Das Naturdenkmal und ihr Eigentümer: Dr. Stephan Stieberger auf dem Grundstück seines Elternhauses in Tutzing. Der Stammumfang von fast fünf Metern und die sogenannte Zwieselform machen die Stieleiche besonders.
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Das Naturdenkmal und ihr Eigentümer: Dr. Stephan Stieberger auf dem Grundstück seines Elternhauses in Tutzing. Der Stammumfang von fast fünf Metern und die sogenannte Zwieselform machen die Stieleiche besonders.

Stieleiche mindestens 200 Jahre alt

Ein Tutzinger Naturdenkmal, das viel Pflege bedarf und bedrängt wird

  • Tobias Gmach
    VonTobias Gmach
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Mehr als 20 Bäume oder Baumgruppen im Landkreis sind Naturdenkmäler. Was sie so besonders macht, erklären wir in einer Serie mit loser Folge. Heute: eine 200 Jahre alte Stileiche, die Bewunderung erfährt, bedrängt wird und viel Arbeit macht.

Tutzing – Man könnte meinen, das Eichhörnchen springt vom einen zum anderen Baum. Aber die Wahrheit ist: Die beiden Stämme gehören zu einem einzigen – zur mindestens 200 Jahre alten Stieleiche Am Höhenrain in Tutzing. Schon ihre schiere Dimension beeindruckt, der Umfang des moosbeschichteten Stamms misst fast fünf Meter. Auf etwa drei Meter Höhe gabelt sich das massive Fundament wie ein „Y“ – die sogenannte Zwieselform hat den größten Anteil daran, dass der Baum seit diesem Jahr offiziell ein Naturdenkmal ist. Für das Eichhörnchen ist er ein Abenteuerspielplatz, mit den weitgreifenden Verästelungen gar ein halber Wald. Für Dr. Stephan Stieberger, den Eigentümer, ist er ein Symbol für die Verantwortung des Menschen gegenüber der Umwelt – und richtig teuer.

Stieberger ist Physiker, früher war er auch Greenpeace-Aktivist. Eingriffe in die Natur sind im zuwider. Dementsprechend wild ist der Garten an seinem Elternhaus in Tutzing, um den er sich kümmert. In kurzer Hose und blauem T-Shirt mit Brusttasche führt er durch hohes Gras und eine Blumenwiese. Weil es heuer so viel regnet, ist der Boden sumpfig – so wie ihn Stieberger aus seiner Kindheit in Erinnerung hat. Er lässt den Blick schweifen und sagt: „Es war noch wilder, unberührter – ein Naturspielplatz. Hier sind wir aufgewachsen.“ Stieberger meint sich und seine beiden Schwestern. Sie sind Miteigentümerinnen der Stieleiche, die ganz am Rande des Grundstücks steht.

Knapp an der Grundstücksgrenze steht die Eiche. Nebenan rückten ihr zuletzt mehrere Neubauten nahe.

Auf der einen Seite ist der Blick frei Richtung Starnberger See. Auf der anderen sind dem Baum in den vergangenen Jahren mehrere kastenförmige, moderne Neubauten auf den Leib gerückt. Mit Details will Stieberger sich nicht zitieren lassen, lieber formuliert er diplomatisch: „Die Nachbarn finden den Baum sehr schön, aber sie wollen sich durch ihn auch nicht einschränken lassen.“ Also zum Beispiel, was den Panoramablick angeht. Selbst kann die Eiche ihr Revier nicht verteidigen, der Status Naturdenkmal hilft nun dabei. Die Kronentraufe, also die Ausmaße der Krone, plus 1,50 Meter rundherum gilt als offizielle Schutzzone. Stieberger findet das beruhigend. „In Tutzing kann man ja sonst jeden Baum umschneiden“, sagt er. Eine Baumschutzverordnung vermisst er schmerzlich.

Der Naturschützer, der seinen riesigen, 200 Jahre alten, aber immer noch kerngesunden Freund anhimmelt und einfach nur seine Anwesenheit genießt: So eindimensional ist die Beziehung nicht. Der Baum mache viel Arbeit und koste viel Geld, sagt Stieberger: „Ich habe schon fast 10 000 Euro in ihn reingesteckt.“ Vor allem für Pflegemaßnahmen: die Entlastungsschnitte für die Statik oder das Entfernen von Totholz. Vor einiger Zeit schnitt Stieberger den Efeu ab, der sich am Stamm hinauf geschlängelt hatte. „Das sieht zwar schön aus, aber entzieht dem Baum Nährstoffe.“ Demnächst muss der Tutzinger wieder tief in seinen Geldbeutel greifen: Eine Kronensicherung mit Stahlseilen steht an. Ein ganz schöner Aufwand oder? Stiebergers Kommentar: „Man tut’s für die Allgemeinheit – und die Natur.“

Ästhetisch, aber ungesund: Efeu entfernt Stieberger teilweise. „Er entzieht dem Baum Nährstoffe.“

Der Naturwissenschaftler entspricht dem Klischee des eher nüchternen Typs. Dementsprechend erfreut er sich an dem, was man sehen kann. Oder theoretisch sehen könnte, hätte man eine Lupe dabei. Die Vielfalt der Tierwelt. „Eine Eiche bietet Lebensraum für 500 Lebewesen“, sagt er und deutet auf das Taubennest, etwa auf halber Höhe der 19-Meter-Eiche. Stiebergers Schwester Christine geht als Künstlerin lieber auf die metaphorische Ebene. „Der Baum verkörpert für mich eine emotionale Verbindung mit der Vergangenheit. Und er ist eine Hilfe, um sich Zeit vorzustellen“, sagt sie. Einig sind sich Bruder und Schwester vor allem in einem: dass die Eiche ein Aushängeschild für Tutzing ist und das noch lange bleiben sollte.

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