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Silke Pütz (50), Rentnerin aus Tutzing (mit Tabea und Angel): „Ich habe keine Ahnung, wie das System funktioniert, und weiß nie, wie viele Streifen ich stempeln muss. Als schwerbehinderte Rentnerin bekomme ich überhaupt keine Unterstützung und bin oft ratlos, was am günstigsten für mich ist.“

MVV-Reform

Machete für den Tarif-Dschungel

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Eine Arbeitsgruppe, an der neben Experten der Stadt München und der umliegenden Landkreise auch Verkehrsplaner beteiligt sind, strickt gerade an einer Reform der MVV-Tarife. Einfach und gerechter sollen sie werden. Im Kreisausschuss wurden aber Zweifel daran laut.

Landkreis – Es gibt wenige Fragen, in denen eine so weitgehende Einigkeit herrscht: Das Tarifsystem des MVV ist viel zu kompliziert und oftmals ungerecht. Das ist auch den Verantwortlichen klar, weswegen ein Arbeitskreis bereits seit Monaten an einer Reform bastelt. Nun wurden die ersten Erkenntnisse im Kreisausschuss in Starnberg öffentlich vorgestellt.

„Insbesondere die mangelnde Transparenz und die soziale Unausgewogenheit innerhalb des Tarifsystems sollen verbessert werden“, gab der Verkehrsplaner Stefan Weigele von der Firma Civity, die den Prozess beratend begleitet, unumwunden zu.

In den vergangenen Jahren war immer wieder der Ruf nach einer radikalen Reform der Preisstrukturen für den öffentlichen Personennahverkehr laut geworden. Viele hatten das Wiener Modell gefordert: Dort zahlen die Fahrgäste in der Innenstadt eine Pauschale von 365 Euro pro Jahr und können dafür alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, so oft sie wollen.

Großraum-Flatrate ist kein Thema

Das sei im Großraum München nicht umsetzbar, so Verkehrsplaner Weigele. „Denn hier müssen auch die Außenbereiche in die Betrachtung mit einbezogen werden. Selbst wenn man die München-Flatrate mit einem Jahrespreis von 500 Euro kalkulieren würde, bliebe es bei einem jährlichen Zuschussbedarf von rund 80 Millionen Euro.“ Daher werde dieser Ansatz nicht weiter verfolgt.

Statt dessen soll demnächst ein Pilotprojekt zum entfernungsabhängigen Tarif starten. Der setzt bei jedem Fahrgast ein Smartphone voraus. Dann klickt man in der dazugehörigen App einfach an, wenn man einsteigt und wenn man aussteigt – der für die Entfernung fällige Fahrpreis wird dann von Guthaben oder Konto abgebucht. „Es gibt die nötige Technik dafür zwar bereits, sie ist aber noch nicht für den großflächigen Einsatz in einem Bereich wie dem Großraum München geeignet“, sagte die Verkehrsplanerin des Landkreises Starnberg, Susanne Münster.

Bis die Technik also flächendeckend eingesetzt werden kann, wird es noch Jahre dauern. Bis dahin soll eine Tarifreform den heutigen Tarifdschungel lichten.

So ist nach Aussage von Verkehrsplaner Weigele geplant, die Zahl der einzelnen Tarifzonen radikal zu entschlacken. Aus 16 Ringen sollen künftig acht Kreise werden. Die Kreise sollen wiederum so zugeschnitten werden, dass heutige Ungerechtigkeiten der Vergangenheit angehören. Beispielsweise die, dass in einer Gemeinde eine Haltestelle der S-Bahn in einer Tarifzone liegt, bei der man zwei Streifen für die Fahrt in die Münchner Innenstadt braucht, an einer anderen Haltestelle hingegen vier Streifen fällig werden.

Forderung nach Preisnachlass für schlechten Service

Von der Seniorenkarte über Angebote für Jugendliche bis zum Tagesticket steht derzeit alles auf dem Prüfstand. „Es wird garantiert Gewinner und Verlierer geben“, so Weigele. Will meinen, dass der eine oder andere Pendler nach der Reform für die gleiche Strecke durchaus mehr bezahlen könnte. „Wir wollen aber die Zahl der Verlierer so gering wie möglich halten.“

Als ob das noch nicht kompliziert genug wäre, regt sich jetzt auch schon Widerstand im Landkreis Starnberg. Feldafings Bürgermeister Bernhard Sontheim beispielsweise forderte Preisabschläge für alle, die in seiner Gemeinde zusteigen. „Wir zahlen das selbe Geld für schlechtere Leistungen“, sagte er. So lange nicht auch in Feldafing die S 6 im 20-Minuten-Takt verkehre, die Bahnsteige und Unterführungen barrierefrei ausgebaut seien, sehe er nicht ein, dass die Feldafinger genauso teure Fahrpreise löhnen wie die Münchner. Man wird es sehen, wenn zum Fahrplanwechsel im Dezember 2018 die neuen Tarife wie geplant in Kraft treten.

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