22. März: Die Seepromenade in Starnberg präsentiert sich am ersten Wochenende nach Inkrafttreten des Lockdowns in Bayern nahezu menschenleer.

Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Test-Stationen

Der Tag, der alles veränderte: Ein Rückblick ein  halbes Jahr nach dem ersten Corona-Fall bei Webasto

  • Peter Schiebel
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Heute vor sechs Monaten, am 27. Januar, wurde der erste Corona-Fall in Deutschland bestätigt – beim Autozulieferer Webasto in Stockdorf. Gesundheitsamtsleiter Dr. Lorenz Schröfl blickt auf ein halbes Jahr zurück, in dem sich das gesellschaftliche Leben massiv verändert hat.

Landkreis – Als Dr. Lorenz Schröfl (57) in den Weihnachtsferien zum Skiurlaub in Südtirol ist, beschleicht ihn zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl. Aus China kommen erste Meldungen, wonach vermehrt Menschen an der Lunge erkrankt seien. „Da braut sich was zusammen“, beschreibt Schröfl jetzt, gut sechs Monate danach, seine Gedanken.

Ein paar Wochen später erkrankt auch in Deutschland der erste Patient am neuartigen Corona-Virus namens SARS-CoV-2: ein 33 Jahre alter Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto in Stockdorf. Die Infektion wird am 27. Januar bestätigt. Für Schröfl und sein Team beginnt „eine extrem intensive Zeit mit einer massiven Belastung der Mitarbeiter“, wie er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur sagt. „Ich blicke aber auch mit Zufriedenheit zurück, weil wir das Optimum herausgeholt haben, was für uns möglich war.“

Die nackten Zahlen: Bis zum gestrigen Sonntagnachmittag wurden im Landkreis Starnberg 624 Menschen positiv getestet. 14 Patienten sind verstorben, die nachweislich das Virus hatten, auch wenn die Todesursache in zwei Fällen eine andere war. Annähernd 2000 enge Kontaktpersonen haben Schröfl und seine Mitarbeiter ausfindig gemacht, kontaktiert und testen lassen. Tausende an Telefonanrufen und E-Mails sind im Gesundheitsamt eingegangen, mehr als 3000 Überstunden in der Kreisbehörde angefallen.

„Da kommt was auf uns zu.“ Schröfls Gedanken aus den Weihnachtsferien erhalten bereits am 24. Januar, einem Freitag, neue Nahrung. Am Nachmittag gehen im Gesundheitsamt allgemeine Handlungsanweisungen und Informationen beim Auftreten des Virus ein, ausgefertigt vom Robert-Koch-Institut, verschickt von der Regierung von Oberbayern. Drei Tage später stehen die Starnberger Behörden „an der Front“, wie es Schröfl heute ausdrückt.

Lesen Sie auch: Vor sechs Monaten kam das Coronavirus in Deutschland an. Ein Mitarbeiter der Firma Webasto bei Starnberg infizierte sich mit dem Coronavirus zuerst. Nun macht er eine beunruhigende Aussage.

Wie geht es den Patienten? Wie verbreitet sich das Virus? Welche Schritte müssen beachtet werden? „Wir haben quasi jeden Tag Pionierarbeit geleistet“, sagt er. Dabei sei es „ein Glücksfall“ gewesen, wie kooperativ und strukturiert Webasto mit den Behörden zusammengearbeitet habe. Auch andere Behörden melden sich in Starnberg, wollen Informationen für den Fall, dass das Virus auch bei ihnen auftritt. Auch die Anfragen von Ärzten häufen sich.

Für die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes beginnen „12- bis 14-Stunden-Tage, auch an den Wochenenden“, sagt Schröfl. Das 18-köpfige Team wird personell verstärkt, um die Arbeit erledigen zu können. Und immer wieder müssen Kontaktpersonen ermittelt werden. Zu wem hatte der Infizierte Kontakt über mindestens 15 Minuten und mit weniger als zwei Metern Abstand? Wann waren diese Kontakte? Wann traten Symptome auf? „Wir haben die Patienten auch in der Klinik angerufen, es sei denn, sie wurden beatmet.“

Wie steht der Landkreis heute da, sechs Monate nach Patient Nummer eins? „Wir sind bis jetzt sehr gut durchgekommen“, sagt Schröfl. Auch den Ausbruch beim Caterer Apetito in Gilching vor gut drei Wochen habe der Landkreis gut bewältigt, zum Beispiel, indem infizierte Personen sofort isoliert worden seien. Darüber hinaus seien die meisten Bewohner „sehr vernünftig“ und würden sich an Abstands- und Hygieneregeln halten. Auch mit Institutionen wie Altenheimen und Schulen gebe es einen guten Austausch.

Den Zeitpunkt für Entwarnung sieht der Mediziner aber noch lange nicht gekommen. „Das Virus ist nicht verschwunden“, sagt Schröfl. Weltweit steigen die Fallzahlen an. In Deutschland und damit auch im Landkreis Starnberg gebe es zudem zwei große Unbekannte: die Reiserückkehrer und den Schulbeginn nach den Sommerferien. Er sei trotzdem optimistisch, dass es auch weiterhin gelingen werde, den Landkreis gut durch die Pandemie zu steuern. „Aber wir sind auch sehr wachsam.“

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