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Die Sorgen der Vögel-Umsorgerin

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Päppelt ab- und aus dem Nest gestürzte Vögel wieder auf: Ninon Ballerstädt.
Päppelt ab- und aus dem Nest gestürzte Vögel wieder auf: Ninon Ballerstädt. © Photographer: Andrea Jaksch

Mit ihrer Wildtier-Auffangstation ist Ninon Ballerstädt in Tutzing seit vielen Jahren eine wichtige Anlaufstelle. Nun sieht sie sich zu einer Reduzierung dieser Arbeit gezwungen. Aber ob ihr das gelingen wird, weiß sie selbst nicht.

Tutzing – Als Vogelexpertin ist Ninon Ballerstädt in Tutzing eine Institution. In ihrer Wohnung betreut und pflegt sie hilfsbedürftige Tiere und päppelt sie wieder auf. Ganz besonders den Mauerseglern hat sie sich verschrieben. Wohlfühlen dürfen sich in ihrer Wildtier-Auffangstation aber auch Spatzen, Stare, Sperlinge, Spechte, Meisen, Amseln, Drosseln, Rotkehlchen, viele andere Vögel und nicht zuletzt Mäuse. Manche Tiere kann sie nicht aufnehmen, etwa Greifvögel, Wasservögel (außer ganz kleine Enten) oder Schwalben: „Die kann ich nicht auswildern.“ Für solche Tiere gibt es andere Anlaufstellen. Kontakte findet man online etwa unter www.wildvogelhilfe.org.

Wenn Ninon Ballerstädt ihre Lieblinge im Würmseestadion in die Freiheit entlässt, ist das ein Schauspiel, das stets viele Zuschauer anlockt. 2021 war das nur ein einziges Mal im August der Fall, in anderen Jahren gab es gleich mehrere Starts. Aber nun ist die promovierte Naturwissenschaftlerin hin und her gerissen. Sie sieht kaum eine andere Möglichkeit, als ihre Hilfstätigkeit zu reduzieren. Seit sie 1998 die ersten Vögel bekam, wurde es immer mehr. Über 2000 Tiere waren es bisher insgesamt, schätzt sie. Mit all dem ist jedoch mittlerweile soviel Arbeit verbunden, dass sie nicht mehr weiß, wie sie es schaffen soll – ganz zu schweigen von den Kosten. Und manchem Ärger, mit Nachbarn unter anderem wegen Lärmbelästigung, sie stand schon vor Gericht deshalb. Gesundheitliche Probleme kommen hinzu.

Nicht zuletzt ist Ballerstädt unsicher, wie sie mit einer behördlichen Beschränkung umgehen soll: Nach einer Anordnung des Landratsamts von 2014 im Zuge einer „Haltegenehmigung nach Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes“ darf sie jährlich eigentlich nicht mehr als 100 Tiere aufnehmen. Doch es sind regelmäßig mehr. Im Jahr 2020 waren es 168, im vorigen Jahr 148 Tiere. Denn es hat sich weit über Tutzing hinaus herumgesprochen: Wer einen Vogel findet, der aus dem Nest gefallen, gegen eine Fensterscheibe geknallt, ein Kollisions-, ein Katzenopfer geworden oder sonst wie zu Schaden gekommen ist: Ballerstädt hilft weiter, Tag und Nacht. An einem einzigen Tag Anfang des Monats trafen zehn Tiere ein. „Was soll ich machen?“, fragt sie. „Ich nehme sie halt auf.“

Reduzierte Betreuung

Schwierigkeiten mit dem Landratsamt hatte Ballerstädt wegen der ständigen Überschreitung der vorgegebenen Tierzahl bisher noch nicht, wie sie sagt. Aber sie will es auch nicht darauf ankommen lassen und sich zu ihren anderen Problemen auch noch solche bürokratischer Art zulegen. So ist ihr Entschluss gereift, die Tierbetreuung zu reduzieren und sich weitgehend auf Mauersegler zu beschränken. Aber ob das gelingen wird, weiß sie selbst noch nicht. Im vorigen Jahr wurden sogar besonders viele Spatzen gebracht.

Über Unterstützung von Tierfreunden würde sich Ballerstädt freuen, aber sie hat auch die Erfahrung gemacht, dass das oft gar nicht so einfach ist. Viele eigentlich hilfsbereite Menschen haben, wenn sie dringend benötigt würden, dann doch keine Zeit. Vielleicht könne man Schüler einbinden, überlegt sie. Aber auch da gibt es Probleme, etwa wegen der Ferienzeiten. Auf alle Fälle weiterhelfen würde eine Erklärung von behördlicher Seite, dass ihre Arbeit im öffentlichen Interesse ist: „Dann wäre die Lärmbelästigung kein Thema.“

Was Vögeln schadet

Mittel gegen Mückenplagen sind für Vögel möglicherweise schädlicher als vermutet. Die Tutzinger Naturwissenschaftlerin Ninon Ballerstädt sieht in ihnen einen Grund für eine auffallende Häufung von Gefiederschäden, so bei Spatzen. Denn dadurch verschiebe sich sehr wahrscheinlich das Nahrungsspektrum von fütternden Singvogel-Eltern. Sie müssten dann möglicherweise auf andere kleine Lebewesen zurückgreifen, die für die Ernährung ihrer Kinder suboptimal oder gar schädlich seien, erläutert Ballerstädt in ihrem Jahresbericht 2021: „So wurden beispielsweise Spatzen dabei beobachtet, wie sie vor Spinnennetzen herumflogen, um die dort von den Spinnen gefangenen Beutetiere oder gar die Spinnen selbst abzusammeln.“ Natürlich gehörten sie in gewissem Maße zum normalen Nahrungsspektrum, aber in großen Mengen könne das Gift der Spinnen vielleicht doch zu Schädigungen führen.
59 von 148 bei Ballerstädt angelieferten Tieren kamen 2021 als Babys oder als aus dem Nest gestürzte Nestlinge, wie aus dem Bericht hervorgeht. 36 Vögel waren Kollisionsopfer. 21 Vögel kamen als Katzenopfer, darunter Spatzen mit schwersten Gefiederschäden. Sie seien flugunfähig und leichte Beute für Katzen gewesen. Kollisionsopfer machen die größte Mühe bei der Rehabilitation, berichtet die Tutzingerin: „Sie müssen meistens wie Nestlinge gefüttert werden, machen das aber nur widerwillig mit, da es sich um weitgehend ausgewachsene Tiere handelt.“ Man müsse individuell angepasste Geschirre basteln, um sie mit ihren anfänglichen Lähmungserscheinungen zu stabilisieren.

Lorenz Goslich

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