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„Letzte Wurst vor Afrika“

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Flieg, kleiner Mauersegler, flieg: Ninon Ballerstädt entlässt einen ihrer Schützlinge in die Freiheit. Unter den interessierten Blicken der Zuschauer machten die Vögel ihre ersten Flugversuche – alle mit großem Erfolg.
Flieg, kleiner Mauersegler, flieg: Ninon Ballerstädt entlässt einen ihrer Schützlinge in die Freiheit. Unter den interessierten Blicken der Zuschauer machten die Vögel ihre ersten Flugversuche – alle mit großem Erfolg. © Andrea Jaksch

Es ist immer ein besonderes Erlebnis: Ninon Ballerstädt entlässt im Tutzinger Würmseestadion die kleinen Mauersegler in die Freiheit, nachdem sie sie wochenlang gepflegt und aufgepäppelt hat. Diesmal waren es neun kleine Vögel, die vermutlich für lange Zeit in der Luft bleiben werden.

Tutzing – „Haus 1“, „Haus 2“ und „Haus 3“ stand auf den Kisten. In jeder von ihnen warteten am Dienstagabend ím Tutzinger Würmseestadion ein paar Vögel auf das große Ereignis: den Aufbruch in die Freiheit. Aber ob es bei den kleinen Mauerseglern wirklich klappen würde? Da war sich Ninon Ballerstädt nicht sicher.

Es war in diesem Jahr der zweite Start für die Biologin, die in Tutzing für ihre unermüdliche Arbeit mit verletzten und kranken Vögeln bekannt ist. Bei den meisten hat sie Erfolg. Umso schwerer fällt es ihr, wenn das nicht der Fall ist, so wie bei Tommy aus Penzberg, der querschnittsgelähmt in Tutzing eintraf, und bei Giro aus Seeshaupt, dem eine Schulterverletzung zu schaffen macht. In ihrer Wohnung am Bareisl, die einem Tierheim gleicht, pflegt Ninon Ballerstädt die Tiere zusammen mit ihrem Partner Alois Seidl liebevoll, päppelt sie auf und schließt Freundschaft mit ihnen.

Der erste Flug in die Freiheit in diesem Jahr war für 14 Vögel im Juli. Am Dienstag waren neun Mauersegler dabei, und sieben von ihnen starteten erfolgreich in die Lüfte. Wie immer fütterte Ballerstädt sie zuvor ein letztes Mal, umringt von vielen Neugierigen. So richtig fressen wollten etliche der Vögel nicht. Vielleicht waren sie zu aufgeregt. Ninon Ballerstädt öffnete ihnen zart die Schnäbel und schob ihnen das Futter mit einer Pinzette tief hinein. „Das ist die letzte Bratwurst vor Afrika“, witzelte sie mit einem von ihnen aufmunternd. Das war für sie gleichzeitig der sichtlich schwere Abschied von ihren kleinen Lieblingen, die ihr ans Herz gewachsen sind.

Schließlich der große Moment. Ballerstädt holte zuerst Lieserl aus Weilheim aus ihrem Haus. Lieserl flatterte rasant empor – weg war sie. Beifall brandete auf. Dann war Fridolin aus Raisting an der Reihe – problemlos. Der Nächste war Oskar aus Feldafing. Bei ihm wollte es zuerst gar nicht klappen: Ein paar Flatterversuche – und er lag am Boden. Ninon Ballerstädt war sofort wieder bei ihm, sprach ihm gut zu, versuchte es ein zweites Mal – und auch Oskar schaffte es.

Katya aus Garmisch-Partenkirchen war kurz darauf recht mühelos hoch oben, obwohl sie eigentlich ein Sorgenkind war: Sie hatte ihre wahrscheinlich durch einen Hitzeschaden stark geschädigten Schwungfedern allein abgeworfen und neue, gesunde Federn nachgeschoben. Agnes schaffte es, Tuffi und auch Loisl. Gespannt beobachteten die Umstehenden das Spektakel und stellten viele Fragen. Kaum glauben konnten die meisten, dass die Mauersegler sehr lange – nicht selten monatelang – in der Luft bleiben, sich von Insekten ernähren, die sie dort fangen, und offenbar beim Fliegen auch schlafen.

Lorenz Goslich

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