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Die Stockdorfer Apothekerin Elisabeth Zehetbauer rät zur Vorsicht.

Besuch vor Ort in Stockdorf

Webasto-Mitarbeiter am Coronavirus erkrankt: „Viele sind verunsichert, manche in Panik“

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Nachdem vier Mitarbeiter der Firma Webasto am Coronavirus erkrankt sind, gibt es in Stockdorf kaum noch ein anderes Thema. Ein Besuch vor Ort.

  • Im Kreis Starnberg haben sich vier Menschen mit dem Coronavirus infiziert
  • Es handelt sich um Mitarbeiter der Firma Webasto
  • In dem Ort ist das Coronavirus das beherrschende Thema

Stockdorf Stockdorf, knapp 4000 Einwohner – plötzlich spricht alle Welt über den kleinen Ort im Kreis Starnberg. Seit hier am Dienstag die ersten Coronavirus-Fälle in Deutschland bekannt wurden. „Heute morgen erst, da wollte ein Fernsehteam aus Dänemark mit mir sprechen“, sagt eine Schülerlotsin, nachdem sie ein paar Kindern über die Straße geholfen hat. Es ist gerade Schulschluss in der Grundschule Stockdorf. Hier sieht man niemanden mit einer Atemmaske.

Liegt direkt am Ortseingang: die Firma Webasto.

Vier Menschen, die in Stockdorf arbeiten, befinden sich aktuell in Quarantäne. Ein 33-jähriger Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto, der in Kaufering im Kreis Landsberg am Lech lebt, hat sich in der vergangenen Woche bei einer Kollegin aus Shanghai angesteckt. Im Laufe des Tages wurde die Lungenkrankheit bei drei weiteren Mitarbeitern festgestellt, zwei Männern und einer Frau. Sie befinden sich laut Gesundheitsministerium in klinisch gutem Zustand – und sind symptomfrei. Rund 80 weitere Menschen werden zuhause isoliert, weil sie Kontakt zu den Infizierten hatten. Wolfgang Müller, Sprecher des Landratsamts Landsberg am Lech, berichtet: Die Familienangehörigen des 33-Jährigen seien weiterhin gesund. „Mutter und Kind haben nach wie vor keine Symptome.“

Stockdorfer nach Webasto-Schließung: „Wieso sollten wir auch werden?“

Die Firmenzentrale von Webasto hat jetzt erst einmal geschlossen. Die rund tausend Mitarbeiter wurden per E-Mail gebeten, von zuhause aus zu arbeiten. Am Mittwochmorgen holen viele von ihnen ihre Laptops und andere persönliche Dinge aus den Büros, vorbei an Sicherheitsmitarbeitern und Journalisten. Rund 600 Meter weiter spielen Kinder in einer Gruppe des Eltern-Kind-Programms. „Wir betreuen auch Kinder von Webasto-Mitarbeitern“, sagt Mitarbeiterin Petra Bezdek, „aber ich habe bisher nicht das Gefühl, dass die Eltern besorgt sind.“ Keines der Kinder sei in den vergangenen Tagen daheim geblieben, alles sei „ganz normal, wie immer“, erzählt die 65-Jährige. „Wieso sollten wir auch panisch werden? Es ist doch klar, dass so etwas passieren kann, wenn Betriebe heutzutage so eng mit anderen Ländern in Verbindung stehen.“

Bei Sairuny Trakulsri blieb der Imbiss plötzlich leer.

Aber nicht alle Stockdorfer gehen mit der Situation entspannt um. „Die Gefühle der Kunden sind gemischt“, sagt Elisabeth Zehetbauer, Inhaberin der Katharinen-Apotheke. „Viele sind verunsichert, manche haben Panik. Andere sind gelassener und sprechen von einer unnötigen Hysterie.“ In den vergangenen Tagen war der Andrang besonders groß, „bestimmt 20 Prozent mehr Kunden“. Die Apothekerin gibt ihnen nicht nur Desinfektionsmittel, Atemmasken und Lutsch-Pastillen mit – sondern auch beruhigende Worte. „Klar ist: Man sollte nicht panisch werden, aber Respekt vor dem Virus haben“, sagt die 56-Jährige. „Vor allem Schwerkranke brauchen einen besonderen Schutz.“ Sie selbst verzichtet im Moment darauf, jemandem die Hand zu geben.

Nur Webasto in Stockdorf betroffen: Kein anderer Corona-Verdacht in Bayern

Das sei zwar generell sinnvoll – etwa zur Grippezeit –, doch vor allem in diesen Tagen rät Zehetbauer zur Vorsicht. Denn bei den Coronavirus-Fällen in Bayern konzentriert sich aktuell alles auf die Firma Webasto. Das bestätigt auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml. Zwar habe es auch andernorts Verdachtsfälle im Freistaat gegeben, bei denen Proben genommen wurden – diese seien aber alle negativ gewesen.

Feinkostladen-Inhaberin Halit Dönmez ist besorgt.

Sogar der Chauffeur des Starnberger Landrats half mit: Andreas Barmbichler fuhr zu Arztpraxen im Landkreis, um virusverdächtige Abstriche einzusammeln, und transportierte sie anschließend zum Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Coronavirus in Stockdorf: Webasto schließt - Ort wie ausgestorben

Straßen, Cafés und Imbisse in Stockdorf sind am Mittag so gut wie leer. Das liege aber weniger daran, dass die Einwohner verängstigt sind – sondern daran, dass die tausend Webasto-Mitarbeiter daheim geblieben sind, meinen die Inhaber. Neben der Katharinen-Apotheke etwa steht Sairuny Trakulsri, 47, in ihrem leeren Imbiss. „Sonst ist unser Laden voll zur Mittagszeit – viele Webasto-Mitarbeiter kommen in ihrer Pause zu uns“, sagt die Thailänderin. Doch am Mittwoch: fast niemand. „Das ist nicht gut fürs Geschäft.“ Wenn ab und zu Kunden reinkommen, redeten alle nur noch über das Coronavirus. „Aber die Leute bleiben zum Glück ruhig.“ Sie selbst habe auch keine Angst, sich anzustecken.

Betreuerin Petra Bezdek bleibt gelassen.

Nach Schließung von Webasto-Werk: Stockdorfer Ladenbesitzer leiden

Auch „Mama’s Obst, Gemüse & Feinkost“ von Halit Dönmez, 55, ist zur Mittagszeit verlassen – der Laden liegt direkt gegenüber von Webasto. Dönmez habe überlegt, ob sie überhaupt aufschließen soll – normalerweise verkauft sie ab 12 Uhr haufenweise gegrillte Zucchini und Auberginen. Ohne die Webasto-Mitarbeiter fehlten ihr nun rund 200 Euro Umsatz am Tag. Andere Wirte und Geschäfte-Inhaber hätten das gleiche Problem, sagt Dönmez. Dazu kommt: „Alle reden über das Coronavirus, überall laufen Fernsehteams rum“, sagt sie. „Die Situation ist unangenehm, und natürlich hat man ein bisschen Angst.“ Sie habe viele Kinder in der Familie, ihre jüngste Enkelin sei gerade erst sieben Monate alt – da mache sie sich natürlich Sorgen.

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