„War einfach neugierig“: Der Polizist versucht am Montag vor Gericht seine Taten zu erklären.
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„War einfach neugierig“: Der Polizist versucht am Montag vor Gericht seine Taten zu erklären.

Nutzte Ehrenamt für Zugriff

Buben missbraucht: Vier Jahre und vier Monate Haft für Polizist

Familien vertrauten dem Polizisten - doch gesteht er seine furchtbaren Taten. Er soll Jungen am Starnberger See missbraucht haben - in seinem Segelboot.

  • Ein Polizist steht seit Montag (15. Juni) vor Gericht.
  • Er gestand am ersten Prozesstag, sich vor allem in seiner Funktion als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, an Jungen vergangen zu haben.
  • Die Taten sollen unter anderem auf einem Segelboot auf dem Starnberger See stattgefunden haben.
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Update von 19. Juni, 15 Uhr: Das Landgericht München II hat den 60 Jahre alten Polizeibeamten aus Tutzing soeben zu vier Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Die Vorsitzende Richterin  sah es als erwiesen an, dass der 60 Jahre alte Deutsche im Zeitraum von 2000 bis 2019 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht und pornografische Bilder an Jungen geschickt hatte. Sie wies darauf hin, dass sie den Angeklagten nicht für pädophil halte. Seine Neigung gelte nur Jungen ab der Pubertät, wie ein Gutachter im Prozess dargelegt hatte.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor eine Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten gefordert. Die Verteidiger des Mannes hatten auf vier Jahre und drei Monate plädiert. Bereits zu Prozessbeginn hatte es aufgrund eines umfassenden Geständnisses eine Verständigung auf ein Strafmaß im nun beschlossenen Rahmen gegeben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Update von 18. Juni: Er hat mehrere Buben nachhaltig traumatisiert. Das wurde spätestens klar, als der Nebenklageanwalt am Donnerstag vor Gericht die Schreiben dreier Opfer verlas, die als Kinder und Jugendliche von einem 60 Jahre alten Polizist aus Tutzing sexuell missbraucht wurden. Alle drei können dem Mann nicht verzeihen und wollen auf gar keinen Fall Kontakt mit ihm. In einer Vereinbarung, die vor Gericht zu Protokoll gegeben wurde, wurde sogar festgeschrieben, dass er sich ihnen nicht näher als 50 Meter nähern darf. 

Der 60-Jährige steht seit Montag wegen des sexuellen Missbrauchs an acht Buben vor dem Landgericht München II (wir berichteten). Der Mann gestand am ersten Prozesstag, sich vor allem in seiner Funktion als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Tutzing an Burschen vergangen zu haben. Die Taten haben unter anderem auf einem Segelboot auf dem Starnberger See stattgefunden sowie im Tutzinger Feuerwehrhaus. 

Untersuchungshaft seit März 2019

Seit März 2019 sitzt der suspendierte Polizist in Untersuchungshaft. Der Jugendliche, an dem der 60-Jährige am meisten interessiert war, schrieb demnach auch die deutlichsten Worte: „Ich kann dem Täter nicht verzeihen“, heißt es in einem Brief. Es sei pervers, einen 14-jährigen Jungen zu missbrauchen. Es sei fraglich, ob er, das Opfer, je eine normale Sexualität werde leben können. Er wolle dem Täter keinesfalls je wieder begegnen. Wenn er sich irgendwo in der Nähe befinde, solle er sich abwenden „und in die andere Richtung weggehen“. Er wolle auch keine Entschuldigung von ihm. Demnach wird er wohl auch den Brief nicht lesen wollen, den ihm der Geschädigte in der Haft geschrieben hat. 

Briefe an seine Opfer

Der Angeklagte hat für jedes seiner Opfer einen Brief verfasst. Den Stapel hatte er gestern im Gericht vor sich liegen. Die Verteidigung wollte allerdings nicht, dass die Worte im Gerichtssaal verlesen werden. „Sonst sieht es so aus, als ob sie nur für das Gericht geschrieben wurden“, sagte Philip Müller, einer der drei Verteidiger. Einstweilen nahm sie das Gericht in Obhut. Noch einmal wurde am zweiten Prozesstag deutlich, wie sehr der Polizist, Feuerwehrmann und Musiker das Vertrauensverhältnis ausgenutzt hatte, das er sich bei entsprechenden Freizeit-Aktivitäten mit den jungen Burschen erworben hatte. 

Ein Beamter des Landeskriminalamtes hatte die Opfer, die heute fast oder bereits länger erwachsen sind, vernommen. Dabei stellte er fest, dass sie allesamt eine Vaterfigur, eine Respekts- und Bezugsperson in dem Angeklagten sahen. „Die Opfer haben ihn als Vaterersatz gesehen“, sagte der Beamte. Aus diesem Grund ist der Fall auch unter anderem als Missbrauch von Schutzbefohlenen angeklagt. 

Am Nachmittag des heutigen zweiten Prozesstags fand dann erneut ein Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen statt. Während des Wartens wollte sich der Angeklagte am liebsten verstecken. Er stützte seine Stirn in beide Hände und ließ auch im Gerichtssaal seine Mund-Nasen-Maske auf, obwohl dies dort nicht nötig war. Er schien froh darum zu sein, in Corona-Zeiten diese Möglichkeit zu haben. Bei dem Rechtsgespräch ging es um die Möglichkeit, einzelne Punkte einzustellen. Dies geschah jedoch nicht. 

Urteil am Freitag erwartet

Man verblieb auf dem bisherigen rechtlichen Stand. Nach dem Rechtsgespräch teilte die Vorsitzende Richterin mit, dass sich die Prozessbeteiligten weiterhin an die Verständigung vom Montag gebunden fühlen. Demnach erwartet den Angeklagten bei einem vollen Geständnis eine Haftstrafe zwischen vier Jahren und drei Monaten sowie fünf Jahren und drei Monaten. Ein Urteil wird am  Freitag fallen.

Update vom 15. Juni: Ein Polizist hat am Montag (15. Juni) vor dem Landgericht München II sexuellen Missbrauch an mehreren Jungen in zahlreichen Fällen gestanden. „Unser Mandant räumt den sexuellen Missbrauch an allen Geschädigten vollumfänglich ein“, hieß es in einer Erklärung, die sein Anwalt vor Gericht verlas. Er werde die Verantwortung dafür übernehmen - „auch wenn er die Taten nicht ungeschehen machen kann“.

Polizist gesteht mehrfachen Missbrauch von Buben am Starnberger See: „War neugierig“

Der 60 Jahre alte deutsche Angeklagte sieht fast ausgezehrt aus - zumindest im Vergleich zu den zahlreichen Bildern im Internet, die ihn als stattlichen Mann zeigen: stolz im Polizeidienst oder noch stolzer im typisch bayerischen Janker als Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr. Mehr als ein Jahr lang sitzt er schon in Untersuchungshaft. Es ist ein tiefer Fall.

„War einfach neugierig“: Der Polizist versucht am Montag vor Gericht seine Taten zu erklären.

Mit „Neugier“ begründet der Polizeibeamte, dass er sich immer wieder an Jungen vergriff, die jugendlich waren oder sogar noch Kinder. „Ich war einfach neugierig, ich kann's nicht erklären“, sagt er nach der Verlesung der Erklärung. Er vergleicht sein Verhalten mit dem eines Kindes, das „an Weihnachten durchs Schlüsselloch“ schaut, schiebt aber gleich hinterher, dass das „ein blödes Beispiel“ war.

Polizist missbraucht Buben am Starnberger See - galt über Jahre als engagierter Ehrenamtler

Jahrelang galt er als engagierter Ehrenamtler, der nicht nur für die Feuerwehr aktiv war, sondern auch für den Kreisjugendring. Vor allem bei der Feuerwehr, so sieht es die Staatsanwaltschaft, suchte er sich seine Opfer. Die Masche dabei soll immer ähnlich gewesen sein: Er gab den väterlichen Freund, den Vertrauten. Dann fing er an, Pornobilder zu verschicken oder vergriff sich schließlich an seinen Schutzbefohlenen. „Ich könnte mich ohrfeigen, aber ich kann es nicht mehr rückgängig machen“, sagt er.

Unter anderem am Starnberger See soll ein Polizist sich an Jungen vergangenen haben (Symbolfoto).

Die Tatorte waren laut Anklage die Räume der Freiwilligen Feuerwehr oder ein Segelboot auf dem Starnberger See. In einem Fall soll er einem 17-Jährigen, zu dem er im Internet Kontakt aufnahm, 20 Euro für sexuelle Dienste gegeben haben - ausgeführt im Keller des Elternhauses des Jungen.

Einem seiner minderjährigen Praktikanten bei der Feuerwehr soll er Pornobilder per Whatsapp und Instagram geschickt haben. Darunter sollen auch intime Bilder seiner Ehefrau gewesen sein - ohne ihr Wissen verschickt oder hochgeladen in einem Internetportal, wo es tausendfach angeklickt wurde. Auf seinem Tablet fanden die Ermittler Kinder- und Jugendpornos: „Für mich zum Anschauen“, sagt er vor Gericht. Das Material, das junge Kinder und Mädchen zeige, kenne er aber nicht. Er wisse nicht, woher es stamme.

Als der Staatsanwalt all die Vorwürfe vorliest, stützt der Angeklagte, der sein Gesicht vor den Kameras der Journalisten hinter einer blauen Mappe verbarg, als er in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurde, seinen Kopf auf die Hand. Er kneift die Augen zu und schüttelt immer wieder fast unmerklich den Kopf. Nervös spielt er mit einem Kugelschreiber, der vor ihm auf der Anklagebank liegt.

„Wollen Sie sich mal kurz sammeln? Sie wirken etwas nervös“, sagt einer seiner drei Anwälte, als er über seine persönlichen Verhältnisse spricht. Doch der 60-Jährige fährt unbeirrt fort. Er erzählt, dass er ein uneheliches Kind sei, seinen Vater nie kannte und die ersten Jahre seiner Kindheit bei den Großeltern verbrachte. Mit 22 lernte er seine Ehefrau kennen - bei einer Tanzveranstaltung des Trachtenvereins. Zwei Töchter, Eigenheim, er macht Musik in der Kirche.

Und dieses Leben will er zurück, sagt er vor Gericht. „Meine Familie steht zu mir. Wir haben gesagt, wir wollen neu starten“. Vom Dienst als Polizeibeamter wurde er suspendiert. Als er sagt, dass er auch nie wieder für die Freiwillige Feuerwehr tätig sein wird, versagt ihm die Stimme und er bricht in Tränen aus. Er werde stattdessen künftig viel im Garten arbeiten und viel Zeit mit seiner Frau verbringen. Seine Familie warte auf ihn: „Sie hoffen, dass ich diese Woche nach Hause komme.“

Aber dazu wird es wohl nicht kommen: Das umfassende Geständnis des Angeklagten ist Teil eines Deals. Alle Prozessbeteiligten einigten sich auf einen Strafrahmen zwischen vier Jahren und drei Monaten und fünf Jahren und drei Monaten. Für den Prozess sind drei Verhandlungstage angesetzt, das Urteil könnte am Freitag fallen.

Erstmeldung am 12. Juni: Starnberg/München - Ein Polizist aus dem Münchner Umland steht von kommendem Montag (15. Juni) an wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen und sexueller Nötigung vor Gericht. Er soll sich laut Staatsanwaltschaft vor allem in seiner Funktion als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr an Jungen vergangen haben - unter anderem auf einem Segelboot auf dem Starnberger See*.

Wie der Focus berichtet, soll es über Jahre hinweg zu Missbrauch gekommen sein. Viele Familien hätten ihm ihre Kinder aufgrund seiner Stellung als Polizist und Jugendwart bei der Feuerwehr bedenkenlos anvertraut. Der Mann soll sich an zahlreiche Jungen vergangenen haben, so der Focus weiter.

Auf Segelboot am Starnberger See: Hat sich Polizist an zahlreichen Jungen vergangen?

Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen im vergangenen Jahr durch eine Anzeige, die einen mehr als 15 Jahre zurückliegenden Missbrauchsfall betraf.

Fast zeitgleich wandte sich nach damaligen Angaben des Landeskriminalamtes ein Vater an die Polizei: Sein Sohn habe während eines Schülerpraktikums bei der Polizei einen Beamten kennengelernt, der dem Sohn nach dem Praktikum pornografische Fotos und Filme geschickt habe. Der Polizeibeamte ist auch wegen Besitzes von Kinderpornografie angeklagt.

Polizist soll sich an Kindern vergangen haben - Prozess sollte schon früher beginnen

Ursprünglich sollte der Prozess im März - kurz vor dem Corona-Lockdown - beginnen. Er wurde aber abgesetzt. Nun sind bis zum 19. Juni drei Verhandlungstage angesetzt.

nema mit dpa

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