der Personalsituation bei den Beamten abhängt, wie viel kontrolliert wird. Auch Landrat Frey merkt an, dass die Dimension des Sees nicht zu überschauen sei. Daher sind folgende Zahlen auch nicht allzu aussagekräftig.

Starnberger See: „Je mehr los ist, desto mehr Verstöße gibt es“

Im Jahr 2018 registrierte das Landratsamt 92 Verstöße, 2019 waren es nur 38, 2020 wieder 61 und im vergangenen Jahr 34. Die häufigsten Ordnungswidrigkeiten laut Amtssprecher Stefan Diebl: Fahren ohne Genehmigung, Nichteinhalten des Mindestabstands, Motorfahrt ohne Grund (Segler dürfen ihre Zweitakter-Flautenschieber nur zur Rückkehr in den Hafen und nach Sonnenuntergang anwerfen) „und ganz selten: Alkohol“. Motschmann nennt noch E-Motoren, die unzulässigerweise an Schlauchbooten montiert werden und Stand-up-Paddler, die in Naturschutzzonen unterwegs sind.

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Apropos Umwelt: Der Segler Kellner, Mitglied beim Bund Naturschutz, mahnt vor den Wellen schneller Boote, die auch in Laichgebiete schwappen. Corona hat den Freizeitdruck insgesamt noch mal verschärft. Das hat nicht nur Oliver Jauch, Sprecher der Starnberger Wasserwacht, beobachtet. „2020, als viele nicht ins Ausland reisen konnten oder wollten, war der Höhepunkt. Ich habe nicht den Eindruck, dass es seither wesentlich weniger geworden ist“, sagt er.

Starnberger See: Werftbetreiber sieht „Unvernunft auf beiden Seiten“

Die einen schimpfen auf motorisierte Raser, andere auf jene, die ohne Boje oder Begleitboot mitten im See schwimmen. Ernst Simmerding, der in Leoni eine Werft betreibt, sieht „Unvernunft auf beiden Seiten“ und könnte sich über SUP-Fahrer aufregen, „die nachts ohne Beleuchtung auf ihrem Brett liegen“. Wenn Simmerding mit seinem Arbeitsboot nah ans Ufer muss, um andere Boote oder Bojen zu reparieren, müsse er „höllisch aufpassen“. Manchmal nimmt er einen Kollegen mit, „um Schwimmer zu verscheuchen“. Er würde selbst „nie in Badegebieten am Steg anlegen, aber manche machen das“, erzählt er. Und: „Bei etwas Wellengang siehst du die Köpfe nicht.“

Thomas Goetzke verleiht in Possenhofen Elektroboote, die seinen Angaben nach maximal 10 km/h schnell fahren. „Wir fahren mit jedem Gast einmal raus und wieder rein und schauen, ob er gescheit anlegt“, sagt er. Außerdem bekämen die Kunden viele Hinweise – zu den Regeln und, dass sie nicht in die Nähe der Roseninsel fahren, nirgends anlegen und allgemein Rücksicht nehmen sollen. „Wir sind eh Weltmeister im Reglementieren“, findet Goetzke. Für mehr Eigenverantwortung und gegen mehr Vorschriften ist auch auch seine Frau Nicola: „Das trifft dann die Mehrheit, die vernünftig ist.“

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