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Willkommen in Tutzing: Altbundespräsident Joachim Gauck (Mitte) mit (v.l.) Rupert Grübl (Landeszentrale für politische Bildungsarbeit), Akademiedirektorin und Gastgeberin Professor Ursula Münch, Professor Markus Gloe (Geschwister-Scholl-Institut der LMU München) und Dr. Michael Schröder (Akademie für Politische Bildung). 

Akademie für Politische Bildung

Joachim Gauck zu Besuch in Tutzing

Altbundespräsident Joachim Gauck hat am Wochenende in Tutzing davor gewarnt, den Spruch „Wir sind das Volk“ Politikern am rechten Rand zu überlassen. Er war zu Gast in der Akademie für Politische Bildung.

Tutzing – „Die Vergangenheit scheint in diesen Tagen weniger vergangen als je zuvor, so viel DDR wie jetzt war selten.“ Altbundespräsident Joachim Gauck sprach am Freitagabend in der Akademie für Politische Bildung über die Zeit der Wende, über die Hoffnung, die Entwicklung der Freiheit im Osten, über gesamtdeutsche Auswirkungen. Und er brach eine Lanze für die Toleranz, die immer noch bestehenden Unterschiede zu erkennen und mit ihnen umzugehen.

Ein voller Saal, ein bunt gemischtes Publikum von der Politikprominenz bis zu hellwachen Schülern hörte Gauck begeistert zu – darunter der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Hans-Jürgen Papier, und der ehemalige Akademiedirektor Prof. Heinrich Oberreuter.

Ursula Münch erinnerte an Joachim Gaucks legendäre Festrede

Die Direktorin der Akademie, Prof. Ursula Münch, erinnerte in ihrer Begrüßung an die legendäre Festrede über die Freiheit, die Gauck zum 50-jährigen Bestehen der Akademie gehalten hatte. Das Akademiegespräch mit dem ehemaligen Bundespräsidenten zum Thema „30 Jahre Friedliche Revolution“ sei der Höhepunkt der aktuellen Tagung, sagte sie.

Vieles sei damals anders gekommen als gedacht, betonte Gauck. „Es gab einen garstigen Graben zwischen Traum und Realität.“ Er war 1989 in Rostock mit auf die Straße gegangen und Zeitzeuge der beispiellosen, friedlichen Überwältigung einer Staatsmacht, die sich nie selbst in Frage gestellt hatte. „Nach 56 Jahren Diktatur und Ohnmacht, in denen das Volk keine Rolle spielte, stand im Osten eine dumpfe Masse in unüberzeugter Minimal-Loyalität, die Gehorsam und Anpassung statt Selbstbewusstsein und Individualität gelernt hatte.“

Gauck interpretiert den Rechtsruck als Verunsicherung und Angst

Wie wichtig sei es damals gewesen, dem Verhängnis die Stirn zu bieten. „Wir sind das Volk“, so Gauck, sei für ihn der schönste Satz der Politikgeschichte. „Volksverführer kapern heute diesen Spruch. Doch hier müssen wir ein Stoppschild setzen. Ihr nicht. Niemals.“ Der Altbundespräsident interpretiert den aktuellen Rechtsruck in Deutschland als fundamentale Verunsicherung, als Angst und die Überforderung, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Er rief dennoch zum Verständnis auf, dass die tiefe kulturelle und emotionale Prägung der Bürger der östlichen Bundesländer sehr viel Zeit brauche, um sich zu verändern. „Menschen müssen mögen, was sie wollen sollen.“ Im Westen sei damals alles gleich geblieben, im Osten seien 80 Prozent anders geworden. Er könne daher verstehen, dass ein Teil der ostdeutschen Gesellschaft noch in Unsicherheit stehen geblieben ist. „Menschen fürchten sich vor der Zukunft, wenn sie nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Und dann kommen die Verführer und predigen das Heil, wenn man die Tür zumacht.“

Gauck appellierte an die Bürger, Verantwortung zu übernehmen

Gauck rief dazu auf, sich als Bürger wieder zu ermächtigen, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen, nicht nur „Kunde“ im eigenen Land zu sein. Letztlich sei die Fridays-for-Future-Bewegung – eine Frage an ihn aus dem Publikum – zwar nicht mit der friedlichen Demonstration von damals vergleichbar, aber ein großartiges Beispiel dafür, dass eine Bevölkerungsgruppe sich zuständig fühlt, etwas zu bewegen. „Wie zu Anfang unserer Demokratie. Man muss die Ohnmacht satt haben, aufwachen und etwas tun.“ Ein sehr inspirierender Abend.

von Susanne Bayer

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