Den Anorak von damals trägt Heinz Oberrauch noch immer. „Heute aber nur noch zum Schwammerlsuchen“, sagt er und lacht. Auch sein Tagebuch von der Expedition sowie die Schuhe (l.), die ihm über so manch steile Passage des Annapurnamassivs (r.) getragen haben, hat er noch zu Hause. Ebenso wie den Artikel des Starnberger Merkur (Mitte) über seine damalige Ankunft am Flughafen in Riem. Alles ist aber doch nicht gleichgeblieben: Die schwarze Haarpracht von 1980 ist mittlerweile deutlich ergraut.
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Den Anorak von damals trägt Heinz Oberrauch noch immer. „Heute aber nur noch zum Schwammerlsuchen“, sagt er und lacht. Auch sein Tagebuch von der Expedition sowie die Schuhe, die ihm über so manch steile Passage des Annapurnamassivs getragen haben, hat er noch zu Hause.

40 Jahre Erstbesteigung

Der Himalaya-Pionier: Wie Heinz Oberrauch aus Söcking den Annapurna-Mittelgipfel bezwang

  • Simon Nutzinger
    vonSimon Nutzinger
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Annapurna – der Riese im Himalaya gilt als der mörderischste Berg der Welt. Reinhold Messner bezeichnete seine Südwand einst als „Bestie“. Heinz Oberrauch schreckte das nicht ab. Am 3. Oktober 1980 bestieg der Starnberger den 8051 Meter hohen Mittelgipfel des Berges. Als erster Mensch überhaupt. Eine Geschichte über Mut, Wille, Begeisterung – und eine gewisse Portion Wahnsinn.

Söcking – 20 Meter noch, dann ist es vollbracht. 20 Meter noch, um einen Traum zu verwirklichen. Um Geschichte zu schreiben. Ein Klacks, möchte man meinen. Nicht aber in 8000 Metern Höhe. In der Todeszone, wie Bergsteiger die Sphären oberhalb der 7000-Meter-Grenze nennen. Wenn die Luft so dünn wird, dass das Gehirn anschwillt, die Lunge bei jedem Atemzug zu platzen scheint, der Körper sich wehrt zu existieren. „Du kämpfst um jeden Zentimeter“, sagt Heinz Oberrauch. Eine halbe Stunde robbt sich der Starnberger bei minus 40 Grad durch die Eisschicht. Presst seine Ellbogen und Knie mit letzter Kraft in den Schnee. Dann ist es geschafft. Oberrauch steht auf dem Mittelgipfel des Annapurnamassivs im Himalaya. Auf 8051 Metern Höhe. Als erster Mensch überhaupt.

Wenn Heinz Oberrauch in der Küche seines Hauses in Söcking von den Ereignissen vom 3. Oktober 1980 erzählt, ist es kaum zu glauben, dass diese schon 40 Jahre zurückliegen. Mit der Detailtreue und Aufgeregtheit eines Kindes, das gerade seinen Eltern vom ersten Schultag berichtet, spricht er über die knapp zwei Monate, die er damals als 32-Jähriger in Nepal verbracht hat. Beschreibt Routen und Lagerpläne, als wäre er erst vor wenigen Tagen von der Expedition zurückgekehrt. Oberrauch, der sein graues Haar zu einem Zopf zusammengebunden trägt, und dessen braun gebranntes Gesicht ein wilder Vollbart schmückt, hat auch mit 72 Jahren nichts von seinem Feuer verloren. Er sagt: „Begeisterung ist alles.“ Niemandem würde man diesen Satz mehr abkaufen als ihm.

Erstbesteiger eines der anspruchsvollsten Gipfel der Erde: Es begann mit einer Schuhschachtel

Doch wie wird ein Familienvater und Glasermeister mit eigenem Betrieb in Starnberg zum Erstbesteiger eines der anspruchsvollsten Gipfel der Erde? Wer das erfahren will, muss im Prinzip ganz vorne anfangen. Genauer gesagt bei einer Schuhschachtel. Oberrauchs Vater, wie die Mutter aus Südtirol stammend und passionierter Bergsteiger, bewahrte darin Fotos von seinen früheren Touren durch die Alpen auf. Für den jungen Heinz Oberrauch Faszination pur.

Stundenlang durchwühlt er die Schachtel, wähnt sich in seiner Fantasie in den Felswänden von Schlern, Rittner Horn und Co. Doch bleibt es lange Zeit bei der reinen Vorstellung. Mit dem elterlichen Glaserbetrieb im Rücken bleibt für die Familie keine Zeit für Ausflüge ins Gebirge. „Das war damals eben nicht drin“, sagt Oberrauch lapidar. Trotzdem – oder vielleicht sogar gerade deshalb – entwickeln sich die Berge für ihn zu einem Sehnsuchtsort. „Ich wusste schon früh: Ich will da rauf.“

In diesen Schuhen bezwang Oberrauch das Annapurnamassiv.

Möglich wird ihm das im Sommer 1962. Als 15-Jähriger tritt Oberrauch der Starnberger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) bei. Sozusagen der Startpunkt für seine Alpinisten-Karriere. Die Ausflüge aufs Hörnle oder den Heimgarten werden ihm jedoch schnell zu langweilig. „Das hat mich nicht befriedigt“, betont Oberrauch. Er will weiter nach oben. Ins Hochgebirge. Zu Eis und Schnee. Jahr für Jahr steigert er sein Pensum, besteigt an der Seite erfahrener Alpinisten die höchsten Alpengipfel von Triglav bis Mont Blanc. „Da habe ich mir vieles abgeschaut.“ Seine steten Begleiter: Wille und Mut. Einmal durchquert Oberrauch im tiefsten Winter mehrere Tage lang Karwendel und Wetterstein, lediglich mit einem Zelt und ein wenig Proviant im Gepäck. Sein Credo: „Nur wer Kälte, Durst und Hunger gespürt hat, weiß, wozu er im Stande ist und wo seine Grenzen liegen.“

DAV-Präsidenten Günter Hauser sucht Mitstreiter für Erkundungstour in Nepal

Oberrauch vereint bergsteigerisches Talent und Leidenschaft wie kaum ein Zweiter. Das spricht sich rum in der Szene – und ruft den damaligen DAV-Präsidenten Günter Hauser auf den Plan. Der sucht 1977 eine Mannschaft für eine Erkundungstour in Nepal. Ein 7000 Meter hoher Berg soll kommerziell zugänglich gemacht werden. „Eine Riesenchance“, sagt Oberrauch. Er wagt das Abenteuer. Und bewährt sich während der zwei Wochen als konditionsstarkes Mitglied. Expeditionsleiter Ludwig Greissl ist begeistert von dem jungen Starnberger. Nach der Rückkehr schreibt er ihm prompt eine Nachricht: „Heinz, in unseren Köpfen ist etwas Verrücktes entstanden – und du sollst dabei sein.“

Ein Bild aus jungen Jahren: Heinz Oberrauchs schwarze Haarpracht von 1980 ist mittlerweile deutlich ergraut.

Annapurna, Himalaya, Erstbesteigung eines 8000ers. Das Angebot klingt in Oberrauchs Ohren wie aus einem Traum, so absurd ist es. „Es hat sich angefühlt, als würde ich eine Schatzinsel finden.“ Doch so sehr sein Herz auch für die Mission brennt. Ebenso sehr gibt ihm sein Kopf zu verstehen, dass er seinen Rückzug erklären muss. Seit dem Tod des Vaters leitet der damals 32-Jährige den heimischen Glaserbetrieb. Frau Gabi sowie Tochter Diana (3) und Sohn Andal (5) brauchen ihn. Finanziell und emotional. Die Gefahr, im Himalaya umzukommen, ist zu groß. Oberrauch sagt Greiss ab, begräbt seinen Traum. „Es ging nicht anders.“ Ehefrau Gabi erkennt schnell, wie die Entscheidung an ihm nagt. Trotz all ihrer Sorgen bestärkt sie ihn, es doch zu versuchen. „Dafür bin ich ihr für immer dankbar.“ Er schließt noch eine Lebensversicherung für den Fall der Fälle ab, dann geht es los. Oberrauch und elf weitere Bergsteiger fliegen nach Kathmandu.

Reise ins Ungewisse mit nur dem Nötigsten

Eine Reise ins Ungewisse. Ohne Internet, ohne Wetterbericht, ohne Hightech-Ausrüstung. „Wir hatten nur das Nötigste dabei“, sagt Oberrauch. Anorak, Angoraunterwäsche, Daunenjacke, Daunenschlafsack, Bundhose, ein Kochtopf zum Eisschmelzen, Konserven mit gefrorenem Essen – alles äußerst überschaubar. Zu viel Material und Proviant wären zu schwer gewesen. Um die gigantische Eiswand des Annapurna zu bezwingen, braucht es jedes noch so kleine Korn an Energie.

25 Tage kämpfen sich Oberrauch und seine Kameraden durch das Massiv des Himalaya-Riesen, trotzen Kälte und Hunger. Lawinen und Eisbrüche zwingen sie mehrfach, die Route zu verändern, stellen sie vor schier unüberwindbare Herausforderungen. „Jeder Tag war ein neuer Kampf“, unterstreicht Oberrauch. Wie grausam dieser enden kann, erfährt die Seilschaft beim Abstieg ins Tal. Winfried Trinkle kommt nach einem Sturz in eine Felsschlucht ums Leben. Er ist der einzige, der nach der Erstbesteigung nicht nach Deutschland zurückkehrt.

Das Risiko klettert beim Bergsteigen immer mit

Dass es Oberrauch ebenso ergehen hätte können, ist ihm bewusst. „Dieses Risiko schwingt beim Bergsteigen immer mit.“ So blickt er trotz aller bis heute andauernden Euphorie auch kritisch auf sein damaliges Verhalten. Er räumt ein: „Meine Frau und die zwei Kinder zurückzulassen, war schon egoistisch, das würde ich jetzt nicht mehr tun.“ Doch habe er in gewisser Weise seinem Gefühl folgen müssen. Und außerdem wisse man eh nie, welche Gefahr im Leben auf einen warte. Der bizarre Beweis: Während sich Oberrauch im Himalaya der Naturgewalt entgegenstemmte, schrammten seine Liebsten zeitgleich beim Oktoberfest-Attentat am 26. September 1980 nur knapp an einer Katastrophe vorbei. „Geht die Bombe eine Stunde früher hoch, wär’s das gewesen.“

Den Artikel des Starnberger Merkur über seine Ankunft am Flughafen in Riem nach der Erstbesteigung hält Oberrauch in Ehren.

40 Jahre nach seinem Husarenstück blickt Oberrauch mit Wehmut in Richtung Himalaya. Der immer weiter ausufernde Massenalpinismus mitsamt seiner überteuerten Touren auf den Mount Everest sind ihm ein Dorn im Auge. „Ein Berg ist kein Kaufhaus“, stellt er klar. Und auch nichts für Jedermann. „Wenn ich es ohne Sauerstoffflasche nicht hoch schaffe, sollte ich es sein lassen.“ Es gehe darum, „sich selbst, die Natur und ihre ureigene Kraft zu spüren und zu respektieren“. So wie er damals, 1980. Als er sich die letzten Meter hinaufquälte. Zur Spitze des Annapurna-Mittelgipfels. Als erster Mensch überhaupt.

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