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Kardinal Reinhard Marx hat Post aus Tutzing bekommen.

Pfarrgemeinderat Tutzing

Missbrauch: Alarmruf an Kardinal Marx

Der Tutzinger Pfarrgemeinderat hat sich an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewandt. Grund: Die Mitglieder sind mit dem Umgang mit Missbrauchsfällen unzufrieden.

Tutzing – Mit einem Brief wenden sich die Tutzinger Pfarrgemeinderäte an Kardinal Marx. Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche geht ihnen nicht weit genug.

„Vermehrt bemerken wir, dass Menschen ihr Vertrauen in die Kirche verlieren, sich abwenden“: Die Tutzinger Pfarrgemeinderäte scheuen deutliche Worte nicht. In einem Brief an den Münchner Kardinal Reinhard Marx schildern sie ein „Gefühl von Ohnmacht, Trauer, Ärger“ aufgrund der Erkenntnisse, die aus der Missbrauchsstudie (MHG) und der Missbrauchsdiskussion der vergangenen Monate offensichtlich geworden seien. Der Alarmruf, den die Pfarrgemeinderäte kurz vor Weihnachten an den Kardinal geschickt haben, entspringt einer intensiven Diskussion über dieses Thema. In Tutzings katholischer Pfarrei wird sie schon seit einiger Zeit so kritisch geführt, dass darauf auch Mitglieder von Pfarreien in anderen Regionen aufmerksam geworden sind (siehe Kasten).

In dem Schreiben machen die Pfarrgemeinderäte kein Geheimnis aus ihrer Enttäuschung über den Stand der Dinge. Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche geht nach ihrer Auffassung bisher nicht weit genug. „Wir wollen dazu nicht schweigen“, schreiben sie, „und möchten als Pfarrgemeinderat vielen Mitchristen eine Stimme geben.“ Sie hätten sich Gedanken darüber gemacht, wie es für die Kirche weitergehen müsse, damit wieder Glaubwürdigkeit hergestellt werden könne, die „für viele inzwischen nicht mehr gegeben“ sei. Die deutliche Bekanntmachung von Sofortmaßnahmen durch die Deutsche Bischofskonferenz vom 27. September 2018 bezeichnen die Tutzinger als wichtig, um der breiten Öffentlichkeit „das ehrliche Bemühen um Aufklärung und Vermeidung deutlich zu machen“. Der hoffnungsvolle Aufbruch dürfe aber nicht versanden. Offenheit im Missbrauchsthema müsse der erste Schritt sein, betonen sie und fügen hinzu: „Geschwiegen und weggeschaut wurde zu lange!“

Auswahl und Ausbildung Thema

Die Pfarrgemeinderäte listen in ihrem Brief klare Prioritäten auf: Das Eingehen auf die Betroffenen und die Ermutigung zur Anklage, die vollständige Offenlegung der Akten und personelle und strafrechtliche Konsequenzen sowie eine offene und ehrlich gemeinte Diskussion weiterer Themen zur Stärkung der Glaubwürdigkeit der Kirche. „Wir möchten Sie ermutigen, die in der Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz aufgeführten Schritte konsequent in die Tat umzusetzen“, schreiben die Pfarrgemeinderäte an Kardinal Marx. Neben der in der Erklärung erwähnten Erörterung von spezifischen Herausforderungen wie den Fragen nach der zölibatären Lebensform der Priester und nach verschiedenen Aspekten der katholischen Sexualmoral oder dem Bild von Mensch und Sexualität bezeichnen es die Pfarrgemeinderäte als wichtig, auch die Auswahl und Ausbildung der Priesteramtskandidaten zu analysieren und zu modifizieren. „Uns allen liegt die Glaubwürdigkeit unserer Kirche am Herzen“, betonen sie: „Deshalb sollten unabhängig von der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und der Prävention auch weitere Fragen in einem transparenten, offenen und unvoreingenommenen Diskussionsprozess angegangen werden, die vielen Menschen am Herzen liegen.“ Dazu gehöre die Rückbesinnung auf ein Priesterbild, wie Christus es gewollt habe: ein Amt des Dienens, nicht der Macht, offen für Männer und Frauen, für Unverheiratete und Verheiratete.

Die Tutzinger Pfarrei gehört zur Diözese Augsburg. An Kardinal Reinhard Marx hat sich der Pfarrgemeinderat wegen seiner Funktion als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und seines Einflusses in Rom gewandt. Der Brief ist eine Gemeinschaftsarbeit aller Pfarrgemeinderatsmitglieder. Sechs haben ihn unterzeichnet. Mitglieder des Pfarrgemeinderats von St. Joseph sind Waltraud Brod (Vorsitzende), Theresa Feldhütter, Lieselotte Garke, Sigrid Gottstein, Konrad Hecht, Martin Held, Dr. Max Körte, Hanna Krause, Rita Niedermaier, Schwester Katharina Rohrmann, Christoph Scholz, Markus Schuster, Karin Thiele-Lucas, Karsten Thost, Stefan Ullrich und Christoph Graf von Westphalen.

Von Lorenz Goslich

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