Neuwahl bei der Ambulanten Krankenpflege Tutzing (v. li.): Jutta Witzenhausen-Rommel, Vorsitzender Pfarrer Peter Brummer, Referentin Dr. Marianne Koch, Thomas von Mitschke-Collande, Raimund Mader, Dr. Rainer Wiesmeier und Uwe Bieber.
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Neuwahl bei der Ambulanten Krankenpflege Tutzing (v. li.): Jutta Witzenhausen-Rommel, Vorsitzender Pfarrer Peter Brummer, Referentin Dr. Marianne Koch, Thomas von Mitschke-Collande, Raimund Mader, Dr. Rainer Wiesmeier und Uwe Bieber.

Festschrift gerade rechtzeitig fertig geworden

Ambulante Krankenpflege Tutzing: Kritische Töne zum 100-Jährigen

In einer Festschrift der Ambulanten Krankenpflege Tutzing nehmen Experten örtliche Gemeinschaften in die Pflicht: Sie müssten für die Pflege alter und kranker Menschen zuständig sein – nicht allein die Angehörigen.

Tutzing – Die Festschrift ist gerade rechtzeitig fertig geworden: Bei der Versammlung der vor 100 Jahren gegründeten Ambulanten Krankenpflege haben die Mitglieder sie am Samstag erhalten. Die mehr als 70-seitige Broschüre hat es in sich. Neben vielen Infos über Angebote und Mitarbeiter sowie einer fundierten Abhandlung des Historikers und Ex-Gemeinderats Dr. Toni Aigner über die Vereinsgeschichte enthält sie drei aktuelle Beiträge zur Pflege: Interviews mit dem Sozialexperten Prof. Thomas Klie und Bürgermeisterin Marlene Greinwald sowie Ausführungen von Dr. Peter Neher, dem Präsidenten des Deutschen Caritasverbands.

Da fehlt es nicht an Plädoyers für eine Reform – mit erheblichen Konsequenzen auch für Kommunen. Sie müssten Strukturen entwickeln, die es alten Menschen ermöglichen, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können, fordert Caritas-Präsident Neher. Klie, der in Freiburg lehrt und in Tutzing lebt, nimmt die Kommunen noch stärker in die Pflicht: Falls der freie Markt versage, müssten sie als „Gewährleistungsträger“ fungieren, die Rechtsansprüche der Bürger auf gute Pflege und gesundheitliche Versorgung „einlösen“. Die ambulante Pflege müsse ein Thema örtlicher Gemeinschaften sein, nicht allein von Angehörigen.

Bürgermeisterin Greinwald zeigt Verständnis

Mit diesen Forderungen hat die Ambulante Krankenpflege sogleich Tutzings Bürgermeisterin Greinwald konfrontiert. Sie zeigt dafür Verständnis, wie aus der Festschrift hervorgeht. Eine Gemeinde sei so nah an den Menschen wie keine andere politische Instanz. Aber dann müssten auch die Verantwortlichkeiten neu geregelt werden, „anstatt der Gemeinde einfach eine weitere aufzubürden“. Für nötig hält sie zudem ein Finanzierungskonzept, fachliche Hilfe und einen „Masterplan“. Bereits in Vorbereitung sei in Tutzing eine Beratungsstelle.

Zum ersten Vorsitzenden der Ambulanten Krankenpflege wurde bei der Versammlung Tutzings katholischer Pfarrer Peter Brummer wiedergewählt. Der Verein ist für ihn verbunden „mit gelebter Caritas und Nächstenliebe“, von seinen Anfängen durch Kirche und Tutzinger Kloster 1921 bis heute. „Bei aller Kritik an der Kirche – was da geleistet wird, ist enorm“, betonte er.

Änderungen im Vorstand

Wiedergewählt wurden auch Dr. Rainer Wiesmeier zum zweiten Vorsitzenden, Dr. Thomas von Mitschke-Collande zum Schriftführer, Schwester Ruth Schönenberger, die Priorin des Tutzinger Klosters, und Raimund Mader zu weiteren Vorstandsmitgliedern. Nachfolger der langjährigen Kassenprüfer, Altbürgermeister Peter Lederer und Rosemarie Wunsch, wurden Maria Neumann und Uwe Bieber. Den Vorstand ergänzen für den Gemeinderat Verena von Jordan-Marstrander, für den Freundeskreis Jutta Witzenhausen-Rommel und für die Kirchenverwaltung Alfons Mühleck.

Die Ambulante Krankenpflege hat 2117 Mitglieder, wenn man 100 Personen in ihrem Freundeskreis dazuzählt. 95 Angestellte und 104 Ehrenamtliche bilden die Belegschaft, über die sich Geschäftsführer Armin Heil stolz zeigte. „Wir sind durchaus ein mittelständisches Unternehmen“, sagte Mitschke-Collande angesichts von 3,8 Millionen Euro Umsatz – das sind Einnahmen für Pflege- und Betreuungsleistungen – und sonstigen betrieblichen Erträgen.

In 170 000 Euro operativem Verlust spiegele sich ein strukturelles Problem des Pflegedienstes wider: Er sei nur mit Menschen möglich, „nicht mit einem Roboter“. Rund 75 Prozent Personalkosten seien in Ordnung: „Sie sollten sogar noch höher sein.“ Das Problem sei, dass der von den Sozialkassen bezahlte Betrag zu niedrig sei. Zum Glück gebe es aber in Tutzing viele Unterstützer. „Viele, viele kleine Spenden“ und ein Vermächtnis haben ein „ideelles Ergebnis“ von 264 000 (Vorjahr 424 000) Euro ermöglicht, das den Verlust ausgleicht.

Text: Lorenz Goslich

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