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Erfahren mit dem Zwölftonner: Rudolf Altmann aus Starnberg arbeitet seit 1996 für den Betriebshof. In diesem Winter schob der 61-Jährige viele Frühschichten – sogar an seinem Geburtstag.

Rekordsaison

Winterdienst im Landkreis schuftet wie seit 13 Jahren nicht: Trotzdem gibt es aggressive Beschwerden

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Schneehöhen, Salzmengen, Einsatzstunden: Der Januar war ein Rekordmonat für die Winterdienste im Landkreis. Die Schneefahrer haben einen einsamen und anstrengenden Job. Die Beschwerden darüber nehmen zu. Ein Bürgermeister sagt: „Der Ton wird immer schärfer.“

Landkreis– Rudolf Altmann, 61 Jahre alt, trägt Arbeitsanzug, Pullover und Kappe in dunkelgrau. In hellgrau schwiegt sich sein Bart am Kinn entlang. Er ist ein kräftiger Mann, aber den Joystick berührt er ganz sanft. Das reicht für einen ordentlichen Ruck. Wenn sich der 900 Kilo schwere und drei Meter breite Pflug seines Räumfahrzeugs hebt, hört das der Mann im Führerhaus nicht nur – er spürt es.

Der eine oder andere Wachrüttler kann nicht schaden – bei dem Pensum, das die Winterdienste in dieser Saison vor allem nachts leisten müssen. Ob Einsatzstunden, Schneehöhen oder Salzmengen: Altmann und seine Kollegen vom Starnberger Betriebshof, aber auch die Winterdienstler aus Gauting und von der Straßenmeisterei in Gilching steuern heuer auf Rekorde zu. Der letzte vergleichbare Winter ist nach ihren Angaben bereits 13 Jahre her.

Die maximal erlaubte Arbeitszeit wird ausgereizt 

Altmann, der nur wenige Minuten vom Betriebshof entfernt wohnt, hat im Januar viele Frühschichten geschoben. Sogar an seinem Geburtstag. Bei Schneetreiben bedeutet Frühschicht: Aufstehen um halb zwei, einen schnellen Kaffee in der Kantine und rein in den sperrigen 12-Tonnen-Lkw. Ohne Übersicht geht nichts, die großen Rückspiegel und drei Kameras helfen Altmann dabei. Mit der rechten Hand bedient er die Streuanlage, dosiert die Salzmenge je nach Schneefall und Straßenglätte. „Du musst fit sein, wenn du zehn Stunden mit dem Ding fährst“, sagt der Starnberger. Die maximale Arbeitszeit wurde im Januar regelmäßig ausgereizt. In der Führerkabine läuft immer das Radio. Altmann braucht es dringend – wegen des Wetterberichts, aber auch zur Unterhaltung. „Man ist ja die ganze Zeit alleine.“ Nicht ganz: Auf dem Armaturenbrett sitzt ein Schneemann mit rotem Schal und schwarzem Hut. Ein Glücksbringer.

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Sein Job wird von Jahr zu Jahr anstrengender, sagt Altmann. Er hat das Gefühl, dass in Starnberg immer mehr Autos an Straßenrändern geparkt werden. „Und manche lassen sie dort den ganzen Winter stehen.“ Nicht nur die: Einmal hätte er fast einen Anhänger übersehen. „Der war ein einziger Schneehaufen, zum Glück hab ich noch das Rücklicht erkannt.“

Manchmal verursachen Schneepflüge auch Schäden, fahren Autospiegel ab oder drücken Zäune ein. Etwa 15 Fälle waren es bisher in diesem Winter, schätzt Starnbergs Betriebshofleiter Peter Mayer. „So etwas passiert. Die Fahrer melden jeden kleinen Kratzer gleich bei mir.“ Immer wieder muss der Winterdienst aber auch beweisen, dass er es nicht war. Altmann erzählt eine Anekdote: „Eine Frau hat mal behauptet, dass der Schneepflug vorbeirast und ihre Treppe rasiert.“ Als der Betriebshof ihr erklärt habe, dass alle Fahrten per GPS bis ins Detail nachvollzogen werden können, sei sie schnell zurückgerudert.

An schneereichen Tagen beschweren sich mehr als 100 Gilchinger

Die Beschwerden über den Winterdienst nehmen zu. Mehr als 100 Anrufe bekomme die Gemeinde Gilching an schneereichen Tagen, sagt Bürgermeister Manfred Walter. „Und der Ton verschärft sich von Jahr zu Jahr. Die Leute werden immer aggressiver und lassen auch Kraftausdrücke fallen.“ Dass sich Menschen öfter über schlecht oder nicht geräumte Straßen aufregen, sei kein Gilchinger Phänomen. „Das sagen alle Gemeinden“, so Walter.

Wenn der Winterdienst fast rund um die Uhr im Einsatz ist, bleiben andere Arbeiten auf der Strecke, sagt Ramona Benz, Leiterin der Straßenmeisterei Gilching, die auf 210 Kilometern für Bundes-, Staats- und Kreisstraßen zuständig ist. „Umgeknickte Schilder und Leitpfosten müssen zum Beispiel wieder aufgestellt werden.“

Auch Starnbergs Betriebshofleiter Mayer sitze oft „am Sorgentelefon“. Er verstehe den Ärger von Bürgern, deren Einfahrten zugeschüttet werden. „Aber ich bitte auch um Verständnis für uns. Manchmal türmt sich der Schnee über den Pflug. Irgendwo muss er ja hin.“ Das gilt für die Starnberger Winterdienstler ab heute wieder verstärkt. Dort, wo sich die Mitarbeiter im Betriebshofgebäude über ihre Schichten informieren, hängt noch ein Zettel. Darauf steht mit Ausrufezeichen: „Ab Freitag: „Rufbereitschaft für alle.“ Eisregen ist angesagt.

Die Leistung der Winterdienste in Zahlen

„Beim Januar 2019 handelt es sich definitiv um einen Rekordmonat“, sagt Gautings Sprecher Maximilian Olberding. Die Betriebshofmitarbeiter kamen auf 30 Einsatztage, im Vorjahr waren es zwölf. Die Gemeinde hat auch die gefallenen Schneemengen addiert. Während 2018 insgesamt zwölf Zentimeter gemessen wurden, sind es 2019 schon 96. Der längste Einsatz in Gauting am 10. Januar dauerte 15,5 Stunden. 

Die Mitarbeiter des Betriebshofs in Starnberg waren alleine im Januar 3754 Stunden im Einsatz. Im gesamten Winter 2017/2018 kamen sie „nur“ auf 4334 Stunden. In dieser Saison brachte der Winterdienst der Stadt 1200 Tonnen Salz auf die Straße. Streugut sei noch genug vorhanden, sagt Sprecherin Lena Choi: „Es sind zirka 800 Tonnen auf Lager, das dürfte reichen für den Rest des Winters.“ 

Etwa 75 000 Kilometer legten die Schneefahrer der Straßenmeisterei Gilching laut Walter Lehner, Sachgebietsleiter im Straßenbauamt Weilheim, bislang zurück. Die Kosten für Fahrzeuge, Material, Personal und engagierte Fremdunternehmer belaufen sich schätzungsweise auf rund 600 000 Euro. Lehner resümiert: „Der Aufwand liegt bisher bei etwa 75 Prozent des Winter 2017/2018.

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