Infektion in Windeseile

Patienten 4 und 5 saßen Rücken an Rücken: Studie zeigt exakte Ansteckungswege - mit ernüchterndem Fazit

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Sind Corona-Infizierte schon ansteckend, bevor sie selbst etwas merken? Wie schnell man sich das Virus einfangen kann, zeigt eine Studie zu den ersten Fällen bei Webasto in Starnberg - mit ernüchterndem Fazit.

Gauting - Vier Monate nach den ersten Corona-Fällen in Deutschland haben Wissenschaftler die Ansteckungsketten der ersten Patientengruppe detailliert analysiert. Die in der Fachzeitschrift „The Lancet Infectious Diseases“ veröffentlichte Studie bestätigt, dass Infizierte bereits vor den ersten Symptomen ansteckend sein können.

Die Forscher um Merle Böhmer vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Udo Buchholz vom Robert Koch-Institut und Victor Corman von der Berliner Charité untersuchten die bundesweit ersten Fälle, die in Zusammenhang mit dem Autozulieferer Webasto in Stockdorf bei München standen. Eine chinesische Kollegin hatte den Erreger bei einer Dienstreise eingeschleppt.

Coronavirus: Patienten Null hatte am 20. Januar ein Meeting

Weil die Kontakte überwiegend innerhalb der Firma – und anschließend im Familienkreis – stattfanden und die meisten Treffen gut dokumentiert waren, ließen sich die Übertragungswege relativ leicht nachvollziehen. Die Ergebnisse sind bemerkenswert konkret, zum Teil beinahe kurios. Die Studie beschreibt, wie Patient 0 (die chinesische Webasto-Mitarbeiterin) am 20. Januar ein Meeting mit drei Kollegen besucht.

Der spätere Patient 1 sitzt in dem zwölf Quadratmeter großen Besprechungsraum neben ihr, die beiden anderen direkt gegenüber, getrennt durch den Tisch. Sie infizieren sich nicht. Am folgenden Tag treffen sich 0 und 1 noch einmal, zwei Tage später klagt Patient 1 über Halsschmerzen.

So detailliert geht es weiter. Patient 3 hatte mit Patient 1 am 24. Januar Kontakt, also am Tag nach dessen ersten Symptomen. Die beiden Kollegen arbeiten für eine kurze Zeit am selben Computer. Schon am nächsten Tag klagt auch Patient 3 über erste Beschwerden. An diesem Tag trifft er den späteren Patienten 12 für eine 90 Minuten dauernde Besprechung. Der wiederum reist drei Tage später in den Urlaub nach Spanien. 

Wie schnell das Virus sich ausbreitet und welch flüchtiger Kontakt dazu bereits ausreicht, zeigt wiederum der Fall der Patienten 4 und 5. Sie sitzen in der Kantine Rücken an Rücken, und Nummer 5 dreht sich kurz um, um sich den Salzstreuer auszuleihen.

Coronavirus: Globale Eindämmung könnte schwer werden

Dass die Infektiosität noch vor Symptombeginn oder kurz danach erheblich sei, bedeute für Gesundheitsmaßnahmen eine riesige Herausforderung, folgert das Team. Zudem sei die Inkubationszeit, die durchschnittlich 4,0 Tage betrug, oft sehr kurz gewesen. „Eine globale Eindämmung von Covid-19 könnte schwer zu erreichen sein“, betonen die Forscher.

Dies unterstreichen auch Jan Rybniker und Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln in einem „Lancet“-Kommentar. „Das passt zu anderen Resultaten, die die Häufigkeit präsymptomatischer Übertragungen auf bis zur Hälfte aller Infektionen schätzen. Das ist eines der gravierendsten Hindernisse für eine Kontrolle der Pandemie.“ Im Falle einer größeren Ausbreitung reiche die traditionelle Verfolgung von Kontakten nicht mehr aus. „Daher werden neue Technologien wie Kontaktverfolgungs-Apps dringend benötigt, um die Pandemie effektiv zu kontrollieren“, betonen die Kölner Experten.

Coronavirus: Einige Länder praktizieren rigorose Ermittlung von Kontakten

Das erklärt auch Annelies Wilder-Smith von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) in einem Statement: Die Studie unterstreiche die Bedeutung der Verfolgung von Übertragungsketten durch Contact Tracing und Quarantäne von Kontakten. „Alle Länder, die eine rigorose Kontaktverfolgung eingeführt haben, waren am effektivsten darin, die Zahl der Neuinfizierten klein zu halten. Südkorea, Taiwan, Hongkong, Thailand, Vietnam und Singapur sind eindeutige Beispiele für Länder, die nicht an Ressourcen und Technologie sparen, um eine rigorose Ermittlung von Kontaktpersonen durchzuführen. Alle waren erfolgreich.“

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Sabine Dobel/ Marc Beyer

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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