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Ein Besuch im Studio von Leslie Mandoki: „Meine Generation hat versagt“

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Von: Tobias Gmach

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Am Entstehungsort: Leslie Mandoki mit dem Songbuch zum Doppelalbum „Living in the Gap – Hungarian Pictures“ in seinem Studio in Tutzing. © Andrea Jaksch

Leslie Mandoki ist für viele noch immer der Dschingis-Khan-Typ. Dabei scharte der Musikproduzent zuletzt wieder Rock- und Jazzgrößen in Tutzing um sich. Sie nahmen das Album seines Lebens auf – um Missstände anzuprangern und um alte Rebellen aufzuwecken. Eine Hörprobe im Red-Rock-Studio.

Tutzing – Bevor jetzt doch noch jemand nach dem leidigen Thema fragt, zeigt Leslie Mandoki von sich aus ein Foto aus dem Jahr 1979. Es passt nicht in den Hochglanz-Bildband, der sich den Mandoki Soulmates widmet, seinem Projekt mit weltweiten Rock- und Jazzgrößen. Es zeigt ihn mit nacktem Oberkörper, goldener Glitzerhose und dem Mikrofonständer in der Hand auf der Bühne der Münchner Olympiahalle. Darüber steht, ganz hinten als Abschluss des Bildbands in dicken Buchstaben: „Das war jetzt für alle, die sich fragen: Was macht eigentlich der Dschingis-Khan-Typ heute?“

Selbstironisch, gut gelaunt und voller Feuer präsentiert sich Leslie Mandoki an diesem Freitagnachmittag. Der 66-Jährige trägt Jeans, Jeanshemd und seinen typischen ausufernden Schnauzer. Der Mann, der auf Fotos so gefährlich aussieht, ist ein warmherziger Mensch, der für den perfekten Hörgenuss seinen Chefsessel anbietet. Mandoki hat in sein Red-Rock-Studio nach Tutzing geladen, um nichts Geringeres als „das ambitionierteste und beste Album meines Lebens“ vorzuspielen.

66 Minuten und 19 Sekunden zuhören: Das ist ein Akt, der in Zeiten, in denen Songs online millionenfach frei verfügbar sind und oft nach 1.30 Minuten weitergeklickt werden, äußerst ungewöhnlich ist. Und das ist nur die Hälfte von Mandokis neuem Werk. „Pre-Listening“ sagt man in der Branche zu Zusammenkünften wie diesen. Das Doppelalbum „Living in the Gap – Hungarian Pictures“ erscheint am 11. Oktober, am 7. November spielen die Mandoki Soulmates im Münchner Circus Krone.

In Mandokis Studio arbeiteten Stars von Toto, Supertramp oder Jethro Tull

Mandoki lehnt an dem gigantischen Mischpult mit hunderten Reglern im dezent-warm beleuchteten Studio und deutet zur Glasscheibe. Dahinter liegt der Aufnahmeraum. Format: kleine Turnhalle. Einrichtung: Musikerparadies. Wände und die Decke sind ausgekleidet mit verstellbaren Akustik-Elementen, als Profi-Drummer nutzt Mandoki zwei Schlagzeuge, außerdem im Angebot: ein edler Bösendorfer-Flügel, Gitarren-Klassiker und Liebhaber-Verstärker, die Rockgeschichte geschrieben haben. In diesem Raum hat Mandoki die Stars zusammengebracht: Bobby Kimball (Toto) und Nick van Eede (Cutting Crew) haben dort eingesungen, John Helliwell (Supertramp) hat Saxophon, Ian Anderson (Jethro Tull) Flöte und Nachbar Peter Maffay Gitarre gespielt. 22 internationale Spitzenmusiker sind auf dem Doppelalbum zu hören.

Bevor Mandoki auf „Play“ drückt, führt er durchs Haus und unter anderem in das Büro der Produktionsfirma mit Seeblick. Signierte Gitarren und Goldene Schallplatten säumen den Weg vom Studio im Keller ins Obergeschoss. Die Bilder im Flur vermitteln die Erkenntnis: Mandoki kennt sie alle. Mit Phil Collins, Lionel Richie, Melanie C., Robin Gibb, Sido, den No Angels, David Garrett und Andreas Bourani hat er zusammengearbeitet, sein Lebensweg kreuzte sich aber auch mit Angela Merkel und Bill Clinton.

Im Studio läuft jetzt „Living in the Gap“. Die Spaltung der Gesellschaft ist das Grundmotiv der Platte. „Und das Versagen meiner Generation“, sagt Mandoki, der mit 22 aus Ungarn durch einen Tunnel und so durch den Eisernen Vorhang flüchtete. In den 30 Jahren nach dem Mauerfall sei es verpasst worden, „eine achtsame Welt aufzubauen, in der über das geredet wird, was uns verbindet – und nicht über das, was uns trennt“. Die Lieder heißen „Mother Europe“, „Wake up“, „I’m not your Enemy“ oder „Young Rebels“. Sie loben Fridays-for-future-Demos, fordern Pressefreiheit und kritisieren das Finanz-Spekulantentum.

Mandoki will alte Rebellen wecken - und nicht nur Schüler auf der Straße sehen

Mandoki weiß, wie privilegiert er als Musiker seiner Liga ist – aber er sieht sich auch in der Verantwortung, Missstände anzuprangern und zum globalen Denken anzuregen. Er weiß, dass seine Musik vielleicht nur „Intellektuellenfutter“ ist, aber er sieht auch die Chance, alte Rebellen aufzuwecken. Damit nicht mehr nur die Schüler auf die Straße gehen. Seinen Inhalt hat er in eingängige, manchmal radiotaugliche Songs gepackt, die aber immer wieder mit Saxophon-, Gitarren-, Klavier- oder Basssoli sanft ins Jazzige gleiten.

Nach Teil eins stellt Mandoki seine Gäste vor die Wahl: „Weiter Musik hören oder Kino und Making-of-Film?“ Alle wollen ins Kino, in sein privates selbstverständlich. Auf dem Weg über den Hof erzählt Mandoki, dass die Gemeinde Tutzing den Bau eines exklusiven Mini-Filmtheaters nicht genehmigte. Der Dschingis-Khan-Typ reagierte darauf so gewitzt, wie er seine Jazz-Schlagzeug-Breaks spielt. Er kaufte ein Container-Kino, zwölf Quadratmeter groß, zehn rote Sitze, Surround-Sound. Mandoki: „Dafür braucht man keine Baugenehmigung.“ 

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