Tunnel-Frage

Starnberger Verkehr: Jede Lösung hat ihren Preis

Starnberg - Befürworter des B 2-Tunnels geben das Projekt trotz der Zurückstufung im Entwurf des Bundesverkehrswegeplanes nicht auf. Ihr Hauptargument: Der Tunnel wirkt entlastend, und eine wie auch immer geartete Umfahrung sei frühestens nach dem Jahr 2030 überhaupt denkbar.

Der Verein Umweltbewusste Verkehrsentlastung sieht den B 2-Entlastungstunnel durch die Einstufung im Entwurf des neuen Bundesverkehrswegeplanes in einer Parkposition, aus der er wieder heraus müsse. Das machte der Vorstand am Montagabend bei einer Veranstaltung im Söckinger „Opatija“ deutlich, an der an die 80 Interessierte aus beiden Lagern teilnahmen – und einige stehen mussten.

Mit der Einstufung als „weiterer Bedarf mit Planungsrecht“ bestätige der Bund, dass er den Tunnel für alternativlos halte, sagte Vorsitzender Dr. Jürgen Busse. Andernfalls wäre der Tunnel aus dem Plan geflogen. „Wenn wir das nicht drehen, liegt das Projekt längere Zeit auf Eis“, warnte er. Deswegen hat sich der Verein am Anhörungsverfahren zum Entwurf beteiligt. Busse schrieb an das Bundesverkehrsministerium, es gebe keine fachlichen und rechtlichen Gründe für die Zurückstufung. Die Neueinstufung habe allein politische Gründe – die deutliche Ablehnung des Tunnels durch die „lediglich knappe“ Stadtratsmehrheit. Busse macht indirekt den Bund für die Niederlage der Tunnelbefürworter bei der Wahl 2015 mitverantwortlich: Durch die fehlende Finanzierungszusage hätten viele den Glauben an den Tunnel verloren.

Frey: Umfahrung statt Tunnel im Plan geht nicht

Stefan Frey, zweiter Vorsitzender des Vereins, stellt fest, dass die bis zu 200 Millionen Euro für den Tunnel „erstmal in andere Projekte fließen“. Auch mit dem neuen Status, der erst ab Jahresende gelten werde, könnten Maßnahmen wie der Durchstich der Petersbrunner Straße realisiert werden – es gebe eben nur sofort kein Geld für den eigentlichen Tunnel. Eine Austausch des Tunnels im Bundesplan gegen eine Umfahrung, wie bisweilen zu hören, sei nach Auskunft der zuständigen Stellen nicht möglich.

Überhaupt, eine Umfahrung – und welche dann? Dr. Thorsten Schüler hat die Unterlagen aus den bisherigen Präsentationen des Verkehrsentwicklungsplanes ausgewertet. Sein wenig überraschendes Fazit: „Wer in zehn bis 15 Jahren eine Entlastung will, kommt um den Tunnel nicht herum.“ Er wolle aber nicht behaupten, dass eine Umfahrung grundsätzlich unmöglich sei. Für welche Lösung man eintrete, sei eine Frage der persönlichen Abwägung. Über weite Strecken berief er sich auf die Ergebnisse der ersten Untersuchungen, die aus Schülers Sicht unter anderem das ergeben haben: Die ortsferne Umfahrung (Jann-Trasse) sei „verkehrlich nicht so der Knaller“, weil ihre Entlastungswirkung für die Stadt geringer als bei anderen Lösungen ausfällt, und der Tunnel sei die einzige Lösung, die keinen Stadtteil zusätzlich belaste. Die ortsnahen Trassen haben nach Ansicht der Starnberger Verkehrsplaner von SHP jedoch eine höhere Entlastungswirkung in einigen und eine belastende Wirkung im Nordosten (Gautinger Straße). Der östliche Teil einer ortsnahen Trasse zwischen Würm und Bahnlinie werde ohne mächtige Brücke – Schüler rechnet mit mehr als 300 Metern – oder einem Tunnel nicht machbar sein. Die Planer von SHP hatten hingegen in einer Sitzung angedeutet, aus ihrer Sicht wäre ein Tunnel nicht zwingend.

Umfahrungsbefürworter sehen keine Gesamtlösung

Zudem würde Schüler zufolge das FFH-Gebiet tangiert. Richtig sei, dass etwa bei der Umgehung Peißenbergs FFH-Gebiet überbaut worden sei, für größere Flächen in Starnberg hält Schüler eine ausreichend tragfähige Argumentation gegenüber Naturschutzbehörden für fast unmöglich. Zumal: Mit dem Tunnel gebe es eine umweltschonendere Alternative, wie schon im Raumordnungsverfahren vor Jahrzehnten festgestellt worden sei, erklärte Frey. Damals seien ortsferne und ortsnahe Umfahrungen untersucht und verworfen worden. Frey mag nicht glauben, dass dieselben Behörden heute anders entscheiden würden. Und die Zeit? Nach Freys Berechnungen wäre an eine Umfahrung als Bundesstraße erst in einem neuen Bundesplan nach dem Jahr 2030 vorstellbar.

Unter die Zuhörer hatten sich auch Umfahrungsbefürworter wie die Stadträte Walter Jann (BLS) und Sieglinde Loesti (WPS) gemischt. Aus ihren Reihen kam der deutliche Hinweis, Starnberg bestehe aus mehr Straßen als der B 2, was nur durch eine ortsferne Umfahrung zu lösen sei – da hatte Busse Mühe, wieder für Ruhe zu sorgen, da die mehrheitlich pro Tunnel eingestellten Teilnehmer solche Aussagen mit Buhrufen bedachten. Loesti fragte gezielt nach den Folgen des Tunnels für die Umwelt, etwa durch die ungefilterten Abgase aus einem Kamin am Schlossberg. Schüler verwies auf Untersuchungen, wonach sich die Abgase in großer Höhe verteilten und verdünnten. Er räumte ein, dass es „bei jeder Lösung einen Preis zu zahlen gibt“. Frey berichtete, er habe sich in direkter Nähe zum möglichen Südportal ein Haus gekauft, nachdem er die Baugenehmigung des Tunnels gelesen habe. Busse appellierte an die Umfahrungsbefürworter: „Ideen kann man nur in Harmonie entwickeln.“

Einige wie Frey denken an andere Wege: Für Umfahrung und Tunnel kommen alle Karten auf den Tisch, dann ist der Bürger dran. Denn: „Ein Bürgerentscheid ist sicher eine Option.“

Rubriklistenbild: © Staatliches Bauamt Weilheim

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