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Ortstermin: Der Wegebau am Hochwald in Starnberg hat Bäume geschädigt, aber nur einer muss deswegen gefällt werden.

Schäden an Bäumen

Weg am Hochwald: Die Axt bleibt im Schrank

Der Wegebau am Hochwald hat Bäume geschädigt, aber nur einen so sehr, dass er gefällt werden muss. Nun soll das Waldstückchen jedoch zum Naturwald werden, in dem der Wald nicht bewirtschaftet wird. Dabei war der Weg offiziell genau deswegen gebaut worden.

Starnberg – Dem Weg durch das Waldstück zwischen Am Hochwald und Hanfelder Straße droht kein Rückbau. Darauf verständigte sich der Stadtratsausschuss für Umwelt, Energie und Mobilität am Montagabend. Hintergrund waren zwei Expertengutachten zum Zustand der Bäume, die gut und schlecht zugleich waren: Gut für die Bäume, weniger gut für die Stadtverwaltung. Bevor über einen Rückbau entschieden wird, soll das Wäldchen erst mal Naturwald werden. Die Argumentation der Stadt, der Weg werde für die Waldbewirtschaftung (Rückeweg) benötigt, fiele damit weg.

Vor fast eineinhalb Jahren begann das Drama durch einen Kleinbagger. Dessen Fahrer nämlich sorgte dafür, dass ein besserer Trampelpfad stellenweise erst auf bis zu fünf Meter verbreitert wurde, um dann zu einem 1,60 bis 1,70 Meter breiten Weg zu werden. Die Anordnung kam aus dem Rathaus, das Landratsamt hatte zugestimmt, denn der Weg sollte auch als Rückeweg dienen – als Schneise, um in der Waldwirtschaft Bäume aus dem Forst zu holen. Anwohner um Ottmar Maier liefen Sturm, eine Bürgerinitiative gründete sich und sammelte Unterschriften, der Wirbel war groß – Ende erster Akt.

Vor einem Jahr war der Weg zum Politikum geworden. Die CSU hatte eine Überprüfung verlangt, ob und wie die Bäume am rund 400 Meter langen Weg durch den Bau geschädigt wurden. Bis es soweit war, verging noch einmal ein halbes Jahr; erst im Dezember fasst der Stadtrat einen entsprechenden Beschluss, und schon dort fiel das Wort „Rückbau“. Bürgermeisterin Eva John hatte schon im Sommer ein Monitoring veranlasst, also eine dauerhafte Beobachtung der Bäume. Der Spannungsbogen in diesem zweiten Akt lief genau auf den Beginn des dritten Aktes zu: auf Montag, 17 bis nach 19 Uhr, erst vor Ort, dann im Ausschuss. Dort nämlich legten die beiden Gutachter Erk Brudi und Dr. Karla Melka-Müller ihre Gutachten vor.

So geht es den Bäumen nach dem Wegebau

Brudi hatte 22 Bäume gezählt, die näher als 2,5 Meter am Weg stehen. 2,5 Meter wäre der Abstand nach einer DIN-Vorgabe, die jedoch in diesem Fall nicht zwingend anzuwenden ist. Es handele sich, sagte die Gutachterin, zudem um eine Soll-Bestimmung. Sieben Bäume hat Erk Brudi im März genauer untersucht, unter anderem durch Grabungen im Wurzelbereich, aber auch den Weg und dessen Unterbau. Die Ergebnisse in der Kurzfassung:

  • Alle Bäume waren schon vor dem Wegebau geschädigt.
  • Bei einem der sieben waren bis zu zehn Zentimeter starke Wurzeln durchtrennt worden, und zwar nur auf der Wegseite – eine Folge des Baus. Der Baum, eine Fichte, zeigt bereits Schäden in der Krone. „Er kann nicht erhalten werden“, sagte er, weil die Standsicherheit nicht gewährleistet sei. Totalverlust.
  • Die anderen sechs hätten ebenfalls Schäden an kleineren Wurzeln erlitten. Brudi verglich deren Umfang mit einem grippalen Infekt – mit der Zeit könnten sich die Bäume erholen, müssten aber zumindest in Trockenzeiten bewässert werden. Trockenheit ist für Bäume Stress. Jedoch: Kaufe man einen Baum in einer Baumschule, würden 98 Prozent der Wurzeln gekappt, und der Baum wachse trotzdem.
  • Der Weg habe natürlich Folgen für die Bäume in dessen Nähe, weil aus Waldboden ein Kiesbereich wurde. „Das ist keine besonders tolle Situation für die Bäume“, sagte Erk Brudi.
  • Den Wegebau stufte der Experte als „weitgehend nicht fachgerecht“ nach DIN ein, heißt es in der Vorlage aus dem Rathaus. Das Absterben von Bäumen sei aber unwahrscheinlich. Die Alternative allerdings wäre wohl noch schlimmer gewesen: Ein Wegebau nach DIN hätte bedeutet, dass Bäume nah am Weg gefällt werden hätten müssen.

Brisanz bekam die Debatte durch die Zweitgutachterin: Sie erklärte den Weg als in Teilen zu schmal, um ein forstwirtschaftlicher Rückeweg zu sein. Das allerdings war seinerzeit eine Begründung der Stadtverwaltung für den Bau. Die Gutachter stellten jedoch auch fest, dass der Weg Fahrzeuge bis zu einer Tonne aushält und damit für schmale Forstfahrzeuge befahrbar sei. Erk Brudi offerierte mehr der Vollständigkeit halber einige Optionen: Wurzelbrücken zum Stückpreis von bis zu 5000 Euro – „technischer Wahnsinn“. Ein Rückbau würde „wahrscheinlich noch größeren Schaden“ anrichten. Der Fachmann aus Gauting merkte zudem an, er wundere sich, dass die ausführende Firma beim Bau auf diese Weise nicht nachgefragt habe.

Mehrheit will Kosten für Rückbau nicht wissen

Viele Ausschussmitglieder sind die Debatte leid. „Wir müssen einen Schlusspunkt setzen“, sagte Anton Wiesböck (FDP) und beantragte, den Wald zum Naturwald zu machen, Totholz und den zu fällenden Baum einfach liegen zu lassen und die Waldbewirtschaftung faktisch einzustellen. In Ottmar Maier und Erk Brudi fand er Mitstreiter. Wiesböck stellte zur Schuldfrage fest: „Wir haben nicht viel angestellt.“ Dr. Klaus Rieskamp (BLS) erklärte, der Verwaltung sei kein Vorwurf zu machen. Anders Stefan Frey (CSU), der weiterhin den Sinn des Weges infrage stellte und forderte, die Rückbaukosten zu ermittelt. Das lehnte eine Mehrheit jedoch ab. Angelika Kammerl (DPF) will keinen Euro mehr in den Weg stecken; sie schätzt die Kosten inzwischen auf rund 150 000 Euro. Patrick Janik (UWG) merkte an, man solle Haftungsfragen prüfen – gemeint war die ausführende Firma. Gegen drei Stimmen wurde der Wiesböck-Vorschlag für einen Naturwald angenommen; das soll nun geprüft und konzeptionell aufgearbeitet werden. Ende dritter Akt.

Und nun? Der Weg bleibt, und auch so, wie er ist. Die Überwachung der Bäume geht weiter, der eine wird gefällt. Im Wald wird eine dicke Laubschicht aufgebracht, die Erk Brudi zufolge lebenswichtig für Buchenwälder sei. Bei Trockenheit fährt ein kleiner Schlauchwagen durch und gießt die Bäume.

Ob das der Beginn des vierten Aktes ist oder doch der Epilog, wird sich zeigen.

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