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Wenn die Erinnerung verblasst ... Nach Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft lebten im vergangenen Jahr in Deutschland 1,7 Millionen Menschen mit Demenz.

Demenz

„Ich habe es etliche Jahre nicht gemerkt“

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An Sonntag endete die erste Bayerische Demenzwoche. Ziel war es laut Staatsministerin Melanie Huml, die Demenz stärker in die Öffentlichkeit zu rücken. Es geht nicht nur um die Erkrankten, sondern auch um deren pflegende Angehörige. Professor Dr.-Ing. Max Körte weiß seit gut einem Jahr, dass seine Frau Brigitte unheilbar an einer Demenzerkrankung leidet. Der Tutzinger kümmert sich aufopferungsvoll um sie. Der 78-Jährige war bereit zu einem Gespräch

Herr Professor Körte, wie und wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrer Frau etwas nicht stimmt?

Das ist die beste Frage überhaupt, die ich mir auch immer wieder stelle. Weil ich es eben nicht gemerkt habe. Über etliche Jahre nicht gemerkt habe. Ich habe irgendwann realisiert, dass wir uns in Sachen, wo wir uns eigentlich immer einig waren, plötzlich nicht mehr einig waren. Und anfingen, jeder für sich, zu fragen: Was ist eigentlich los? Und erst von dritter Seite habe ich dann mitgekriegt, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Ausschlaggebend waren zwei Schlaganfälle. Aber die beginnende Demenz war schon längst vorher. 2014 hatte meine Frau einen ersten kleinen Schlaganfall mit Sprachstörungen. Gott sei Dank war das ganz schnell wieder weg. Danach war alles einigermaßen gut. Zwei Jahre später kam ein erster größerer Schlaganfall, da wurde es mit der Motorik etwas schwieriger. 2018, vor genau einem Jahr und zwei Monaten, kam es zu einem schweren Schlag. Und der löste die Diagnose demenzieller Alzheimer aus – keine Chance auf Heilung.

Sie sagten: etliche Jahre nicht gemerkt. Um welchen Zeitraum handelte es sich?

Wenn ich heute zurückdenke, bestimmt acht Jahre.

Also ein schleichender Einstieg ...

Ja, so kann man sagen: acht Jahre von 2011 bis heute. Es ist dann immer die Frage: Hast du dich verändert, oder hat sie sich verändert? Wir sind seit über 50 Jahren verheiratetet, haben vor wenigen Monaten Goldene Hochzeit gefeiert. Da kommt man schon ins Grübeln, wenn man sich gut kennt und gut versteht. Wie man dann in grundsätzlichen Fragen so gegenteiliger Meinung sein kann.

Ging es um private oder eher grundsätzliche Fragen?

Das waren schon grundsätzliche Fragen, Fragen des Alltags. Und es kam der große Umbruch. Unser schönes Haus hier in Tutzing hatte ich schon vor zehn Jahren auf die Kinder überschrieben, das hat meine Frau noch alles mitgemacht. Aber als dann die Diskussion anstand, wann übergeben wir das Haus den Kindern, wann ziehen wir aus, welches der Kinder möchte dort einziehen – das war dann mehr und mehr nur noch meine Sache. Daran hat sie sich gar nicht mehr beteiligt. Für mich war das eine schwierige Situation. Denn solche Entscheidungen fällt man ja gemeinsam.

Wann setzte diese Entwicklung ein bei Ihrer Frau?

Kurz nachdem sie 70 Jahre alt geworden war. Sie ist jetzt 77, ich bin 78 Jahre alt.

War Ihre Frau berufstätig?

Meine Frau hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. War in Essen in einem großen Betrieb als Chefsekretärin beschäftigt und sehr gefordert in dem Beruf. Sie ist dann 13 Jahre lang Hausfrau gewesen und anschließend halbtags wieder eingestiegen in ein Ingenieurbüro als rechte Hand für alles. Das war ein kleineres mittelständisches Unternehmen. Sie war sehr glücklich mit der Tätigkeit. Unser Sohn war damals 13, und die Tochter 16.

Dann kommen Sie beide ursprünglich gar nicht aus Bayern?

Nein, ich stamme aus Tirol, aus Innsbruck, meine Frau kommt aus Schleswig-Holstein. Wir haben lange in Frankfurt gelebt. Bevor wir geheiratet haben, war sie in Essen tätig und ich in Düsseldorf. Später haben wir entschieden, als es Richtung Pension ging, nach Bayern zu ziehen. Hier in Tutzing hat sie das Wasser und ich die Berge. 1997 sind wir nach Tutzing gekommen. Ich habe 1988 ein Grundstück hier gekauft, 1990 wurde gebaut, das Haus ist dann sieben Jahre vermietet gewesen.

Sie waren Flugkapitän.

Jawohl, ich war Flugkapitän, 32 und ein halbes Jahr bei der Lufthansa. Vorher noch bei anderen Airlines. Ich habe den schwierigen Weg gewählt, nach einer nicht leichten Kindheit, der Vater war im Krieg gefallen, musste ich mir alle Berufsschritte selbst erarbeiten. Angefangen mit Modellfliegen über Segelfliegen, Fluglehrer, Bannerschlepper, Rundflieger und was alles so dazugehört. Im Sommer habe ich mich bei diversen Flugschulen verdungen und im Winter habe ich studiert.

Dann haben Sie einen Lehrauftrag bekommen.

20 Jahre habe ich in Stuttgart an der Universität gelehrt. Ich wollte etwas mit der Forschung zu tun haben. Das lief dann parallel zur Fliegerei. Und dann hatte ich noch einen dritten Job. Ich war verantwortlich für den Flugbetrieb bei der Lufthansa. Für sämtliche operationelle und technische Belange. Hatte einen ziemlich großen Laden mit 80 Mitarbeitern, viele Ingenieure, da ging es um Training, um Spezifikation der Flugzeuge, der Software, der technischen Ausstattung und vieles mehr. Ich saß von Montag bis Freitag im Büro und samstags, sonntags bin ich geflogen. So einmal New York und zurück.

In einer Person also Luft- und Bodenpersonal ...

Kann man so sagen. Oberes Führungspersonal. Ich war dann noch 20 Jahre als Berater tätig. Nach dem Ausscheiden mit 60 Jahren als Flugkapitän war ich noch vier Jahre bei Daimler, als Jürgen Schrempp dort Chef war, und habe die Vorstände geflogen. Das war eine schöne Zeit.

Die Diagnose ist da. Was hat das bei Ihnen bewirkt? Was ging in Ihnen vor?

Es war der 22. Juli 2018, da hatte meine Frau noch einmal einen schweren Schlaganfall. Nach einer Nacht hat man sie aus der Klinik entlassen, weil sie eigentlich in die geschlossene Anstalt müsste, hieß es. Das war schon ein kleiner Skandal, den ich auch nicht auf mir habe sitzen lassen. Da war ich kurz vor dem Zusammenbruch. Das war schrecklich. Die Wochen danach waren wirklich schrecklich. Ich habe händeringend nach Hilfe gesucht und nach Rat. Sie kriegen die Diagnose an den Kopf geschmissen und werden alleine gelassen. Dann war meine Frau in der Reha. In der Neurologie in Feldafing. Da wollte man sie eigentlich gar nicht haben. Weil, wie mir hinterher der Chefarzt mit Recht gesagt hat: Da können wir kaum noch etwas machen. Das ist schon ehrlich. Das ist auch so. Aber das Prozedere war schlichtweg katastrophal.

Das klingt ja nach einer gewissen Hilflosigkeit auf Medizinerseite.

Ich kann nur sagen, mich hat es umgehauen. Nach drei Wochen Reha hat meine Frau die Klinik verlassen, ohne dass es etwas gebracht hat. Aber ich hatte in den drei Wochen Zeit zu überlegen, wie es weitergeht. Ich hatte Kontakt mit dem Pflegedienstleiter der Ambulanten Krankenpflege Tutzing, Armin Heil. Der Mann ist wie die Feuerwehr. Wenn man Hilfe braucht, ist der da, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Bei ihm habe ich mich ausgeheult, und er hat mich aufgefangen.

Dann war Ihre Frau zu Hause.

Ja, ich habe dann zunächst eine Pflegerin aus der Ukraine gehabt. Aber die musste ich schon nach einem Tag wieder entlassen. Das ging gar nicht. Die hat zwar uns verstanden, aber sie sprach kein Deutsch. Meine Frau hat diese Frau als Bedrohung empfunden. Durch einen Zufall hat dann eine Frau aus Machtlfing gehört, dass jemand Unterstützung sucht. Sie kam zu uns. Nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter ist Altenpflegerin. Die beiden Damen helfen mit jetzt an drei Abenden in der Woche: Montag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils drei Stunden. Da geht es dann um Körperpflege bei meiner Frau, die Mutter macht die Wäsche und was dazu gehört. Aber vor allem reden die beiden mit meiner Frau. Sie versuchen, sie ins Gespräch zu holen, und das funktioniert. Mit mir redet meine Frau oft tagelang gar nichts. Sie liegt dann hier auf dem Sofa, aber eine Kommunikation ist nicht möglich.

Wie nutzen Sie die Zeit, wenn Sie wissen, dass Ihre Frau für einige Stunden am Tag versorgt ist?

Dann kann ich meinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, kann Sport treiben, musizieren. Das Physische ist insofern kein Problem, wenn man Hilfe hat. Die Psyche ist die andere Seite. Das Emotionale nagt an einem, sehen zu müssen, wie ein geliebter Mensch immer mehr verfällt.

Skizzieren Sie bitte einmal einen normalen Alltag.

Heute Morgen bin ich um viertel nach 6 Uhr zum Schwimmen gegangen, das mache ich jeden Tag. Dann bereite ich das Frühstück. Dann kommt irgendwann meine Frau. So wie heute auch, leider völlig durchnässt. Aber das bleibt nicht aus, wenn ein Mensch komplett inkontinent ist. Dann mache ich das zunächst einmal zurecht, duschen, anziehen. Dann habe ich meine Frau heute ins Quinthaus gebracht, die Tagespflege hier am Ort. Da habe ich aber auch nur an zwei Tagen in der Woche einen Platz bekommen, jeweils von 9 bis 16 Uhr. Für einen weiteren Platz stehe ich seit Januar auf der Warteliste. Um die 140 Leute umfasst diese Warteliste. Meine Frau geht nicht besonders gerne da hin, weil da viele andere Leute sind, die wesentlich schlechter dran sind als sie. Sowohl geistig als natürlich auch körperlich. Inzwischen akzeptiert sie es, weil sie merkt, dass auch bei ihr immer mehr Defizite auftreten. Ein dritter Platz am Freitag wäre schon schön. Denn vier Tage am Stück, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag, da merke ich am Sonntagabend, dass es mir arg zugesetzt hat. Ich muss ja sehen, dass meine Frau Bewegung hat. Sie geht schon noch die Straße rauf und runter. Aber es wird halt weniger und immer langsamer.

Tagsüber machen Sie die Hausarbeit.

Ich mache alles, was halt so anfällt. Einkaufen, kochen, die Wohnung sauber halten. Papierkram nicht zu vergessen, es gibt ja genügend zu tun. Ich habe einen Kurs gemacht für pflegende Angehörige, zwei Tage lang bei der Alzheimer-Gesellschaft, der war sehr gut. Und auf Empfehlung von Armin Heil bin ich auch zur Ilse-Kubaschewski-Stiftung nach Starnberg gegangen zu Frau Brandner. Und die hat mich ganz zart gefragt, ob ich denn Lust hätte, in ihrer Männer-Gruppe pflegender Angehöriger mitzumachen. Anfangs habe ich mich gesträubt, dieses Herumgejammere wollte ich nicht haben. Dann habe ich mich überwunden und sage heute, es ist sehr gut, ich kann es sehr empfehlen, weil es hauptsächlich Männer sind, die ein wesentlich schwierigeres Los zu tragen haben als ich. Wir treffen uns einmal im Monat, zwei Stunden am Vormittag. Es geht vor allem um Erfahrungsaustausch, was den Umgang mit Behörden, Versicherungen, Neuigkeiten im Gesetzesbereich angeht und vieles mehr. Frau Brandner beobachtet uns genau und ist dann die Alarmglocke, wenn sie merkt, dass es einem nicht gut geht. Dem empfiehlt sie, sich eine Auszeit zu gönnen.

Wie sieht die Perspektive aus?

Es geht in Schüben, das weiß ich genau. Es wird nicht besser. Meine Neurologin hat mir dringend geraten, den Plan B immer upzudaten. Es wäre jetzt an der Zeit, mich um einen Pflegeplatz zu kümmern. Die Wartezeit beträgt eineinhalb Jahre in Garatshausen. Das mache ich aber eben noch nicht. Weil meine beiden Damen Altenpflegerinnen sehr erfahren sind und sagen: Lass das erst mal, wir machen das schon.

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