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„Kriegsheimkehrer“ heißt das Bild vom Garten des Tutzinger Schlosses: Für Ausstellungskoordinator Karlheinz Fuchs ein besonderes Zeugnis, das die Nachkriegszeit in Tutzing illustriert.

Ausstellung im Roncallihaus

Zeitdokumente des alten Tutzing in Öl auf Leinwand

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Anton Leidl war ein humorvoller und kritischer Betrachter seiner Umwelt. Seine Bilder und Karikaturen zeigen das alte Tutzing.

Tutzing – Die zerschlissenen Unterhemden flattern im Wind, im Hintergrund sind vom Herbst gezeichnete Bäume und der Starnberger See zu sehen. „Heimkehrerwäsche“ ist ein Kunstwerk und ein Zeitdokument aus dem Herbst 1945, als Kriegsheimkehrer im Tutzinger Schloss einquartiert waren. Es ist eines der Bilder von Anton Leidl (1900-1976), die bis Ende Oktober im Roncallihaus zu sehen sind. Sie zeigen ein Stück Tutzinger Geschichte, die durch einen Zufallsfund besonders angereichert wurde: Überraschend tauchten zwei Bände mit Karikaturen Leidls im Tutzinger Kirchenarchiv auf.

Leidl ist ein Tutzinger Maler und er war ein bekannter Maler. Ab 1943 wohnte er in Tutzing, nachdem sein Atelier in München ausgebombt worden war. „Zu seiner Zeit zahlte man 8000, 9000 Mark für eines seiner Bilder“, berichtet Karlheinz Fuchs, der die Ausstellung im Roncallihaus zur 1275-Jahr-Feier Tutzings organisiert hat. Im Roncallihaus ist unter amderem Leidls Porträt von Bundespräsident Theodor Heuss zu sehen, Bilder seiner Reisen nach Italien und Rio, aber auch viele Tutzinger Szenen.

„Leidl war ein Tutzinger Original“, sagt Fuchs. „Viele kommen in die Ausstellung und erzählen Begebenheiten von ihm.“ Eine Ordensschwester sei da gewesen und habe lange das Gemälde vom Klostergarten angeschaut. Die Alte Schule in Tutzing, das heutige Ortsmuseum, ist auf einem Gemälde zu sehen, die Lindenallee mit einem prägnanten roten Kreis eines „Einfahrt verboten“-Schildes auf einem anderen. Dazu Bilder von der Violaburg, der Orangerie des Tutzinger Schlosses, wo Leidl ab 1943 wohnte, und vom Hotel Seehof, das es ja schon lange nicht mehr gibt, aber mal Leidls Nachbar war.

Und dann sind da die Karikaturen und Postkarten, die Leidl so gerne zeichnete. „Er hat Gott und die Welt damit beglückt“, sagt Fuchs. Eben auch den Tutzinger Pfarrer Karl Katzenschwanz. Die Ausstellung gibt Einblick in die langjährige Beziehung Leidls zum Tutzinger Pfarrer.

„Man sieht, wie die Freundschaft gewachsen ist“, sagt Fuchs. Erst gab es das Kennenlernen: Ausgangspunkt war der Müll, den Friedhofsbesucher in Leidls Garten geworfen hatten. Daraus entwickelte sich der Respekt, den beide füreinander empfanden. Und dann ist aus den Postkarten, darunter viele Namenstagsglückwünsche, herauszulesen, wie die Freundschaft gepflegt wurde. „Es sind 91 Karten in 17 Jahren, sie sind teils liebevoll, teils witzig und ironisch und auch frech“, sagt Fuchs.

Als Katzenschwanz 1969 pensioniert wurde und nach Memmingen zog, brach der Kontakt ab. Der Pfarrer hat Leidls Karten aber alle aufbewahrt. Dass sie nun ausgerechnet im Tutzinger Jubiläumsjahr kurz vor der Ausstellungseröffnung aufgetaucht sind, ist fast ein Wunder. Vermutlich hatte der liebe Gott seine Hand im Spiel.

Im Juni forschte Pfarramtssekretärin Maria Braun im Bildarchiv der Kirche nach alten Fotos von der Innenausstattung von St. Joseph. „Dann waren da zwei kleine Fotoalben“, erzählt Maria Braun. „ich erkannte gleich, dass sie mit Anton Leidl zu tun haben. Ein Geschenk des Himmels.“ So bekam die geplante Ausstellung ein neues Gewicht. Fuchs, der vor elf Jahren schon einmal eine Leidl-Ausstellung konzipiert hatte, wusste das Werk einzuordnen und zu präsentieren.

Die Alben waren 2004 in den Besitz der Pfarrei St. Joseph Tutzing gelangt und ins Archiv gewandert. Der damalige Pfarrer von Memmingen, Michael Wald, hatte sie im Nachlass von Katzenschwanz’ verstorbener Schwester gefunden. Sie hatte ihrem Bruder bis zu dessen Tod 1989 den Haushalt geführt.

Wald schickte die Alben nach Tutzing, nicht ohne in einem freundlichen Anschreiben darauf aufmerksam zu machen, dass der Inhalt „eventuell anstößig“ sein könnte: Auf einer Karikatur ist ein nackter Mann von hinten mit einer Pfauenfeder zu sehen. Leidl hatte eben Sinn für Humor. Sandra Sedlmaier

Die Ausstellung ist bis Mittwoch, 25. Oktober, im Roncallihaus in Tutzing zu sehen. Geöffnet ist montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und sonntags von 13 bis 16 Uhr.

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