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Was ist los, wenn Ausgangssperre ist? Nachts unterwegs in der Geisterstadt Starnberg

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Von: Michael Baumgärtner

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Wie ausgestorben: Kurz nach 21 Uhr sind die Straßen in Starnberg wie leergefegt.
Wie ausgestorben: Kurz nach 21 Uhr sind die Straßen in Starnberg wie leergefegt. © Michael Baumgärtner

Seit Mittwoch gilt in Bayern zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr morgens eine strikte Ausgangssperre. Wie halten sich die Starnberger daran? Was ist auf den Straßen los? Wir haben uns Donnerstagnacht in der Kreisstadt umgeschaut.

Starnberg – Es ist Donnerstag, 20.45 Uhr – nur noch wenige Minuten, ehe die von der Staatsregierung angeordnete Ausgangssperre den Menschen verbietet, das Haus zu verlassen. Ausgangssperre, das hat es seit 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland noch nie gegeben. Man muss also mindestens 75 Jahre alt sein, um eine solch massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit schon einmal erlebt zu haben. Das sind bayernweit nur rund 1,5 Millionen Menschen, dagegen sind 11,7 Millionen Bayern zum allerersten Mal mit einem Ausgehverbot konfrontiert.

Am Starnberger Bahnhof See stehen eine Handvoll Autos, in denen die Fahrer offenbar darauf warten, jemanden abzuholen und nach Hause zu fahren. „Schnell, beeil dich. Wir haben nicht mehr viel Zeit“, ruft eine Mutter ihrer Tochter zu, die gerade mit der S-Bahn aus München angekommen ist. Drei Linienbusse des MVV überqueren noch den Zebrastreifen am Bahnhofplatz – ohne einen einzigen Fahrgast zu befördern. Ein Fahrzeug steht am Taxistand. „Es ist eine Katastrophe, in zehn bis zwölf Stunden mache ich momentan maximal 20 Euro Umsatz“, sagt Ruya Efendiev. Der aus Bulgarien stammende Taxiunternehmer wird dennoch die ganze Nacht hindurch bis 6 Uhr im Einsatz bleiben. „Es hilft ja nichts, vielleicht gibt es ja einen Notfall, den ich fahren muss. Und ein paar Leute kommen noch immer mit der S-Bahn von der Arbeit aus München an.“ Aber ab 22 Uhr sei die Stadt praktisch wie leergefegt. „Dann sieht man eigentlich nur noch Polizei herumfahren.“

Shell-Tankstelle
Die Shell-Tankstelle an der Münchner Straße hat fast keine Kundschaft. © Michael Baumgärtner

Tatsächlich ist die Starnberger Innenstadt keine halbe Stunde nach Inkrafttreten der Ausgangssperre wie ausgestorben: Die Maximilianstraße ist komplett verwaist, der Kirchplatz menschenleer, die Kaiser-Wilhelm-Straße tot. Am Tutzinger-Hof-Platz führt eine Frau ihren Hund Gassi – was laut Verordnung ausdrücklich erlaubt ist. Kurzum: Starnberg gleicht einer Geisterstadt. Trost spenden nur die mit Lichterketten und Christbäumen festlich geschmückten Läden, die allerdings seit Mittwoch ebenfalls geschlossen bleiben müssen.

Bahnhof See Starnberg
der Bahnsteig am Bahnhof See gleicht einem Geisterbahnhof. © Michael Baumgärtner

Offenbar halten sich die Starnberger an die strikte Ausgangssperre. Was auch Bernd Matuschek, Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Starnberg, bestätigt: „Es war sehr ruhig, wir mussten niemanden beanstanden“, sagt er am Freitag. Alle Personen, die von seinen Kollegen kontrolliert wurden, hätten plausibel nachweisen können, dass sie sich auf dem Heimweg von der Arbeit befanden.

Am meisten ist noch auf der Münchner Straße los. Regelmäßig fahren ein paar Autos auf der B 2 aus Richtung München kommend durch die Kreisstadt. Aber an der Shell-Tankstelle hält so gut wie keiner an. „Es kommt fast niemand“, sagt Slavyan Hvarchilkov. Der 22-Jährige arbeitet zwei- bis dreimal pro Woche in der Tankstelle, die normalerweise sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet ist. „Seit Montag schließen wir aber schon um 23 Uhr“, erklärt Hvarchilkov. Für den Nachhauseweg hat er von seinem Chef eigens ein Schreiben erhalten, das im Falle einer Kontrolle bestätigt, dass er von der Arbeit kommt.

Unterwegs dürfen nur noch Personen sein, die einen triftigen Grund dafür haben – so wie Sicherheitsunternehmer Andreas Hedler.
Unterwegs dürfen nur noch Personen sein, die einen triftigen Grund dafür haben – so wie Sicherheitsunternehmer Andreas Hedler. © Michael Baumgärtner

Gegen 21.30 Uhr betritt Andreas Hedler den Verkaufsraum der Tankstelle, um sich noch schnell für zu Hause ein Getränk zu kaufen. Auch er ist legal unterwegs, denn er arbeitet als privater Sicherheitsunternehmer und kommt gerade aus Feldafing. „Dort habe ich ein Objekt eines Kunden überprüft, auf das ich 24 Stunden lang aufpassen muss“, erzählt der 58-jährige Starnberger. Sollte er von einer Polizeistreife angehalten werden, kein Problem: „Wegen meines Berufs bin ich bei denen sowieso registriert.“

Um 22.34 Uhr fährt am Bahnhof See die S-Bahn aus Tutzing ein. Ganze zwei Personen steigen aus dem Zug. Ein Mann und eine Frau, die ihre Schicht im Benedictus-Krankenhaus Tutzing beendet hat und nach Hause geht. Ansonsten gähnende Leere. Und das dürfte wohl bis mindestens 10. Januar so bleiben.

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