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Kein Platz für Antisemitismus

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Von: Peter Schiebel

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Feierliche Enthüllung mit (v.l.) dem Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, und dem Antisemitismusbeauftragten des Freistaats, Dr. Ludwig Spaenle.
Feierliche Enthüllung mit (v.l.) dem Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, Udo Hahn, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, und dem Antisemitismusbeauftragten des Freistaats, Dr. Ludwig Spaenle. © Photographer: Andrea Jaksch

Die Evangelische Akademie Tutzing hat am Freitag in der Schlosskapelle eine Mahn- und Gedenktafel enthüllt, die eine antisemitische Darstellung erklären und einordnen soll. Die frühere Zentralratspräsidentin Dr. Charlotte Knobloch nutzte die Stunde für einen emotionalen Appell an Jugendliche.

Tutzing – Vielen Besuchern wird die Darstellung auf den ersten Blick vielleicht gar nicht abstoßend vorkommen. Vielen wird sie vermutlich noch nicht mal auffallen, ist sie doch nur eines von neun Bildern des Kirchenfensters, das in der Schlosskapelle in Tutzing zu sehen ist. Und doch zeigt sie ein Motiv, das seit dem Mittelalter das Christentum über das Judentum stellt und das zutiefst antisemitisch ist: „Ecclesia und Synagoga“, zwei Frauen neben dem gekreuzigten Jesus.

Links „Ecclesia“, die Kirche, schön, stolz, mit gekröntem Haupt und dem Kelch als Zeichen des neuen Bundes – rechts vom Kreuz „Synagoga“, das Judentum, schwach, Jesus abgewandt, mit zerbrochenem Stab und einer Binde über den Augen, die ihre Blindheit gegenüber dem Messias verdeutlicht. Das Original stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist in der Kathedrale von Bourges in Zentralfrankreich zu sehen. Eine Kopie ließ Marczell von Nemes, von 1921 bis 1930 Besitzer des Tutzinger Schlosses, in der dortigen Schlosskapelle einsetzen.

Längst ist im Schloss die Evangelische Akademie zu Hause – und die will „dieses umstrittene Bild nicht länger unkommentiert lassen“, wie Akademiedirektor Udo Hahn am Freitag sagte, als er zusammen mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, und dem Antisemitismusbeauftragten der Staatsregierung, Dr. Ludwig Spaenle, eine Mahn- und Gedenktafel in der Kapelle enthüllte.

„Durch solche und ähnliche Darstellungen wurden Juden von Christen über Jahrhunderte auf schlimmste Weise herabgewürdigt“, heißt es darauf unter anderem. „Damit haben die Kirchen entscheidend zu einer tiefen Verankerung einer antijüdischen Haltung beigetragen und bei der Entstehung des verheerenden und gewalttätigen Antisemitismus der Neuzeit mitgewirkt und Schuld auf sich geladen.“ Spaenle bezeichnete die Darstellung der „Ecclesia und Synagoga“ als „geisteswissenschaftlich besonders unappetitlich“.

Bei der Tafel handele sich um „eine Form der Aufarbeitung und Distanzierung“, sagte Hahn. Die Akademie wolle ihre Gründung vor 75 Jahren zum Anlass nehmen, sich „öffentlich, klar und entschieden von der judenfeindlichen Darstellung“ zu distanzieren. Das würde sich Charlotte Knobloch auch an anderen Stellen von den christlichen Kirchen wünschen. Dass sich die Evangelische Akademie so klar bekenne, sei „ein außergewöhnliches Ereignis für mich“, sagte sie.

Bei der Feierstunde dabei waren auch rund 20 Zehntklässler der Benedicuts-Realschule Tutzing mit ihrer Direktorin Angela Richter und Geschichtslehrerin Katharina Lieb, die Fragen an Knobloch und Spaenle vorbereitet hatten. Die Schule lebt Erinnerungskultur, hatte in der Vor-Corona-Zeit auch regelmäßig den Holocaust-Überlebenden Abba Naor zu Gast.

Knobloch nutzte die Gelegenheit für einen emotionalen Appell. „Die Zeit der Zeitzeugen geht zu Ende“, sagte die 89-Jährige, die selbst den Holocaust überlebt hat. „Dann seid ihr diejenigen, die die Erinnerung weitergeben müsst.“ Die jungen Leute müssten sich für Politik interessieren, sagte sie. „Und für unser Land und für die jüdischen Menschen.“ Sie lud die Schüler zu einem Besuch der Synagoge in München ein. „Tragt die Dinge weiter, die ihr kennt und mitbekommt. Ihr seid die Zukunft, ihr habt es in der Hand“, betonte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Generell attestierte Knobloch der Jugend im Wissen über das Thema „hervorragende Fortschritte im Vergleich zu früher“.

Was trotzdem die Ursachen für Antisemitismus unter Jugendlichen seien, wollte eine Schülerin wissen. „Schlechte Vorbilder“, antwortete Spaenle und schilderte einen Fall an einer bayerischen Grundschule, in dem ein jüdischer Mitschüler gefragt worden sei, wann die Juden denn „das Blut der Christenkinder“ trinken würden. „Antisemitismus ist dumm“, betonte Spaenle. Er warnte auch vor Verschwörungstheorien, vor Gerede über „Ostküstenkapital“ und den Namen „Rotschild“, der als Synonym für angebliches jüdisches Geschäftsgebaren herhalten müsse.

Ob Antisemiten zu einem Umdenken fähig seien, fragte eine andere Schülerin. „Eingefleischte Antisemiten kann man nicht überzeugen“, sagte Knobloch. Mit den anderen lohne es sich jedoch, in Dialog zu treten.

Wie wichtig das Eintreten gegen Antisemitismus ist, betonte auch Spaenle. Die Zahl der antisemitischen Straftaten sei dramatisch angestiegen, sagte er. „Dagegen muss sich der Staat wehren. Und dagegen muss mit aller Härte des Gesetzes vorgegangen werden.“

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