Abiturfeier auf Abstand
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Ins Wasser gefallen sind aufgrund der Corona-Krise viele Pläne der letztjährigen Abiturienten im Landkreis Starnberg. (Symbolfoto)

Ein Jahr nach Schulabschluss

Pläne über Pläne - dann kam Corona: So beeinflusst das Virus die Zukunft der Abiturienten im Landkreis Starnberg

Ein Jahr ist das erste „Corona-Abitur“ her. Wir haben uns im Landkreis Starnberg umgehört, wie die Abiturienten aus 2020 ihre Pläne verfolgen konnten.

Landkreis – Wenn das Abitur geschafft ist, hat man große Pläne: die Welt bereisen, ein Studium in einer fremden Stadt beginnen, etwas ganz Neues erleben. Der Starnberger Merkur hatte im vergangenen Jahr Abiturienten des Landkreises mit der Traumnote 1,0 zu ihren persönlichen Vorhaben und Zielen befragt. Doch hat die weiterhin anhaltende Corona-Pandemie seither viele dieser Dinge ins Wanken gebracht. Knapp ein Jahr später haben wir also erneut nachgefragt, wie es den Abiturienten von 2020 coronabedingt mit ihren Plänen ergangen ist.

Sport gut, Politik besser

In Raffael Kögels Brust schlagen zwei Herzen. Zum einen ist da die Liebe zum Sport, zum anderen das Interesse für Politik. Nachdem er sein Abitur am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching im vergangenen Jahr mit 1,0 abgeschlossen hatte, wollte der 19-jährige Gilchinger ursprünglich nach Köln, um dort sein Sport-Studium zu beginnen. „Ich habe lange überlegt, aber letztlich habe ich mich doch für ein Studium im Bereich Politik entschieden“, sagt Raffael. Doch ist der Weg in die Politik auch mit einem Schnitt von 1,0 kein leichter.

Raffael Kögel (19) aus Gilching.

Eigentlich würde er gerne internationale Beziehungen in Dresden studieren. Aber die Uni dort lehnte ihn ab, weil ihm Praktika in dem Bereich fehlten. Beim Versuch, diese nachzuholen, bereitet Corona Raffael große Schwierigkeiten. „Durch die ganzen Beschränkungen ist es im Moment wirklich schwer, eine Praktikantenstelle zu finden“, sagt er. Falls es mit dem Praktikum nicht klappen sollte, hat er einen Plan B. „Ich habe mich auch im europäischen Ausland beworben, das wäre auch eine tolle Option.“ Ob Raffael das Studium im Ausland im Oktober auch wirklich wird antreten können, ist coronabedingt noch offen.

Freundschaften, ohne über Leichen zu gehen

Schon seit der zehnten Klasse hatte Theresa Roth einen Traum. Inzwischen ist er wahr geworden. Seit dem 1. November studiert die Starnbergerin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Medizin. Das erste Semester hat sie mittlerweile hinter sich, auch die Prüfungen hat sie gemeistert. „Auch wenn wir wegen Corona die Klausuren ja nicht wirklich vor Ort schreiben konnten“, sagt Theresa. Die Klausuren wurden für die Medizinstudenten deswegen durch Kurse der VHB, der virtuellen Hochschule Bayern, ersetzt.

Theresa Roth (19) aus Starnberg.

Den Start in das Studenten- und Unileben hatte sich Theresa anders erhofft. „Wir hatten zwar das Glück, dass die ersten Wochen zu Studienbeginn noch in Präsenz stattgefunden haben, aber seitdem haben wir uns eigentlich nur noch online in Lerngruppen getroffen.“ Nicht nur das soziale Miteinander der Studenten, auch ein anderer, wichtiger Aspekt des Medizinstudiums fällt aus. „Die Seminare, in denen wir sezieren, können leider auch nicht stattfinden. Studenten höherer Jahrgänge haben uns erzählt, dass man beim Präparieren der Leichen die Freunde fürs Leben findet“, sagt Theresa und lacht. „Das hat sich leider noch nicht für uns ergeben.“ Dennoch habe sie einige tolle neue Leute über die Lerngruppen kennen gelernt. „Und so hat man seine Gruppe für das Sezieren für die Zeit nach Corona gleich schon gefunden.“

Zeit für Autofahren und Reitlehrerschein

Lena Gaedtke hat sich nach ihrem Abitur am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting nicht von ihrer geplanten Auszeit abbringen lassen. Nur ist das Wort Auszeit bei ihr vielleicht fehl am Platz. „Ich hatte so viel vor nach dem Abi, das alles hätte ich wohl einfach nicht geschafft, wenn ich direkt ins Studium gestartet wäre“, sagt sie. Lena möchte später einmal Medizin studieren. Die Monate nach dem Abitur hat sie daher genutzt, um ihr Pflegepraktikum für das Studium zu absolvieren. Mit entsprechender Schutzkleidung und Sicherheitsvorkehrungen war es ihr trotz Corona möglich, die nötigen Praktikumsstunden zu sammeln. Damit nicht genug.

Lena Gaedtke (18) aus Gauting.

Lena hat in den vergangenen Wochen auch ihren Führerschein bestanden, wurde nach einer Prüfung als Voltigier-Trainerin zugelassen und arbeitet derzeit an einem Trainerschein als Reitlehrerin. Zudem bereitet sie sich im Moment auf den Mediziner-Test im Mai vor. „Ich möchte einfach alles tun, was ich kann, um ab Oktober mit dem Medizin-Studium starten zu können“, sagt Lena. Sie scheint trotz Corona auf dem besten Wege dorthin.

Vom Sternensegler zum Maschinenbauer

Der Begriff Astronaut bedeutet übersetzt so viel wie Sternensegler. Sehr treffend für Jonas Schupp, der im Jahr 2020 für die Deutsche Jugendnationalmannschaft im Segeln angetreten ist und überlegt hatte, nach seinem 1,0-Abi am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in München zu beginnen. Alternativ plante er, das Segeln zu seinem Vollzeitjob zu machen und dafür nach Kiel zu ziehen. Beides hat der Gilchinger mittlerweile verworfen. Denn einerseits ist sein Interesse für Technik und Maschinen zu groß, um diesem nicht nachzugehen. Andererseits ist er zu heimatverbunden, um sich dauerhaft in Kiel niederzulassen.

Jonas Schupp (18) aus Gilching.

Ursprünglich hatte sich Jonas daher für eine Auszeit nach dem Abitur entschieden. „Aber ich habe relativ bald eingesehen, dass Corona mir bei Reiseplänen einen Strich durch die Rechnung machen wird“, räumt er ein. Um nicht wie viele Freunde während der Auszeit nach dem Abi in der Luft zu hängen, ging es für ihn dann doch direkt an die Uni: Maschinenwesen an der Technischen Universität München.

„Dadurch, dass die ersten Semester in dem Studium eh sehr theorielastig sind, ist das mit den Distanzvorlesungen nicht so schlimm“, sagt Jonas. „Trotzdem hoffe ich einfach sehr, dass ich ab kommendem Semester mit den Kommilitonen nach bestandenen Prüfungen im Biergarten anstoßen kann.“

Von Super-Novae und Uni-Stress

Jeanette Plechinger war gerade einmal 15 Jahre alt als sie ihr Abitur im vergangenen Jahr am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting mit 1,0 bestand. Ihr zielstrebiger Plan danach: ein Praktikum am Max-Planck-Institut für Astrophysik in München und daraufhin ein Physikstudium an der TU München. Beides hat sie gepackt. „Das Praktikum konnte ich trotz Corona antreten, teils vor Ort, teils im Homeoffice“, erzählt die mittlerweile 16-jährige.

Jeanette Plechinger (16) aus Gauting.

Während der Zeit am Institut befasste sie sich hauptsächlich mit der Simulation von Super Novae, dem Aufleuchten von Sternen, die zum Ende ihrer Lebenszeit hin explodieren. Das Physikstudium in München beschreibt Jeanette als sehr fordernd. Doch versucht sie das Positive im Distanzunterricht zu sehen. „Wegen Corona wurde das Vorlesungskonzept umgestellt auf asynchrone Seminare. Wir bekommen Material zur Verfügung gestellt und sollen uns so den Stoff erarbeiten.“

Da Jeanette sowieso gerne in ihrem eigenen Tempo arbeitet, kommt ihr das sogar entgegen. Doch auch sie ist enttäuscht, dass der Kontakt zu den Mitstudenten sehr begrenzt ist. „Der Kontakt ist mittlerweile auf gemeinsame Online-Seminare beschränkt, das ist richtig schade“. Aber auch hier bemüht sich Jeanette um Optimismus. „Das Studium ist sehr stressig – so wird man immerhin nicht abgelenkt.“

Schildkröten-App und Informatikstudium

So zielstrebig Jana Huhne ihr Abitur am Ammerseegymnasium in Dießen durchgezogen hat, so zielstrebig ging es für die 17-Jährige direkt weiter an die Universität. Vergangenes Jahr hat sie ein Informatikstudium in München begonnen. Reisepläne, die sie womöglich von dem frühen Studienstart abgebracht hätten, vielen durch Corona ins Wasser. „Ich hatte mit Freunden eine Asienreise geplant, wir wollten unter anderem nach Japan und Thailand“, sagt sie. Stattdessen arbeitete Jana zügig weiter an ihrer beruflichen Karriere und war erstaunt, wie gut der Online-Unterricht an der Universität organisiert wurde.

Jana Huhne (18) aus Dießen.

„Von meiner Schulzeit war ich gewohnt, dass der Distanzunterricht mit vielen technischen Problemen verknüpft war. Das ist an der Uni nicht so, da läuft bisher alles wirklich reibungslos.“ Auch andere Projekte hat Jana weiter verfolgt. Ihre selbst programmierte Spiele-App namens „Save the Sea“ über eine kleine Schildkröte, die das Meer von Plastikmüll befreit, ist mittlerweile fertig und kann im Google Play Store heruntergeladen und gespielt werden. „Das war ein tolles Projekt, bei dem ich mich noch weiter mit dem Programmieren von Apps auseinandersetzen konnte. Im Studium lerne ich hierzu hoffentlich noch mehr.“

Alles anders als geplant

„Erst Wirtschaftspsychologie und dann Jura“ – so lautete der klare und definitive Plan von Sandra Groß nach ihrem Abitur am Gymnasium Starnberg. Spätestens seit Corona ist jedoch klar, dass Pläne nicht immer so verlaufen, wie ursprünglich gedacht. So auch bei Sandra. „Ich wollte ja eigentlich etwas ganz anderes machen, aber bin dann doch irgendwie in München an der TU gelandet“, sagt die 18-jährige Starnbergerin. Dort studiert sie seit einem Semester technische Betriebswirtschaftslehre.

Sandra Groß (18) aus Starnberg.

„Das ist schon sehr weit entfernt von meinem ursprünglichen Plan, aber mittlerweile bin ich absolut überzeugt von dem Studiengang“, sagt sie. Auch der Uni-Alltag ist anders, als sie ihn sich ursprünglich ausgemalt hatte. Sie erzählt: „Die ersten Wochen während der Vorkurse waren so, wie man sich Uni vorstellt, dann ging es in den Lockdown.“ Besonders die Prüfungsphase war ungewohnt, einen Großteil der Prüfungen absolvierte sie ohne Aufsicht. „Es ist schon komisch, wenn man bei der Prüfung zu Hause sitzt und einfach sein Buch aufschlagen kann. Bei uns war das sogar explizit erlaubt“, sagt Sandra in Erinnerung an ihre ersten Klausuren.

Der Unterricht von zu Hause aus hat aber auch seine Vorteile: „Dadurch, dass Fahrtwege wegfallen, spart man sich viel Zeit.“ Zeit, die Sandra zum Lernen und für Online-Treffen mit Freunden nutzt.

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