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Auf dem bewährt hohen „Margit-Kleber-Niveau“ präsentiert sich das Stück der Tutzinger.

Theatergruppe des Gymnasiums

Das rechte Stück zur rechten Zeit

Die Theatergruppe des Gymnasiums Tutzing bringt Ödön von Horvarths „Jugend ohne Gott“ eindrucksvoll auf die Bühne.

Tutzing – „Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische. Die Welt dreht sich in das Zeitalter der Fische hinein. Da wird die Seele eines Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches.“ Der in Kroatien geborene, als ungarischer Staatsbürger auf Deutsch schreibende Ödön von Horvath (1901-1938) hat diese Worte 1937 in seinem Roman „Jugend ohne Gott“ verwendet, um die menschenverachtenden Züge des Nationalsozialismus möglichst bildhaft zu beschreiben.

Sein in Amsterdam erschienenes Buch gilt als wichtiges literarisches Zeitzeugnis des Dritten Reiches, Horvath selbst wurde 1936 aus Deutschland verwiesen und musste vor den Nazis von Wien aus weiter nach Budapest und Paris fliehen. Wie schon sein Buch „Der ewige Spießer“ liefert auch „Jugend ohne Gott“ eine Typologie des mit dem Strom schwimmenden, seiner geistigen Individualität und persönlichen Moralität beraubten Menschen, für den es eben keinen Gott und keine andere Instanz mehr gibt.

Schon die sehr beachtliche Verfilmung der Horvath-Vorlage von Alain Gsponer zeigte 2017, wie aktuell das Thema einer verführbaren Jugend bis heute ist. Margit Kleber, in Theaterdingen seit langem äußerst engagierte Lehrkraft am Gymnasium Tutzing, hat den Stoff nun mit der Theatergruppe der Oberstufe inszeniert (unter Mitwirkung der Theaterklasse 5a als stramm marschierende BDM-Mädchengruppe).

Die Geschichte eines Lehrers (Xaver Gundermann), der unter dem zunehmend paramilitärisch geprägten Klima seiner Schule und dem ausdruckslosen Wesen der Schülerschaft leidet, wird als Collage aus Bühnengeschehen, Videoeinspielungen und Projektionen umgesetzt.

Eingewoben in dieses Grundthema von Anpassung und Ausgrenzung ist ein Mord, der in einem jener zeittypischen Hitlerjugend-Zeltlager mit ihren „Gelände-spielen“ geschieht. Horvath nutzte dieses Handlungselement, um die nationalsozialistische Ideologie, Herrenmenschentum, Rassismus und Korpsgeist zu entlarven, aber auch aufzuzeigen, dass menschliche Regungen in Extremsituationen doch immer wieder zum Vorschein kommen können.

Die Kleber-Inszenierung überzeugt durch zumeist sicher agierende Mitwirkende und zügige Szenenabfolge, wobei die zahlreichen Umbauten dazwischen ein wenig Sand ins Getriebe bringen. Der Hauptplot der stromlinienförmig geformten, geistig entkernten Jugendlichen wird in starken Bildern von Gleichschritt, Gehorsam und Drill gezeigt; es wird viel kommandiert und pariert in diesem Horvath-Stück. Der Geschichtslehrer in seiner leisen Resignation und letztlich doch tätigen Auflehnung bildet hierzu einen gelungenen Kontrast. Dem einen oder anderen Akteur in den Nebenrollen wäre allenfalls ein wenig mehr Leidenschaft zu wünschen, zumal es um Leben und Tod geht: Einen Satz wie „Ich wars nicht!“ sollte man gerade nicht leidenschaftslos aussprechen, sondern mit Ausrufezeichen. Insgesamt eine gelungene Bearbeitung der berühmten Vorlage – auf dem bewährt hohen „Margit-Kleber-Niveau“ und mit sicherem Gespür für die Auswahl des richtigen Stücks zur rechten Zeit.

Eine weitere Aufführung ist am heutigen Donnerstag, 8.Februar, ab 20 Uhr, in der Aula des Gymnasiums Tutzing zu sehen – Einlass ab 19 Uhr.

Von Thomas Lochte

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