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Die Alltags- und die Sonntagshose: Willi Großer mag sich mit seiner lädierten Ledernen nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Bis die neue Hose geliefert wird, zieht er die „Feine“ derzeit auch unter der Woche an. 

Bairisches Gwand

Willi Großers neue Hirschlederne

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Ein Mann und seine Beinkleider sind Stadtgespräch in Starnberg. Der Mann ist nicht irgendwer. Es geht um den Bürgermedaillenträger, langjährigen Vorsitzenden des Heimat- und Volkstrachtenvereins und ehrenamtlichen Kreisheimatpfleger Willi Große.r

Starnberg – Er ist die Inkarnation von Brauchtum, Tradition und Heimatliebe schlechthin. Jeder Starnberger kennt Willi Großer. Und wer ihn nicht persönlich kennt, hat zumindest seinen Namen schon einmal gehört. Und wer ihn dann sieht, weiß sofort, wen er vor sich hat. Willi Großer ist unverkennbar dank seines Markenzeichens – und das ist die Lederhose. Gefühlt niemals ist der mittlerweile 84-Jährige ohne bairisches Gwand anzutreffen: das Hemd, aus weißem Leinen gewebt, die gestrickte Joppe oder Weste und die Lederhose – im Sommer in der kurzen Ur-Form, in den kühleren Monaten als Bundhose.

Dieses Bild hat in letzter Zeit vorübergehend Risse bekommen – zum Erschrecken etlicher Starnberger. Und das kam so:

Mit der Ledernen ins Holz

Willi Großer mutet seinen Lederhosen einiges zu. Die Volksweisheit, dass eine Lederne die Hose fürs Leben sei, trifft bei dem Starnberger nicht zu. Mit seiner Lederhose für den Alltag erledigt Großer die Gartenarbeit und geht mit ihr auch ins Holz. Und neulich, nach vielen Reparaturen und Auffrischungen durch den Säckler, musste Großer einräumen: Seine Lederne ist aufgearbeitet – die älteste, die in seinem Kasten liegt. Wie alt sie ist, weiß der Starnberger schon gar nicht mehr. „Kann sein, dass ich die schon vor meiner Heirat bekommen habe.“ Mit seiner Frau Brigitte ist Großer schon seit 57 Jahren vermählt. Aber mit dieser lädierten Hose wollte sich der 84-Jährige nicht mehr unter die Leute wagen: „Für den Garten und fürs Haus reicht’s noch.“

Der Zeitpunkt war gekommen, auf den Brigitte Großer schon längere Zeit gewartet hatte: „Sie wollte mich rausholen aus der Lederhose, und jetzt war ihre Chance gekommen.“ Großers bessere Hälfte redete auf ihren Mann ein, dass es doch keinen Sinn mehr mache, sich in seinem Alter nochmals eine Lederne schneidern zu lassen. Nach einigem Zögern musste auch er die Sinnlosigkeit einer solchen Überlegung einräumen: „Eine Maßanfertigung hat seinen Preis. Da ist man schnell bei einem Tausender angelangt.“

Auf Stoffhosen umgesattelt

Großer ließ sich überreden, im Alltag auf schlichte Stoffhosen umzusatteln. Aber weil er diese Beinkleider genauso hernahm wie seine Lederne, waren die Abnutzungsspuren rasch sichtbar: Die Säume am Ende der Hosenbeine fransten aus, die Hosen mussten häufiger gewaschen bzw. gereinigt werden als ihre ledernen Pendants und regelmäßig wieder aufgebügelt werden.

Das war nur das häusliche Problem, das die Ehefrau auszubügeln hatte. „Das wird eine teure Geschichte. Da arbeite ich schon einige Stoffhosen auf“, habe er ihr prophezeit, sagt Großer.

Zu bunt wurde es dem Ehemann, als er sich mit den Stoffhosen in der Öffentlichkeit blicken ließ. „Und du, was du machen, du was für eine Hose anhast, du nicht Traditionalist, du brauchst so nicht mehr kommen“, musste sich Großer von einem Mitarbeiter des Starnberger Wertstoffhofes anhören lassen, erzählt der Brauchtumsverfechter, indem er den ausländischen Akzent und die derbe Aussprache seines „Widersachers“ gekonnt nachahmt.

Beim Säckler zum Maßnehmen

„Und dann war ich in der Kaffeemühle, wo die Stammtischbrüder hockten. Sie sagen, was geht denn da her. Ich sag, was meinst denn überhaupt. Da sagt einer: Ja, in was für einer Hosn kommst du daher?“ Auch auf der Straße blieb Großer von überraschten bis erschreckten Reaktionen nicht verschont. „Eine mir bekannte Frau, deren Name mir nicht sofort einfiel, weil sie witterungsbedingt dick eingepackt war, kam auf mich zu, blieb abrupt stehen und fragte: Ja san Sie’s jetzt doch? Das ist der Großer, hob i denkt. Na, des is er doch net. Der hot a ganz andre Hosn o“, habe sich die Dame über sein Auftreten gewundert. Weil sich solche Situationen häuften, hatte Großer schließlich die Nase voll. Und fand auch bei seiner Frau Nachsicht. „So geht es nicht weiter, also meinetwegen, lass dir eine neue Lederhose machen“, habe seine Frau einem Besuch beim Säckler zum Maßnehmen zugestimmt. Gesagt – getan.

Maßschneiderei braucht seine Zeit

Ab sofort wagte sich der ehemalige Kreisheimatpfleger auch wieder in einer Lederhose in die Öffentlichkeit. Und es dauerte keine Ewigkeit, dass in der Kreisstadt die Kunde die Runde machte: „Willi Großer hat eine neue Lederhose.“ Diese Nachricht verleitete einen Merkur-Leser zu einem nicht ganz ernst gemeinten Textvorschlag an unsere Redaktion: „Der allseits beliebte Willi Großer hat sich eine neue Lederhose zugelegt, die alte hat er dem Museum Starnberger See als Beispiel örtlichen Brauchtums vermacht“, so die verkürzte Version des Vorschlags unseres Lesers. Der wusste damals noch nicht, einen doppelten Scherz gelandet zu haben.

Denn seine alte Hose hat Großer behalten, und in Starnberg lässt er sich seitdem nur noch in seiner gepflegten Sonntags-Ledernen sehen – die besitzt er auch schon seit ewigen Zeiten. Die Neue ist noch beim Säckler in Arbeit.

Ein Jahr Fertigungszeit hat der Peitinger dem Starnberger in Aussicht gestellt. „Da hab ich ihm gesagt, du weißt schon, wie alt ich bin. Da meinte er, vielleicht ein halbes Jahr.“ Großer ist allerdings optimistisch, schon in wenigen Wochen in seine neue Hirschlederne steigen zu können: „Ich habe auf aufwändige Stickereien verzichtet.“ Dann sollte die Starnberger Gerüchteküche auch schnell wieder abkühlen.

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