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Baustelle Roche-Gelände: Die letzten Boehringer-Gebäude werden abgerissen (hi.l.), das Apart-Hotel Simson rechts ist fast fertig, die Rotunde, das gelbe Gebäude, bleibt noch stehen.

Abrissarbeiten

Ende einer Ära: Letzte Roche-Gebäude in Tutzing weichen

Ende einer Tutzinger Ära: Die letzten Gebäude der Firma Boehringer auf dem lange brach liegenden Roche-Gelände werden endgültig abgerissen. Das erste neue Haus auf dem Areal, ein Apart-Hotel, ist fast fertig.

Tutzing – Rundherum sind schon fast alle ehemaligen Firmengebäude von Boehringer-Mannheim in Tutzing verschwunden. Aber ein länglicher Altbau hat bisher alles überstanden. Doch nun ist es auch mit ihm vorbei: Ein Bagger hat mit dem Abbruch begonnen, ein Teil der Mauern und einige Fenster sind schon entfernt. Ansonsten steht aus Boehringer-Zeiten nur noch die Rotunde daneben. Doch die ist viel jünger, sie stammt aus den 1990-er Jahren.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte das Pharmaunternehmen diesen Teil von Tutzing in Bahnhofsnähe geprägt. Auch der Schweizer-Roche-Konzern führte den Betrieb noch ein paar Jahre fort, nachdem er Boehringer-Mannheim Anfang 1998 übernommen hatte. Doch vor 17 Jahren legte er das Werk dann doch still.

In der Folgezeit gab es für das zur Industriebrache gewordene Areal alle möglichen Versuche einer Neubelebung – von einem Biotechnologie-Zentrum, dessen Planung fast zu einem Bürgerbegehren geführt hätte, bis zu diversen anderen Vorhaben unter wechselnden Eigentümern.

Geschichte von Boehringer-Mannheim begann während des Zweiten Weltkriegs

Lange lag das Gelände brach. Inzwischen ist ein erster Neubau, ein so genanntes Apart-Hotel, fast fertig. Zuvor waren in dem länglichen Altbau und auch in der Rotunde für offenbar relativ günstige Mietpreise ein paar Firmen, zeitweise auch eine Innovations-Akademie, untergekommen. Sie alle mussten aber schon vor Jahren wieder ausziehen.

Für drei von insgesamt wohl fünf Gebäuden, die eines Tages auf dem Gelände stehen sollen, gibt es noch keine öffentlich bekannten Planungen. Doch der nun begonnene Abbruch des Altbaus signalisiert den endgültigen Abschied von der langen Tutzinger Ära mit Boehringer-Mannheim.

Die Geschichte von Boehringer-Mannheim in Tutzing hat während des Zweiten Weltkriegs begonnen. Wegen der Kriegsgefahren am Mannheimer Stammsitz verlegte der damalige Firmenchef Fritz Engelhorn ab 1942 wesentliche Teile der Arzneimittelforschung nach Tutzing – erst in Räume der Bayerischen Textilwerke, später ins frühere Hotel Simson, das zu seiner Glanzzeit Tutzings Ruf als Sommerfrische mit begründet und nach dem Krieg den amerikanischen Besatzern als Lazarett gedient hatte.

Vor allem unter Leitung des Enzymforschers Hans Ulrich Bergmeyer wurde dieses Werk zu einer Wiege der Biochemie, aus der später die Gentechnik entwickelt wurde. Seine Testkombinationen für klinische Labors und seine Enzyme waren weltweit gefragt.

„Das Beste an Mannheim ist der Bahnsteig nach München.“

Die Tutzinger emanzipierten sich sogar von ihrem Mannheimer Mutterkonzern, dem das alles allzu innovativ war. Wenn Mitarbeiter vom Starnberger See in ihrem Stammwerk zu Gast waren, kursierte unter ihnen ein Spruch, der tief blicken ließ: „Das Beste an Mannheim ist der Bahnsteig nach München.“

Die guten Geschäfte führten zu starkem Erweiterungsbedarf. Mehrere neue Firmengebäude entstanden rund um das alte Hotel Simson, dessen früherer Speisesaal zeitweise der Hauptproduktionsraum war. Doch weitere Expansionspläne scheiterten Ende der 1960er Jahre an begrenzten Flächen, Abwasserkontingenten und kommunalen Widerständen.

Den Ausweg brachte ein großes Gelände in Penzberg. Dort war wenige Jahre zuvor die Förderung der oberbayerischen Pechkohle aufgegeben worden. Im Juni 1972 legte das Unternehmen im Nonnenwald den Grundstein für ein neues Werk, das heute 6200 Mitarbeiter beschäftigt. Ansehnliche staatliche Förderungen versüßten dieses Engagement.

Boehringer-Mannheim und später Roche verlagerten nach und nach Aktivitäten von Tutzing nach Penzberg. Ende 2001 war mit dem Betrieb in Tutzing Schluss. Seine letzten Gebäude verschwinden erst jetzt.

Lorenz Goslich

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