+
Wolf gesichtet: Im Landkreis gibt es nur wenige Wildkameras. Daher lässt sich nur schwer feststellen, wo sich der Wolf aus Münsing derzeit aufhält. Hier im Bild der Wolf, der im März 2016 bei Machtlfing war.

Wolf am Starnberger See

Grauer Geselle gelitten wie gefürchtet

Ob sich der Wolf, der am Starnberger See in Münsing vier Schafe gerissen hat, im Landkreis aufhält, weiß keiner. Ein Thema ist er unter Jägern, Naturschützern, Bauern und Tierhaltern aber längst. Die Meinungen gehen auseinander.

Landkreis – Speichelproben haben ergeben, dass die vier Schafe, die in der Nacht auf den 1. April wenige hundert Meter östlich von St. Heinrich gerissen wurden, Opfer eines Wolfs wurden, der aus der Alpenregion stammt. „Das steht zweifelsfrei fest“, erklärte Dr. Wolfgang Berger vom Landesamt für Umwelt am Freitag im Landratsamt in Wolfratshausen. Ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt, sollen weitere Untersuchungen klären. Keine Information liegen darüber vor, ob sich das Tier noch im Landkreis aufhält. „Das ist reine Spekulation“, so Berger. Dass es seither keine Vorfälle mehr gegeben habe, spreche eher dagegen.

Der positive DNA-Befund von St. Heinrich reicht aus, um Landwirte und Jäger in Alarmstimmung zu versetzen. Zumal die Gesetzeslage eindeutig ist. Ein Abschuss des Tieres ist laut Bundesartenschutzgesetz eindeutig verboten. Bei Zuwiderhandlungen drohen bis zu fünf Jahren Haft, Ausnahmen sind streng geregelt. Auf gut Deutsch: Wenn der Wolf einmal da ist, wird man ihn nicht so einfach wieder los. Auch im Landkreis Starnberg läuft die Debatte auf Hochtouren.

Das sagt der Jäger

Hartwig Görtler, Vorsitzende der Jägerschaft der Kreisgruppe Starnberg, betont: „Der Wolf ist weder schlimm noch gefährlich.“ Nur wenn man ihn in die Enge dränge, greift er an. Daher rät Görtler: „Man sollte Distanz einhalten, keine Fotos von ihm machen oder ihn anfüttern.“ Von alleine „möchte er keinen großen Kontakt.“ Ob sich der Wolf wirklich im Landkreis aufhält, ist schwer nachweisbar. Gut 40 Kilometer am Tag könne der Wolf zurücklegen. „Wir wissen nicht, wo er hin ist – mal gucken, was er macht. Er kann schon lange in Italien sein.“

Es könne sich bei dem jetzt nachgewiesenen Tier sogar um den Wolf handeln, den eine Wildkamera im März 2016 in einem Wald westlich von Starnberg aufnahm. So lange allerdings keine Gefährdung vorliegt, handeln die Jäger nicht. Görtler und sein Stellvertreter Markus Ortner stehen im Austausch mit der Unteren Naturschutzbehörde, sind rund um die Uhr erreichbar. Bürger, die einen Wolf entdecken, sollten sich bei der Polizei melden.

Der Wolf werde sich hier aber kaum ansiedeln. „Ein Wolf, ja. Zwei, drei Wölfe – vielleicht. Ein ganzes Rudel halte ich aber für unwahrscheinlich.“ Der Wolf brauche unberührte Natur, die es hier kaum mehr gebe. Dass der Wolf beim Wildtiermanagement helfen kann, schließt der Jäger aus. „Das ist ein sehr romantischer Ansatz“, sagt Görtler, „aber selbst wenn er 20 Rehe reißt, ist das für den Wildbestand nicht entscheidend.“ Eine wirkliche Regulierung des Wildbestands entstehe nur durch ein Rudel. Jäger halten das Wildpotenzial ausgeglichen – das könnten Wölfe nicht, so Görtler. „Der nimmt sich das zuerst, was er kriegt. Ob das eine geschützte Tierart ist, ist ihm egal.“

Das sagt der Naturschützer

Dass der Wolf womöglich bald auch im Landkreis auftaucht, sieht Günter Schorn (63) „sehr entspannt“. Der Vorsitzende der Starnberger Kreisgruppe vom Bund Naturschutz betont: „Die Menschen hier müssen sich nicht vorsehen und keine Schutzmaßnahmen ergreifen.“ Schafhalter indes sollten reagieren. Es gibt aber ein probates Mittel, wie Schorn erklärt: „Ein Elektrozaun hält den Wolf locker ab, das ist er nicht gewohnt.“ Warum viele Menschen beim Thema Wolf in Aufruhr geraten, erklärt sich der Naturschützer mit der Historie. „Jeder kennt die Märchen und alten Geschichten. Die Erfahrungen mit dem Wolf liegen weit zurück, da wird das heute überhöht.“ Einen Abschuss des Wolfes zu fordern, hält er daher „als völlig unverhältnismäßig“.

Vier Kilo Fleisch frisst ein Wolf pro Tag. Von Schafen bis hin zu Kaninchen, Ratten oder Mäusen sei da alles dabei, sagt Schorn. Werde der Wolf nicht vom Menschen angefüttert, bleibe er aber in freier Wildbahn. „Die Schafe in Münsing waren auch irgendwo draußen ohne eine menschliche Siedlung.“ In einer größeren Herde halte auch der Herdenschutzhund den Wolf ab.

Das sagt der Kreisbauer

„Ich habe da gemischte Gefühle“, sagt Kreisbauer Georg Zankl. Ein Wolf im Landkreis sei sicher kein Problem. Doch wächst die Population, wachsen auch die Probleme. Spätestens dann, wenn Schafe oder Ziegen gerissen werden. „Viele sagen da, den Schaden bekommen die Bauern ersetzt. Aber daran, dass die Bauern an ihren Tieren hängen, dass die Tiere, wenn sie der Wolf reißt, einen langen, qualvollen Tod sterben, denkt keiner.“ Er ist sich zudem unsicher, ob die Bauern die gerissenen Tiere überhaupt ersetzt bekommen. „Und selbst wenn, ist das ein unfassbarer Papierkrieg“, so Zankl. Man könne die Situation nur beobachten und stabile Zäune bauen.

Das sagt der Schafzüchter

„Die Gefahr ist schon groß, das muss man so sehen“, sagt Toni Weigl aus Erling. Der 30-Jährige hält 200 Schafe im Nebenerwerb. Seine Weiden hat er rund um Erling, aber auch abseits Richtung Fischen. Momentan stehen seine vier Gruppen rund um Erling auf der Weide. Nah am Ort, „da hab ich nicht so viel Sorge“. Aber ein Elektrozaun allein würde die Schafe nicht schützen, weiß er. Denn ein Wolf sei intelligent. Das erste Mal mache er vielleicht kehrt, das zweite Mal wisse er um den leichten Stromschlag, der ihn nicht umbringe. „Der lernt unwahrscheinlich schnell.“ Weigl setzt sich mit dem Thema schon länger auseinander. Und seit ein Exemplar im vergangenen Jahr in Machtlfing gesichtet wurde, ist er auf der Hut. „Das war ein Katzensprung von meiner Weide entfernt.“

„Wenn ich auf den Schlag vier bis fünf Schafe verliere, ist das schon ein größerer Posten“, sagt Weigl. Ein Mutterschaf koste etwa 250 Euro. „Das ist nicht die Welt“, sagt er, „aber jeder, der Schafe hält, schaut, das es den Viechern gut geht.“ Weigl produziert Wolle. Die Tiere zu melken, lohne den Aufwand nicht: „Die Arbeit eines Schäfers darf man ohnehin nicht rechnen.“  vu/ser/set/grä

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Wie sicher ist Radlfahren in Gilching?
Die Gemeinde Gilching hat im Starnberger Weg einen Schutzstreifen angelegt. Der ADFC hätte diesen aber vor allem gerne an der Römerstraße. 
Wie sicher ist Radlfahren in Gilching?
Etterschlager Tunnel gesperrt: Unfall auf der Begleitstrecke
Ein 22 Jahre alter Motorradfahrer aus Germering ist am Mittwochmorgen auf der Begleitstrecke zur A96 verletzt worden. Zu dem Zeitpunkt herrschte dort viel Verkehr, weil …
Etterschlager Tunnel gesperrt: Unfall auf der Begleitstrecke
Pöcking will einen Wochenmarkt
Werden demnächst auf dem Raiffeisenplatz Produkte aus der Region angeboten?
Pöcking will einen Wochenmarkt
Schlaue Schwalben trotzen Sanktionen
Schwalben koten den Herrschinger Bahnhof zu. Schon seit acht Jahren beschäftigten sich Gemeinderat und Landratsamt mit Lösungen. Die Bilanz: Bis heute hat keine Maßnahme …
Schlaue Schwalben trotzen Sanktionen

Kommentare