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Weil viele Angst vor dem Virus haben: Freie Plätze und knappe Kassen in Pflegeheimen

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Von: Tobias Gmach

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Ort des Ausbruchs: Im sogenannten Rundbau des BRK-Schlosses Garatshausen befinden sich gerontopsychiatrische Wohnbereiche. Dort leben hochgradig demente Menschen, die teilweise zudem an Vorerkrankungen an Lunge, Herz und Nieren leiden. Von 41 infizierten sind mittlerweile 21 Bewohner wieder genesen.
Im sogenannten Rundbau des BRK-Schlosses Garatshausen befinden sich gerontopsychiatrische Wohnbereiche. Dort leben hochgradig demente Menschen. © Andrea Jaksch

Die vielen Todesfälle in Pflegeheimen wirken sich auf ihr Image aus: Einige haben finanziell zu kämpfen, weil sich die Leute aus Angst vor dem Virus scheuen, ihre Angehörigen stationär unterzubringen. Aber: Bei einigen anderen ist die Nachfrage fast unverändert hoch.

Landkreis – Die Oma geben wir nicht ins Heim, dort könnte sie sich schnell das Virus einfangen und sterben. Irgendwie kriegen wir das selbst hin – zumindest bis Corona vorbei ist. Solche Gedankengänge in den Köpfen Angehöriger sind es, die Marcus Wicke umtreiben. „Die Nachfrage aus dem häuslichen Bereich hat erheblich nachgelassen, sie tendiert sogar gegen null“, sagt der BRK-Bereichsleiter Senioren und Pflege. Er spielt darauf an, dass im BRK-Schloss Garatshausen rund 30 Plätze unbesetzt sind. „Die Auslastung ist damit um 20 Prozent geringer als sonst“, so Wicke. Ein Zustand, der auf Dauer nicht finanziell zu stemmen sei. Und selbst wenn man demnächst wieder wie üblich zwei oder drei Bewohner pro Monat aufnehmen würde, „wird es lange dauern, bis wir das aufgeholt haben“. Wicke rechnet vor, dass der Einrichtung derzeit etwa 120 000 Euro an Erlösen im Monat fehlen.

Nach seiner Schilderung hängt der Bewohnerschwund nicht nur mit den 18 Todesfällen auf der Gerontologie-Station zusammen, sondern auch mit der Skepsis, die Heimen nach den Ausbrüchen in der zweiten Welle entgegenschlägt. Eine Beobachtung, die auch andere im Landkreis machen. Aber nicht alle.

Besuchsverbote und Ausbrüche in Heimen sorgen für Zurückhaltung

Georg Borngässer, bestätigt Wickes Sorge für die Häuser des Rummelsberger Stifts in Starnberg und Söcking: „Ja, es gibt Rückmeldungen, dass Angehörige eine eigentlich angezeigte Heimunterbringung kompensieren, weil sie fürchten, dass sie ihre Angehörigen nicht besuchen dürfen oder dass sich ihre Angehörigen in einem Altenheim mit Corona infizieren. Außerdem gibt es Aussagen, dass Angehörige von Kurzarbeit betroffen seien und deshalb die Pflege selbst übernehmen.“ In Starnberg sind, auch wegen mehrerer Todesfälle, derzeit 21 Plätze frei. Bei einem Haus mit rund 100 Betten gebe es normal drei bis fünf Neuaufnahmen im Monat. „Da liegen wir zurzeit drunter“, sagt Borngässer.

Zurückhaltung ist auch in den Caritas-Altenheimen Marienstift Gauting und Maria Eich Krailling zu spüren. Die Nachfrage sei zwar ähnlich wie vor Corona, so Sprecherin Valentina-Anna Rätz. Aber man werde öfter mit Fragen konfrontiert, Einzüge verzögerten sich. Und vor der Pandemie sei die Nachfrage nach stationären Plätzen noch höher als das Angebot gewesen. In Gauting sind – auch wegen eines Ausbruchs – zehn Plätze frei, in Krailling sei die Auslastung normal.

Weiterer Faktor: „Krankenhäuser fahren nicht unter Vollast“

Weniger dramatisch ist die Lage auch im Gilchinger Rotkreuzhaus. Marcus Wicke berichtet von „drei bis vier Plätzen weniger als sonst“. Er führt auch das Argument an, „dass die Krankenhäuser derzeit nicht unter Volllast fahren“. Oft kämen Klinik-Patienten zunächst zur Kurzzeitpflege, blieben dann aber doch auf Dauer. Auch solche Fälle seien derzeit seltener.

Für finanzielle Entlastung sorgt der staatliche Pflege- Rettungsschirm. „Wir stellen die Anträge für Mehr- und Minderkosten und bekommen die Gelder auch relativ zügig überwiesen“, berichtet Caritas-Sprecherin Rätz. Allerdings bestehe „ein hohes Maß an Unsicherheit“, weil der Staat die Zuschussvoraussetzungen prüfen werde – und damit eventuell Rückforderungen anstehen. Einen Teil des Pflegesatzes, den die Bewohner zahlen, deckt der Rettungsschirm nicht ab: die Investitionskosten, also all das, was für die Finanzierung von Gebäuden und Ausstattung notwendig ist. Im Falle der Caritas sind das 20 Euro pro Tag und Platz. Wenn zehn Prozent nicht belegt sind, brechen einem Heim 75 000 Euro im Jahr weg, rechnet Rätz vor. Sie betont: „Hinzu kommt die aufwendige Bearbeitung der Finanzierungsanträge, die nicht angerechnet werden darf.“

Aber: Manche haben auch eine lange Warteliste

Nicole Uhlig, Leiterin des Malteserstifts St. Joseph in Percha, kann gerade nicht klagen: „Wir haben eine lange Warteliste und bekommen täglich neue Anfragen“, sagt sie. „Aber wir hatten bisher auch keinen Ausbruch.“ Im Gegensatz zum Seniorenstift Pilsensee in Seefeld, in dem sich seit Dezember beinahe alle Bewohner infiziert hatten. „Wir warten noch auf den Impftermin, das ist ein limitierender Faktor, es würde uns Sicherheit geben“, sagt Geschäftsführer Ulf Walliczek. Er ist nicht der einzige Heimchef, der den Abschluss der Impfungen herbeisehnt. Die erste Dosis haben mittlerweile alle Impfwilligen in den Pflegeheimen des Landkreises bekommen – bis eben auf sechs Personen im Seniorenstift Pilsensee, wie Landratsamtssprecherin Barbara Beck erklärt. Sie sollen aber demnächst drankommen.

Beim Thema Impfen weist Caritas-Sprecherin Rätz auf ein Problem hin – weil es trotzdem Neuzugänge in den Einrichtungen gibt: Die Impfungen für sie müssten „unbedingt und sehr schnell“ organisiert werden. Denn ohne diese Nachimpfungen würde die hohe Impfquote in den Heimen kontinuierlich wieder sinken.

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